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Der rote Löwe

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Titel: Der rote Löwe
Originaltitel: a vörös oroszlan (1946)
Autor: Mária Szepes
Übersetzung: Gottfried Feidel
Titelbild: Attila Boros
Buch/Verlagsdaten: Wilhelm Heyne Verlag 9303 (12/2002); 686 Seiten; 9 € oder Wilhelm Heyne Verlag 4043 (1984); 526 Seiten; 9,80 DM; ISBN: 3-453-30985-5 oder Wilhelm Heyne Verlag 8457 (1992); 526 Seiten oder Piper Verlag 8543 (8/2004); 686 Seiten; 12,95 €; ISBN: 3-492-28543-0

Eine Besprechung / Rezension von Erik Schreiber
(weitere Rezensionen von Erik Schreiber auf fictionfantasy findet man hier)

Der Roman erzählt die Geschichte des 1535 geborenen Alchemistenschülers Hans Burger. Er verlässt nach dem Tod seines Vaters als junger Müllersohn sein Elternhaus, um seinen Lebensunterhalt als Hausbursche zu verdienen. Im Gasthof lernt er einen Alchimisten kennen und will bei ihm in die Schule zu gehen. Der Grund, warum er nun die Nähe eines Alchimisten sucht,  ist darin zu sehen, dass sein Vater gestorben und sein Lehrer ebenfalls eher von schwächlicher Konstituton ist. Die Suche nach dem Elixier des Lebens ist der eigentliche Auslöser. Der Alchimist und Wanderarzt Rochard hütet ein großes Geheimnis. Er ist im Besitz des Elixiers des ewigen Lebens. Hans will ebenfalls das ewige Leben erlangen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht, sein Machtsteben endet mit einer gewaltsamen Aneignung des Trankes. Gewarnt vor dem Unsterblichkeitselixier, aber in seiner Gier nach dem Mittel sogar mordlüstern, erhält er die Einsicht einer ewig dauernden Bestimmung, wie etwa die Figur des ewigen Juden. Der Preis für  seine Tat ist hoch. Nach der Einnahme des magischen Trankes im 16. Jahrhundert ist er unsterblich. Seither muss er jetzt Jahr um Jahr seinen Weg durch Raum und Zeit nehmen, ohne die Möglichkeit seiner verbrecherischen Tat zu entfliehen, denn die Erinnerungen holen ihn immer wieder ein. Dies zeigt sich in Wiedergeburten als Alchimist bei der dänischen Königin Christina, als französischer Aristokrat oder gar als Schüler des Grafen von St. Germain. Damit hat Mária Szepes alle wichtigen Esoteriker abgehandelt. Zwar kann Hans Burger durchaus körperlich sterben, doch wird er mit all seinem Wissen ständig neu geboren und muss praktisch so das Leid des Fegefeuers vorwegnehmen. Eine abenteuerliche Reise durch die Jahrhunderte beginnt. Und immer aufs Neue versucht er die große Transmutation durchzuführen, die ihn von seinem selbst gewählten Fluch erlöst. Hans Burger wird für den Leser zum Mittler europäischer Geschichte. Der Schüler wächst an sich selbst und seinen Aufgaben. Aus einem niederträchtigen, gemeinen Charakter wird über die Jahre hinweg ein selbstloser Diener an der Menschheit. Hans Burger erreicht schließlich die höchste menschliche Vollendung, die er sich vorstellen kann. Er wird zu einem Magus, einem Eingeweihten.

Die Autorin hat einen interessanten, episodenhaften Roman geschrieben, der allenthalben auch als Einweihungsroman bezeichnet wird. Der normale Leser wird nicht mit okkultem Wissen überfordert, dafür mit historischen Einzelheiten bekannt gemacht. So bleibt der Roman für normale, wie für esoterisch beeinflusste Leser leicht verständlich. Mária Szepes weiht den unbedarften Leser in einer Faust'schen Manier in die Gedankenwelt der Alchimisten ein, schreibt mit präziser und kraftvoller Sprache einen Roman um Liebe, Hoffnung und Magie, die in den Bauernstuben zu Hause ist und ebenso in dunklen Ritterburgen und prächtigen Palästen spielt. Das für mich fesselndste Kapitel war sicherlich "Schwarzer Eros" mit der dunklen Seite der Sexualmagie. Die Autorin bietet den Leserinnen und Lesern einen Einblick in Geheimgesellschaften, Geheimwissen und die Gedankenwelt von Alchimisten. Es ist ein Gang durch die Geschichte mit einem Besuch historischer Schauplätze und ein Weg durch die sozialen Strukturen. Als Begleiter des Adepten werden Leser und Leserinnen teilhaftig der geistigen Welten der Esoterik.
Die Figuren von Mária Szepes wirken auf den ersten Blick sehr wirklich. Es können durchaus Personen sein, die wir unterwegs auf der Straße treffen. Die Charaktereigenschaften der Personen, die Beweggründe und Gefühle sowie die Beziehungen untereinander lassen sich verständlich nachvollziehen. Weil in ihrem Buch eine so große Nähe zu den beschriebenen Personen entsteht, wird es auch über weitere Jahrzehnte aktuell bleiben.
Der historische Roman mit seinen okkulten Einschlägen macht aber auch deutlich, dass Mária Szepes nicht nur eine Geschichte erzählen will. Angelehnt ist der Roman, sofern man Vergleiche ziehen will, an ähnliche Bücher von Gustav Meyrink und Paul Busson, die in den zwanziger Jahren erfolgreich veröffentlichten. Und doch, Ziel scheint es zu sein, eine neue esoterische Weltanschauung zu festigen. Eine neue Religion zu gründen, wie manch ein Rezensent schrieb, ist dann doch zu hoch gegriffen, nur weil sie eine esoterische Schule gründete und Religionswissenschaft studierte.
Mit der Buchreihe Meisterwerke der Fantasy legte der Wilhelm Heyne Verlag diesen Band erneut auf. Lange Zeit vergriffen, zählt er zu den besseren Werken der esoterischen und der historischen Fantasy. Die zur Zeit aktuelle Auflage ist im Piper Verlag zu erhalten.

 

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