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Der Krieg mit den Molchen

Bewertung: 5 / 5

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Serie /Zyklus: ~
Titel: Der Krieg mit den Molchen
Originaltitel: Válka s mloky (1936)
Autor: Karel Capek
Übersetzung: Eliška Glaserová
Verlag: Aufbau Verlag (2000), Diogenes Verlag (1996)

Eine Besprechung / Rezension von Rupert Schwarz
(weitere Rezensionen von Rupert Schwarz auf fictionfantasy findet man hier)

Ich las Ihren Roman Der Krieg mit den Molchen, der glücklicherweise ins Deutsche übersetzt ist. Lange hat mich keine Erzählung mehr so gefesselt und gepackt. Ihr satirischer Blick für die abgründige Narrheit Europas hat etwas absonderlich Großartiges, und man erleidet diese Narrheit mit Ihnen, indem man den grotesken und schauerlichen Vorgängen der Erzählung folgt, deren Phantastik ein durchaus zwingendes und notwendiges Leben gewinnt.
Thomas Mann 1937 über das neueste Buch des tschechischen Autors.

Käptain van Toch wirkt auf den ersten Blick ruppig, doch er hat ein gutes Herz. Als er auf einer Südseeinsel eine Polulation von Wasserwesen entdeckt, die mehr schlecht als recht überleben und von Haien dezimiert werden, beschließt er, ihnen zu helfen. Schnell stellt sich heraus, dass die „Molche“ recht intelligent sind und für Perlen, die ihm die Wesen geben, gibt er ihnen seinerseits Messer und Hapunen. Nun ist es so, dass sich die Molche, als erst mal ihre Erzfeinde, die Haie, unter Kontrolle gebracht sind, stark vermehren. Van Toch jedoch hat auch hierfür eine Lösung: Die Molche werden exportiert und in anderen Gegenden angesiedelt. Das Geschäft mit den Perlen ist sehr lukrativ, doch kurz nach van Tochs Tod bricht die Nachfrage ein. Doch was soll man tun mit 7 Millionen Molchen, die nun keine Perlen mehr fischen? Die Lösung liegt auf der Hand: Die Molche, über deren Intelligenz man sich nur langsam im Klaren wird, werden als Arbeitskräfte verkauft, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Molche ihre eigene Stärke entdecken.

Der Roman ist phantastisch und trotz seiner fast 70 Jahre immer noch hochaktuell und wirkt, als sei er erst gestern verfasst worden. Karel Capeks Buch ist ein Klassiker und der Mann, der sich durch die Prägung des Begriffs „Robot“ in den Geschichtsbücher verewigen konnte, hat mit diesem Buch ohne Zweifel einen Meilenstein der Phantastik verfasst. Besonders auffällig ist, wie innovativ er die Geschichte erzählte. Capek erzählt nicht einfach eine Geschichte herunter mit mehreren Protagonisten. Es ist eher die Dokumentation einer Misere, die dem Leser in voller Bandbreite dargestellt wird. So passt es dann auch, dass der Leser diese Informationen nicht durch Berichte und Erzählungen, sondern auch durch Zeitungsausschnitte, Werbeanzeigen oder Aufsichtsratsprotokolle bekommt. Ganz besonders gelungen ist die Erklärung, wie Molch-Börsennotierungen zu verstehen sind. Ganz klar: Zynismus ist das bestechende Stilmittel eines herausragenden Romans.

Doch der Roman ist keineswegs nur ein unterhaltsamer phantastischer Roman. Dies ist auch ein höchst politisches Buch, in dem Capek den in Europa vorherrschenden Imperialismus und Faschismus aufs Bitterste kritisierte und bloßstellte. So war es auch kein Wunder, dass der Roman bereits 1937, also im Jahr des Erscheinens der tschechischen Originalausgabe, in einer deutschen Ausgabe erschien. Eigentlich verwunderlich, dass die Nationalsozialisten dieses Buch nicht gleich verbaten, aber da hat wohl so mancher Verantwortliche die Ironie nicht verstanden und auch nicht den Bezug zu den aktuellen Verhältnissen in Europa herstellen können. Ein Jahr später starb Karel Capek und in der  von den Deutschen besetzten Tschechoslowakei galt er als großer Staatsfeind. Der Krieg mit den Molchen war sein letztes Werk. Als die Deutschen einmarschierten, starb er an einem Herzinfarkt. Sein Bruder, der mit ihm zusammen mehrere Bücher verfasst und viele seiner Werke illustriert hatte, starb 1945 im Konzentrationslager.

Zum Schluss seines Romanes setzt der Autor seinen ungewöhnlichen Kapiteln mit einem Monolog, den er mit sich selbst führt, die Krone auf. In höchst ungewöhnlicher Weise überzeugt er sich selbst, dass der Molch, der zur existenziellen Bedrohung der Menschheit geworden ist, sich in einem Weltkrieg selbst vernichten wird, weil seine Einheit verlorengeht und zu sehr auf Unterschiede geachtet wird. Damit wird Capek im hohen Grade politisch und stellt die Molche mit den Imperialisten auf eine Stufe. Diese Zeilen dürften nicht nur den Nationalsozialisten böse aufgestoßen sein und Capek hätte in den von ihm prophezeiten Kriegsjahren viel Leid erleben müssen, wenn er - wie er es wohl ausgedrückt hatte - sich nicht "davongestohlen" hätte.

Der Roman erlebte nach seiner Erveröffentlichung etliche Neuauflagen, u. a. im Diogenes Verlag, im Ullstein Verlag oder auch im Heyne Verlag. Die letzte Ausgabe aus dem Jahr 2000 wurde vom Aufbau Verlag herausgebraucht, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Buch, das leider momentan nur schwer erhältlich ist, neu aufgelegt wird, denn der Stoff bleibt so lange aktuell, bis die Menschheit ihre eigene Ignoranz überwunden hat, und dies kann noch eine ganze Weile dauern. 10 von 10 Punkten.

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