Text Size

Virtuelles Licht (Bridge-Trilogie, Band 1)

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

 

Serie / Zyklus: Bridge-Trilogie, Band 1
Titel: Virtuelles Licht
Originaltitel: Virtual Light
Autor: William Gibson
Übersetzung: Peter Robert
Verlag / Buchdaten: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hardcover, USA: 1993, BRD: Dezember 1993, 326 Seiten

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor
(weitere Rezensionen von Judith Gor auf fictionfantasy findet man hier oder auf ihrer Webseite www.literatopia.de)

Berry Rydell war Polizist in Knoxville - bis er einen durchgeknallten Familienvater erschoss. Zufällig wird er Darsteller in Cops in Schwierigkeiten, einer Fernsehreportage, die er als Kind mit seinem Vater zusammen gesehen hatte und die der Grund für seine Berufswahl war. Er wird aus seinem Prozess herausgepaukt und durchlebt eine kurze Berühmheit, doch schließlich wird er aus der Serie geschmissen und landet bei einer Sicherheitsfirma namens IntenSecure. Natürlich bleibt er auch dort nicht lange, und so verschlägt es ihn nach San Francisco, der Heimat von Chevette Washington. Sie arbeitet als Fahrradkurier und lebt auf der Oakland Bridge, die inzwischen von zusammengebastelten Hütten überwuchert wird - hier leben diejenigen, die im Leben nicht so viel Glück hatten. Die Bevölkerung hat sich von der Stadt abgekapselt und lebt in Anarchie - dennoch werden Werte wie Gemeinschaft hier hochgehalten.

Rydell und Chevette sowie die anderen Charaktere in Virtuelles Licht sind so unvollkommen wie die Welt, durch die sie sich kämpfen. Die Atmosphäre ist weitgehend düster und hart, die Dialoge sind trocken und sorgen für den einen oder anderen Lacher.

Es ist erstaunlich, wie Gibson es schafft, Thriller und Science-Fiction oder besser gesagt Cyberpunk in Einklang zu bringen. Die Geschichte liest sich durchweg spannend, es gibt so gut wie keine Längen, bei denen der Leser mal durchatmen könnte - und nicht nur wegen des enormen Tempos, das der Autor vorlegt, kann man dieses Buch schwer aus der Hand legen. Gibson schreibt dermaßen dicht und fesselnd, dass man sich zwischen den genialen Formulierungen schier verliert - zudem sind die Charaktere mit all ihren Schwächen so sympathisch, dass man schwer damit warten kann, zu wissen, was mit ihnen geschieht.

Im Gegensatz zur Neuromancer-Trilogie ist der Auftakt zur Bridge-Trilogie weniger abgedreht, sondern klarer und gleichzeitig kompromissloser. Zeitlich befinden wir uns vor der Welt der Neuromancer-Romane, im frühen 21. Jahrundert. Der Cyberspace steht noch am Anfang und manches scheint eher Gegenwart als Science-Fiction.

Im Hintergrund der Geschichte blitzen immer wieder große Zusammenhänge durch, die sich dem Leser jedoch nur unvollständig erschließen. Gibson konzentriert sich auf die Geschichten seiner Charaktere - Geschichten ganz normaler Menschen, die mit globalen Ereignissen nur wenig zu tun haben. Sie sind lediglich Figuren, die an vielen Eckpunkten die beunruhigenden Hintergründe berühren.

Mit unfassbarer Liebe zum Detail führt Gibson den Leser durch eine Zukunft, in der die Kluft zwischen arm und reich unüberwindbar geworden scheint und die technische Entwicklung die Menschheit überrennt. Das Lesegefühl pendelt dabei zwischen Faszination und Abscheu, wirkt doch Gibsons Vision erschreckend nah. Auch wenn der Roman inzwischen fünfzehn Jahre alt ist und manches wie eine veraltete Vorstellung daherkommt, gibt es viel Aktuelles zu entdecken. Gibson zeichnet hier Entwicklungen, die wir teilweise in unserer Gegenwart beobachten können. Auch heute noch wirkt der Roman wie eine Mahnung und selbst wenn niemand genau sagen kann, wie die Zukunft aussieht: Bei Virtuelles Licht hat man das Gefühl, schon mittendrin zu sein.

Fazit:
Eines der wenigen Bücher, die ich mehrmals gelesen habe. Auch wenn einiges im Unklaren bleibt, war ich am Ende des Romans sehr zufrieden und habe mich natürlich sofort auf Idoru gestürzt. Dort wird die Hintergrundgeschichte von Virtuelles Licht weitergeführt, jedoch mit anderen Charakteren - im dritten Teil der Trilogie (All Tomorrow’s Parties, in Deutschland: Futurematic) trifft man schließlich wieder auf alte Bekannte. Doch dazu ein andermal mehr!

An dieser Stelle sei jedoch gesagt, dass Gibsons Stil gewöhnungsbedürftig ist, und wer Cyberpunk nicht mag, wird auch an diesem Roman keine Freude finden. Für Fans der Dystopie und geneigte Leser, die sich mit dem Genre vertraut machen wollen, ist der Roman wärmstens zu empfehlen - als Einstieg ist er sogar weitaus besser geeignet als Neuromancer. Ach ja: Wer gut mit Englisch klarkommt, sollte zur englischen Version greifen, da dort Gibsons Stil noch viel besser zur Geltung kommt!

Rezensionsübersicht

I WANT YOU

 

Fictionfantasy.de sucht Phantastik-Begeisterte, die bereit sind an dieser Seite mitzuarbeiten.

Die Hilfe kann ganz unterschiedlich sein und muss auch nicht unbedingt das Verfassen von Texten sein - auch am Layout muss gearbeitet werden oder an der Datenbank.

Wenn dies etwas für dich ist, scheibe einfach eine EMail an rupert.schwarz @ gmx.de.

Schriftsonar

Schriftsonar #55 erschienen.

Datastream:
Kai Meyer: Die Krone der Sterne
Ian McDonald: Luna
Ian M. Banks: Surface Detail
Daniel Suarez: Daemon
Daniel Suarez: Dark Net
Daniel Suarez: Kill Decision

 

Phantast

 

PHANTAST ist das kostenlose, gemeinsame Online Magazin von fictionfantasy.de und www.literatopia.de das ca. dreimal pro Jahr erscheint. Wie der Name schon sagt, dreht es sich um die Phantastik in all ihren Ausprägungen. Ob Fantasy, Science Fiction, Horror oder wilde Genremixe - im PHANTAST soll alles vertreten sein!
Für jede Ausgabe gibt es einen Themenschwerpunkt, nach dem sich die Artikel und Rezensionen richten.

Übersicht aller Ausgaben

Top 1000 der SF

Über 300 Leute haben aus über 2000 Büchern die Besten SF Werke abgestimmt. Hier gibt es die Ergebnisse.

Viel Spaß beim Stöbern.

Top 1000 der SF

Wer sind wir?

fictionfantasy ist ein verlagsunabhängiges Rezensionsportal für phantastische Werke und mehr. Derzeit sind über 15.000 Artikel abrufbar!
Du hast fehlende Angaben bei Autoren oder Buchtiteln gefunden? Hast du einen Blog und willst im fictionfantasy-Netzwerk mitmachen? 
Schreibe uns! Kontakt siehe Impressum!