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Die Stadt der verkauften Träume

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Titel: Die Stadt der verkauften Träume
Originaltitel: The Midnight Charter (2009)
Autor: David Whitley
Übersetzung: Gerald Jung
Titelbild: Tertia Ebert
Buch/Verlagsdaten: Wilhelm Goldmann Verlag 46691 (04/2009); 381 Seiten; 7,95 €; ISBN: 9783-442-46691-7 (TB)

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor (Weitere Rezensionen von Judith Gor findet ihr hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Website www.literatopia.de)

Agora – die Stadt der verkauften Träume. Außerhalb der mächtigen Stadtmauern soll es nichts außer kargem Bergland geben und auch wenn im Innern ein buntes Treiben auf dem großen Festplatz herrscht, weht ein eisiger Hauch von Leere durch die Straßen. Die Grundlage der Gesellschaft ist der Tauschhandel – besitzt man keine Gegenstände mehr, verkauft man eben seine Frau und Kinder. Sogar Gefühle können eingetauscht werden. Und wenn man nichts mehr hat, endet man als Schuldner bzw. Ausschuss, mit dem man kein Mitleid haben muss. Sind die Geschäfte eben schlecht gelaufen. Mitgefühl und Barmherzigkeit haben keinen Wert in Agora, außer für Lily. Als Graf Stelli seinen Sohn, Doktor Theophilus, verstößt, geht Lily mit ihm und lernt die Welt außerhalb des Astrologenturms kennen. Und mit jedem Tag in dieser für sie neuen Welt erfährt sie mehr und mehr Kälte – und beschließt, etwas dagegen zu tun …

Mark hingegen bleibt beim Grafen. Zu seiner eigenen Überraschung muss er nicht in der Küche arbeiten, sondern wird zum Sterndeuter ausgebildet. Er lernt, in den Sternen die Zukunft zu lesen und bekommt sehr viel Zuspruch – doch er soll reingelegt werden. Gerade noch rechtzeitig erfährt Markt, dass er von Stelli nur benutzt wird. Gemeinsam mit dem Diener Snuthwort gelingt es ihm jedoch, den Grafen auszutricksen und schließlich erlebt Mark einen unfassbaren Aufstieg. Er wird zum Wunderkind, zu einem der besten Sterndeuter der Stadt und lernt schnell, nach Agoras Regeln zu spielen. Er weitet seine Geschäfte aus und wird zum Sinnbild dessen, was Agora verkörpert …

Zwei Charaktere, deren Schicksale sich immer wieder überkreuzen und die Freunde sind, auch wenn es schwierige Zeiten zu durchstehen gilt. Whitley entwirft seine Protagonisten mit sehr viel Liebe zum Detail und verschafft ihnen eine Menge Glaubwürdigkeit. Lediglich ihr Alter scheint nicht recht zu passen, insbesondere Lily verhält sich zu erwachsen. Sie besitzt zwar durchaus kindliche Züge, wirkt aber eher wie eine Zwanzigjährige und nicht wie 13. Nichtsdestotrotz sind beide auf ihre Art sympathisch und ihre Handlungen gut nachvollziehbar. Durch ihre Augen erlebt der Leser Agora mit seinen Licht- und Schattenseiten und findet sich wieder in einer Welt, in der kein Platz für Liebe zu sein scheint. Alles hat seinen Preis – und in ihrem Streben nach Macht und Reichtum verlieren die Menschen letzten Endes das, was sie ausmacht: Ihre Menschlichkeit. Gemeinsam mit Lily durchlebt der Leser die dunklen Seiten Agoras und kommt nicht drum herum, sich dem Gefühl der Protagonistin zu ergeben. In dieser Stadt stimmt etwas nicht.

David Whitley schafft einen tollen Einstieg in die Geschichte und kreiert eine beeindruckende, phantastische Welt. Agora wartet mit vielen Ideen auf und wird durch die charakternahe Schreibweise greifbar. Insgesamt sehr atmosphärisch und durchweg spannend zu lesen. Der Leser lernt immer wieder neue Seiten Agoras kennen und auch neue Menschen, die sich wunderbar in die Geschichte einfügen. Es gefällt ungemein, dass der Autor sich auch um seine Nebencharaktere so bemüht!
Stilistisch ist der Roman relativ einfach gehalten, sofern die Übersetzung ihn nicht zu sehr verfälscht hat. (Diese wirkt insgesamt sehr gut gelungen, kein Satz erscheint einem seltsam formuliert – der Roman könnte genauso gut auf Deutsch geschrieben worden sein.) David Whitleys wahre Stärke liegt bei der Darstellung des zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechts bzw. dessen Fehlens in der Gesellschaft. In den vielen, kleinen Andeutungen, die nicht zu viel und nicht zu wenig verraten.

Leider kommt das Ende etwas abrupt und wirkt, als hätte der Autor versucht, unter 400 Seiten zu bleiben. Es wird nicht alles vollständig aufgeklärt und der Leser bleibt mit seinen angefangenen Ideen allein. Immerhin bleibt so viel Raum für eigene Interpretationen, aber ein klein bisschen deutlicher hätte Whitley schon werden können. Vor allem, wenn seinem Roman eine so liebevoll ausgearbeitete Welt zu Grunde liegt, in die man gerne in einem anderen Roman zurückkehren würde!


Fazit

Wundervolle Fantasy mit idealistischem Charme. Eine Reise durch Licht und Schatten einer prächtigen Stadt, bei der man ihre prunkvollsten, aber auch ihre schäbigsten Winkel kennenlernt. Mit viel Liebe zum Detail erzählt und sehr unterhaltsam! 4 von 5 Punkten.

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