Biographie von Heide Solveig Göttner / Interview mit der Autorin

Im März erschien im Piper Verlag in München der erste Band der Trilogie INSEL DER STÜRME. Unter dem Titel, DIE PRIESTERIN DER TÜRME entführt uns die Autorin auf eine geheimnisvolle Insel. Nur langsam erschliesst sich uns als Leser die neue phantastische Welt. Im Internet fand ich ihre Web-Seite und habe mit der Erlaubnis von Frau Göttner ihre Vorstellung für den PHANTASTISCHEN BÜCHERBRIEF übernommen. Im Anschluss daran folgt ein e-mail-Interview, dass ich mit ihr führen durfte. An dieser Stelle noch einmal meinen herzlichen Dank dafür.

Das Interview führte Erik Schreiber

Heide Solveig Göttner, wurde 1969 in München geboren und wuchs teils in einem Münchner Vorort und teils auf einem Bauernhof im Bayerischen Wald auf. Schon als Kind liebte sie Feensagen und Rittergeschichten. Dabei entdeckte sie neben vielen anderen Büchern auch die fantastische Literatur. Sie war schnell begeistert von der Idee, selbst magische Welten zu erfinden.
Sie studierte Anglistik und Amerikanistik. Besonders interessierte sie, wie Mythologie und Weltanschauung anderer Kulturen (z.B. Nordamerika und Afrika) sich mit der westlichen Literatur verschränken. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die INSZENIERUNG DER YORUBA-MYTHOLOGIE IN DEN DRAMEN WOLE SOYINKAS. Seit 1997 arbeitet sie als Dozentin für Englisch und Deutsch als Fremdsprache und schreibt.
Sie reist gern und erkundet mit Vorliebe archäologische Stätten und die Sagen und Legenden geheimnisvoller Landschaften. Inseln haben es ihr besonders angetan. Zu Island und zu Sardinien verbinden sie familiäre Beziehungen. Die sardischen Feen, die janas, und die Nuragen, eindrucksvolle Steintürme aus der Bronzezeit, inspirierten sie schließlich zur Trilogie INSEL DER STÜRME.
„Fantasy - das ist eine Fülle an farbenprächtigen Bildern, bewegenden Abenteuern und spannenden Figuren. Eine richtige Spielwiese der Fantasie. Deshalb machen diese Geschichten so viel Spaß.“.
Neben Fantasy schreibt Heide Solveig Göttner Erzählungen und Gedichte. 1992 bekam sie das Literaturstipendium der Stadt München für die Erzählung DAS GELBE VOM EI. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten, einem Sarden, und ihrem schwarzen Retriever Chato in einer umgebauten Scheune bei Freiburg im Breisgau.
Quelle: www.heidesolveig-goettner.com
Erik Schreiber: Wie kamen Sie auf die Idee, die Insel der Stürme zu schreiben? Kann es sein, dass Sardinien die Grundlage für die Insel darstellt?

Heide Solveig Göttner: Die Idee entstand tatsächlich auf einer stürmischen Insel: auf Sardinien. Bei meinen Reisen faszinierten mich die Landschaften und die archäologischen Entdeckungen (alte Steintürme, Grabanlagen und dergleichen mehr) so sehr, dass ich beschloss, dieses setting für eine Fantasy-Geschichte zu nutzen. Die Vorstellung, wie die beeindruckenden Nuraghen (die Steintürme aus der Bronzezeit) einmal voller Leben waren, hat mich sehr gereizt. Was bei der Fantasy hinzukommt: Man darf sich die Geschichte und die Kultur der beschriebenen Welt ausdenken und muss sich nicht ausschließlich an strenge Recherche halten. Ich habe mich also ein wenig bei der Archäologie bedient und den Rest dazuerfunden.

Erik Schreiber: Die Idee entstand, weil Sie eine stürmische Insel verewigen wollten, oder weil Sie relativ unerforschtem Gemäuer leben einhauchen wollten?

Heide Solveig Göttner: Die Idee entstand aufgrund meiner Fantasy-Leseerfahrung. Ich mag Autoren wie beispielsweise C.J. Cherryh, die in ihren Texten auf verschiedene Kulturen zurückgreifen, nicht nur auf das genreübliche Mittelalter. Auch Wolfgang Hohlbein reist in seiner TOCHTER DER HIMMELSSCHEIBE in die Bronzezeit zurück. Sardinien und seine archäologische Architektur bilden also die Kulisse zu einem typischen Fantasy-plot.

