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Die Drachen der Tinkerfarm

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Titel: Die Drachen der Tinkerfarm
Originaltitel: The Dragons of Ordinary Farm
Autor: Tad Williams & Deborah Beale
Übersetzung: Hans U. Möhring
Buch/Verlagsdaten: Klett-Cotta Hardcover, 380 Seiten, ISBN: 978-3-608-93821-0

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor
(weitere Rezensionen von Judith Gor auf fictionfantasy findet man hier oder auf ihrer Webseite www.literatopia.de)

Die Tinkerfarm - auch „Ordinary Farm“ genannt - liegt nahe der Kleinstadt Standard Valley, wo es sich die Leute nicht verkneifen können, auf das „Standard“ anzuspielen. In dieser Einöde stehen die Aussichten auf einen Fernseher und einen Internetzugang schlecht - sogar der Handyempfang ist eingeschränkt. Doch auch wenn Tyler und Lucinda mit großem Missmut ihren Großonkel Gideon besuchen, so merken sie schon bei der Ankunft, dass die Ordinary Farm gar nicht so normal ist. Schon die Gebäude erscheinen wundersam und schließlich entdecken die beiden Kinder eine der feuerspeienden „Kühe“: Meseret, eine Drachendame, die im Krankenstall untergebracht ist. Doch Drachen sind nicht die einzigen seltsamen Wesen auf der Tinkerfarm - Tyler und Lucinda lernen auch Einhörner, Basilisken, eine Affendame mit Flügeln und ein böses Schwarzhörnchen kennen

Und auch die Bewohner der Farm sind alles andere als normal. Schon bei der Namensgebung fällt auf, wie viele Gedanken sich die beiden Autoren um ihre Geschichte gemacht haben. Da wäre einmal Mr. Walkwell, dessen Name anfangs so gar nicht zu ihm passen will, oder die düstere Mrs. Needle, vor der sich auch erwachsene LeserInnen gruseln dürften. Gideon Goldring, der Besitzer der Farm, erinnert mehr an einen durchgeknallten Wissenschaftler als an einen Bauern und die Küchenkräfte scheinen nicht nur verschiedenen Ländern, sondern auch verschiedenen Zeiten zu entstammen.

Den Roman erlebt man dabei aus der  Perspektive der Kinder, der Protagonisten Tyler und Lucinda und Collins Needle, des Sohnes der unheimlichen Haushälterin. So wird die Geschichte zu einem Abenteuer, bei dem die kindliche Begeisterung auf LeserInnen jeden Alters überspringt. Die Protagonisten sind absolut glaubwürdig in ihrer ganz eigenen Sicht der Geschehnisse. Tyler ist der typische kleine Junge, der sich mit seiner Neugier ständig in Schwierigkeiten verstrickt. Lucinda hingegen läuft lieber vor Problemen weg - doch auf der Ordinary Farm muss sie lernen, sich ihnen zu stellen. Und Collins Needle merkt man deutlich an, dass er auf der Farm bisher das einzige Kind war, wobei er sich selbst als durchaus erwachsen betrachtet.

Wer „Otherland“ oder „Shadowmarch“ kennt, weiß, dass Tad Williams’ Detailverliebtheit zu hohen Seitenzahlen führen und manchmal auch die ein oder andere Länge beinhalten kann. Die Symbiose aus Spannung und kleinen Details gelingt in „Die Drachen der Tinkerfarm“ jedoch fabelhaft. Bei der Namensgebung angefangen, über die Gestaltung der Gebäude, die kreativen Kapitelüberschriften und die Menschen und Wesen, die die Farm bewohnen. Der Roman ist schlichtweg ein atemberaubendes Kopfkino, das die LeserInnen in eine andere Welt entführt, in der es große Geheimnisse gibt, viele Seltsamkeiten, viele Wunder und auch große Gefahren. Die vielen Anspielungen auf phantastische Werke der Weltliteratur wie „Alice im Wunderland“ und „Der Zauberer von Oz“ tragen dabei zur magischen Atmosphäre bei - und Tad Williams und Deborah Beale beweisen, dass sich ihre moderne Geschichte nicht vor den Klassikern zu verstecken braucht! Sie zeichnen gemeinsam schillernde Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Fiktion und Wirklichkeit - und durchbrechen sie in einer Geschichte, die begeistert und Sehnsucht nach dem zweiten Teil aufkommen lässt. Denn es gibt noch Geheimnisse, die gelüftet werden müssen!

Doch so wie die genannten, bekannten Werke nicht unbedingt „Kindergeschichten“ sind, so ist auch „Die Drachen der Tinkerfarm“ kein Buch für allzu junge Leser. Das große Abenteuer hat durchaus Potential, als Gute-Nacht-Geschichte herzuhalten (auch wenn die Kinder danach wohl nicht mehr einschlafen oder wilde Sachen träumen), aber einige Stellen sind doch etwas gruselig und „brutal“. Und durch die vielen Anspielungen, die vielen, kleinen Details und die (natur-)wissenschaftlichen Gedanken verlangt der Roman von seinen Lesern doch eine gewisse Reife.

Die Hardcover-Ausgabe von Klett-Cotta ist von gewohnt guter Qualität. Das Cover sieht einfach klasse aus und stellt mit seiner Reliefprägung etwas Besonderes dar - das wirkliche Highlight sind aber die Illustrationen am Anfang eines jeden Kapitels. Sie passen einfach perfekt zur Geschichte (und leider nicht immer zum jeweiligen Kapitel) - man erkennt in ihnen tatsächlich die Farm und ihre Bewohner wieder. Der Preis ist dabei für ein Hardcover durchaus im Rahmen des Vertretbaren, vor allem wenn die Ausgabe so liebevoll gestaltet wurde wie der Roman selbst.

Fazit:
Mit „Die Drachen der Tinkerfarm“ beweisen Tad Williams und Deborah Beale ein unglaubliches kreatives Potential. In jedem Wort spürt man die Begeisterung der beiden Autoren für ihr Werk; die Detailverliebtheit entlockt sowohl jungen als auch erwachsenen Lesern ein kindliches Staunen. - Und so wird die Geschichte um die Ordinary Farm zu einem traumhaften, modernen Märchen  Ã  la „Alice im Wunderland“. Verträumt, spannend, ein klein wenig gruselig - und ganz großes Kopfkino!

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