Erik Schreiber: Wenn Sie sagen, die Steintürme aus der Bronzezeit haben Sie gereizt, in welcher irdischen Zeit und kulturellen Wissensstand würden Sie Ihre Erzählung ansiedeln?

Heide Solveig Göttner: Das Umfeld der Figuren und ihre Ausstattung ist an die Bronzezeit Sardiniens angelehnt. Über das Weltbild, die Gesellschaft und die genauen Lebensumstände der Nuragen-Bewohner weiß man aber aufgrund fehlender Schriftzeugnisse herzlich wenig - und da setzt die Fantasy ein. Der Roman ist also kein genaues Abbild einer Epoche der Menschheitsgeschichte, sondern vorwiegend ein Phantasie-Produkt.

Erik Schreiber: Sie haben eine Vorliebe für die Städte mit der Buchstabenkombination -xi. Gibt es dafür einen besonderen Hintergrund?

Heide Solveig Göttner: Die Kombination -xi in Ortsnamen kommt tatsächlich in manchen Nuraghennamen vor. Die beeindruckenste Anlage auf Sardinien nennt sich Su Nuraxi bei Barumini, ein Komplex mit vier riesigen Türmen - das Vorbild für Caláxi. Andere Ortsnamen auf der Insel der Stürme sind eher dem Griechischen angelehnt (-os). Ich habe mich also rund um den Mittelmeerraum umgesehen.

Erik Schreiber: Wie entstand die Insel?

Heide Solveig Göttner: Mit Sardinien und seinen malerischen Landschaften hatte ich eine ausgezeichnete Vorlage. Auf dem Boden meiner Reiseerfahrung und mit Hilfe von Landkarten habe ich mir Skizzen gemacht, die Städte angeordnet und meiner Insel ganz besondere Charakteristika verliehen: die Trockenen Hügel, in denen das Nraurn-Volk lebt und der Scyé, der die Insel in zwei Hälften teilt. Die Schlucht symbolisiert die unüberwindliche Feindschaft und das Misstrauen zwischen den Gegenparteien. Die Insel der Stürme drückt also bereits aufgrund ihrer Beschaffenheit den Grundkonflikt der Trilogie aus. Erhard Ringer hat mein wildes Gekritzel dann in die wunderbare Karte verwandelt, die nun im Buch zu sehen ist!

Erik Schreiber: Bislang wurde nur einmal erwähnt, dass die Menschen auf die Insel kamen, aber sonst werden keine weiteren Inseln oder die Schifffahrt erwähnt. Werden weiter Inseln auftauchen?

Heide Solveig Göttner: Die Insel der Stürme ist eine Welt für sich, ihre Isolation mitten auf dem Meer ist Absicht, denn nur so entwickeln sich die Bezüge zwischen den einzelnen Gruppen an Land und die Auswirkungen von Krieg und Feindschaft werden deutlich sichtbar. Deshalb spielt die Außenwelt für den Roman keine große Rolle.

Erik Schreiber: Welches ist Ihre Lieblingsfigur?

Heide Solveig Göttner: Ich mag alle Figuren - gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit. Sympathie mit den Helden ist für mich eine wichtige Voraussetzung beim Schreiben, denn schließlich muss man sich ein Stück weit in jeden Charakter einfühlen, um Handlungsweisen und Denkmuster nachzuvollziehen. Durch die drei unterschiedlichen Erzählperspektiven bekommt jede Figur dann ihre eigene Stimme. Einen ausdrücklichen Favoriten habe ich aber nicht.

Erik Schreiber: In bestimmten Anschauungen kann ich die Führerin der Nraurn verstehen, da die Menschen als Fremdlinge und ähnlich wie Kolonisten in Amerika auftraten. Haben Sie Mitleid mit ihrer Negativ-Figur?

Heide Solveig Göttner: Mitleid wäre vielleicht der falsche Ausdruck, aber ich wollte die Position der Gegenspieler ebenso nachvollziehbar gestalten wie die Haltungen und Probleme der menschlichen Figuren. Das Böse entsteht ja nicht einfach aus dem Nichts; Es gibt immer einen Grund, weshalb ein Charakter in Richtung Hass und Rachsucht kippt. Deshalb haben die Nraurn auch ein nachvollziehbares Motiv für ihren Groll auf die Menschen.

Erik Schreiber: Mir gefällt sehr gut die Ausarbeitung der einzelnen Personen. Gibt es dafür Vorbilder? Wie entstand die Hauptfigur Amra Sa Kedra?

Heide Solveig Göttner: Es gibt keine direkten Vorbilder, nur viele, viele Inspirationen, die man sich aus Büchern, Filmen und natürlich dem eigenen Umfeld abguckt.
Ich wollte eindrückliche Figuren schaffen, die durch ihre Eigenschaften und die Rolle in ihrer Welt viel Aussagekraft haben: DIE Priesterin, DEN Krieger, DEN Fremden. Außerdem sollten die Figuren durch ihre charakterlichen Eigenschaften in starkem Kontrast zueinander stehen. Und nicht zuletzt vereint jeder der Protagonisten bequeme wie unbequeme Eigenschaften in sich (z.B. Jemrens Hilfsbereitschaft einerseits, seine Verschlossenheit andererseits/ Goruns Unbeherrschtheit und sein Talent zur Freundschaft usw.).
Amra ist auf ähnliche Weise entstanden wie die beiden männlichen Protagonisten. Die Totenpriesterin ist das Symbol für das alte Wissen ihrer Kultur. Sie kennt geheime Riten und Bräuche und muss nach bestimmten Geboten leben. Sie erhält Einblick in das geheimnisvolle Land der Toten, muss aber der Menschenwelt entsagen. Bei aller Magie ist sie aber handfeste familiäre Konflikte verwickelt und muss mit der eigenen Unerfahrenheit und den düsteren Eigenschaften ihres Gottes ringen. Nach solchen Merkmalen und inneren Spannungen habe ich gesucht, als ich mir die Figur vorstellte.

Erik Schreiber: Wir treffen anfangs auf Jemren und das Mädchen Lillia. Erst langsam stellt sich die Bedeutung heraus. Für den ersten Moment hatte ich den Eindruck, hier wird erst gehandelt (von Seiten der Reiter) und dann erst gefragt. Fremde sind immer Feinde?

Heide Solveig Göttner: Für Goruns Verhalten lassen sich einige gute Gründe anführen. Zum einen ist er ein Mann von ungestümem Charakter (und weiß es auch), der gelegentlich über das Ziel hinausschießt und seine Impulsivität hinterher bereut. Gerade erst hat er auf schreckliche Weise seinen Bruder verloren und macht sich deshalb Vorwürfe - er hätte also ein Motiv für Rache. Drittens trägt er die Verantwortung für seine ganze Stadt, was er als Bürde empfindet, besonders in einer Zeit, in der die Bedrohung seitens der Nraurn ständig wächst. Schließlich ist auch er stark von den Vorstellungen seiner Welt geprägt: Die Furcht vor der Prophezeiung, die Überzeugung, dass im Norden der Feind lauert und die Identifikation mit seiner Rolle als Krieger bestimmen seinen Charakter. Er kann sich dem Neuen, das da mit dem Kind und dem Fremden in seine Welt eingebrochen ist, nur sehr langsam öffnen. Insbesondere an der Figur dieses Kriegers wollte ich zeigen, wie mühsam Feindbilder überwunden.

Erik Schreiber: Ihr Gott erinnert stark an Anubis, den Totengott der Ägypter. Ist das beabsichtigt? Oder ist damit mehr der Koyote der nordamerikanischen Indianer gemeint?

Heide Solveig Göttner: Ich bin nicht zuletzt über viele Mythen und Märchen zur Fantasy gekommen. Viele Überlieferungen aus der ganzen Welt beeinflussen meinen Text. Allerdings wollte ich mit Antiles nicht einen bestimmten Gott abbilden und mich damit auf einen Kulturkreis festlegen. Die Figur des Totengottes vereint ganz unterschiedliche Züge in sich, die von Anubis bis über den Trickster in Nordamerika bis zu dem blutrünstigen Gott Ogun aus Nigeria reichen.

Erik Schreiber: Der Totengott ist die stärkste Gottheit in der Erzählung. Weitere Gottheiten finden keine so große Erwähnung. Liegt es daran, dass alle Lebewesen an einen Totengott glauben? Der Glauben an eine Vielzahl anderer Götter müssten sich dementsprechend aufteilen?

Heide Solveig Göttner: Der Tod ist das unabwendbare Schicksal, dass jedes lebende Wesen am Ende erwartet. Die Macht des Schwarzen Gottes ist gewaltig, denn sie umfasst tatsächlich alles. Zugleich ist sie aber wandelbar: Während der Totengott versucht, seinen Einfluss auszudehnen, ist seine Priesterin, die Laîren, in der Lage, seiner Macht etwas entgegenzusetzen. Es geht um die Suche nach einer Balance zwischen den zerstörerischen Kräften des Schwarzen Gottes einerseits und dem vielgestaltigen Leben auf der Insel andererseits, das unter anderem von den anderen Göttern (z.B. der Göttin des Getreides, dem Gott der Ziegen usw.) verkörpert wird.

Erik Schreiber: Gleich zu Beginn werden wir in das Totenreich geführt. Ein vergleichsweise düsterer Anfang und ungewöhnlich. Sollte damit mehr der Taú-verschlingende Gott oder seine Priesterin eingeführt werden?

Heide Solveig Göttner: Amras Lebensumstände sind durch ihren Gott festgelegt. Deshalb kann man die Rolle der Laîren eigentlich nicht unabhängig vom Totengott und seinem Einfluss auf seine Priesterin betrachten. Zudem zeigt sich in der Eingangsszene bereits ein Stück der Welt, in der die Protagonisten leben: eine Welt voller Götterglaube und Magie, aber auch voller Tabus und Befürchtungen, was den Einfluss der Götter auf die Menschen angeht.

Was auf Amra zutrifft, gilt auch für die anderen Protagonisten. Jeder muss sich mit dem Totengott und seinen düsteren Kräften auseinandersetzen: Gorun, der das Leben des Fremden und des Kindes in der Hand hat; die Stadt Caláxi, die über das Schicksal des Mädchens entscheidet; Jemren in seiner Eigenschaft als Blindschütze und schließlich die Nraurn, die den Schwarzen Gott zum Verbündeten erwählt haben.
Die Frage an alle auf der Insel lautet: Wie viel Macht gebe ich dem Schwarzen Gott? Wieviel Macht gebe ich Tod und Zerstörung? Diese Thematik ist für den Verlauf der ganzen Trilogie entscheidend. Deshalb hat Antiles gleich zu Beginn einen auffälligen Platz inne.

Erik Schreiber: Im Laufe der Erzählung haben wir vier eigentliche Hauptpersonen. Amra, Gorun, Jemren und Lillia. Weitere Spannungen sind vorhersehbar. Werden weitere Personen dazu kommen? Vielleicht sogar ‚Überläufer’ der Nraurn?

Heide Solveig Göttner: Der erste Band ist ganz dem Zusammentreffen dieser vier Hauptpersonen und den durch sie verkörperten Aspekten der Geschichte gewidmet. Doch wie Jemren zum Schluss zu seinem Leidwesen erkennt, hat mit seiner Grenzüberschreitung der Konflikt eigentlich erst so richtig begonnen und bezieht nun schrittweise alle Bewohner der Insel ein. Deshalb begegnen die Leser im Verlauf der Trilogie nicht nur einer Reihe neuer Figuren, sondern treffen auch eine Reihe alter Bekannter wieder.

Erik Schreiber: Das Mädchen mit den türkisfarbenen Augen hat es in sich. Sie besitzt angeblich kein Taú, ist aber in der Lage die Erde zum Beben zu bringen, Feuergeister einzusetzen und anderes mehr. Woher nimmt sie ihre Kraft? Warum zerstörte das Kind die Stadt durch das Erdbeben?

Heide Solveig Göttner: Die Frage nach Lillias Kräften ist die entscheidende Frage in der ganzen Trilogie! Die Bedeutung des Mädchens für die Insel und ihre daraus resultierenden Fähigkeiten sind das Rätsel, vor das die Protagonisten gestellt sind. Um ihre Welt zu retten, müssen die drei Hauptfiguren die Antwort finden und erfahren dabei viel über sich selbst und über ihre Welt. Sie werden mir also verzeihen, wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt noch über den Fortgang der Geschichte ausschweige!
Zum ersten Band sei so viel gesagt: Lillia ist auf besondere Weise mit den Urkräften der Insel verbunden. Sie nimmt Naturphänomene auf eine ganz bestimmte Art wahr und kann lenkend eingreifen. Ob sie Caláxi wirklich zerstörte, bleibt offen. Dass sie das Beben auslöste, sind Goruns Auslegungen und Befürchtungen. Amra und Jemren hingegen sind überzeugt, dass das Kind das Beben im Vorfeld spürte und die Stadt vor dem Unglück warnen wollte.

Obwohl viel aus der Sicht von Amra berichtet wird, ist es doch Lillia, die als Hauptfigur angesehen werden muss. Alles dreht sich um sie, doch nie wird aus Sicht des Mädchens geschrieben. Hat das einen besonderen Grund?

Heide Solveig Göttner: Lillia ist die geheimnisvollste Figur der Trilogie. Sie verkörpert die unsichtbare Wirkungsweise der Magie, das Geheimnis, um das man sich bemühen muss und das sich nur langsam erschließt. So ergeht es den Hauptfiguren, die sich wohl oder übel auf das Mädchen und seine Kräfte einlassen müssen. Ein Stück weit soll es auch dem Leser ähnlich ergehen. Deshalb erfährt man nur indirekt, wie es in dem Mädchen aussieht.

Erik Schreiber: Bei der Beschreibung um das Mädchen herum, finde ich die Sichtweisen sehr interessant. Die einen wollen das Mädchen töten, die Gründe sind nachvollziehbar, die anderen wollen das Kind retten, auch diese Gründe sind klar verständlich. Ist es nicht schwer in einem solchen Fall gleich zwei Seiten als Autorin zu vertreten?

Heide Solveig Göttner: Als Autorin hat man seinen Figuren gegenüber einen klaren Vorteil: Man kennt das Geheimnis des einen Kindes (und das Ende der Geschichte) schon! Insofern war es für mich ein großes Vergnügen, das Spannungsfeld um Lillia aufzubauen, das genau von den von Ihnen genannten Gegensätzen lebt.
Lillia führt jede der drei Hauptfiguren an den Punkt, an dem sie sich entscheiden muss: Gebe ich meine Welt auf und gehe mit dem Kind - oder verlasse/ vernichte ich das Kind zugunsten meiner bisherigen Lebensweise? Ich wollte die Weltanschauung der Protagonisten auf den Prüfstand stellen: Wozu ist man im Namen seiner Überzeugungen bereit? An welchen Stellen muss man mit den Traditionen brechen? Wann kommt der Punkt, an dem das Umdenken beginnt? Es hat mich gereizt, diese Grenzen auszuloten.
Letztlich läuft alles auf die oben bereits genannte Frage hinaus: Lasse ich dem Schwarzen Gott (der für Tod, Vernichtung, Krieg und Feindschaft steht) die Oberhand? Die Gegensätze reduzieren sich also auf einen klaren Grundkonflikt. Es erleichtert das Schreiben natürlich, wenn man das im Hinterkopf behält.

Erik Schreiber: Wie gehen Sie an das Thema heran? Schreiben Sie erst den einen Part und dann den andren oder wechseln Sie sofort die Fronten?

Heide Solveig Göttner: Wie Sie meinen Antworten wahrscheinlich schon entnommen haben, gehe ich meist von einer grundlegenden Idee aus: in diesem Fall die Frage nach der Macht des Schwarzen Gottes. Je länger ich über die Grundkonstellation nachdenke, desto mehr Bilder entstehen, die die Problematik verdeutlichen: bestimmte Figuren und Plätze und natürlich der plot. Ich notierte mir vor und während dem Schreiben den groben Ablauf der Szenen. Die besten Ideen habe ich aber meist während der Ausführung, da fängt das Buch an zu leben. Um den Überblick zu behalten, schreibe ich den Text weitestgehend von Anfang bis Ende und arbeite im zweiten und dritten Schritt nochmals an einzelnen Szenen und am Gesamteindruck.

Erik Schreiber: Wenn Sie sagen: Die besten Ideen habe ich aber meist während der Ausführung, da fängt das Buch an zu leben. Haben Sie keine Angst, dass zuviel Leben entsteht und sich die Geschichte weiter entwickelt, die sie gar nicht vorhaben?

Heide Solveig Göttner: Wunderbar, wenn die Geschichte sich so verhält! Fantasy lebt von der Genauigkeit, mit der die erfundene Welt beschrieben ist, vom Detailreichtum und der Überzeugungskraft des Autors. Man kann also gar nicht Einfälle haben. Mein oben erwähntes Grundkonzept hilft mir in solchen Fällen, allen Ideen so zu strukturieren, dass die beabsichtigte Wirkung entsteht. Dass dabei im Nachhinein auch mit dem Rotstift gearbeitet werden muss, bleibt natürlich nicht aus.

Erik Schreiber: Wenn ich das Buch im Augenblick noch einmal Revue passieren lasse, kommt für mich eigentlich nur ein Schluss in Frage: Lillia muss nach Anáxi gebracht werden und die beiden Rassen Nraur und Mensch müssen sich wieder vertragen Ist das so richtig?

Heide Solveig Göttner: Es geht in der Trilogie grundsätzlich um das Thema Feindschaft/ Freundschaft bzw. Krieg/ Versöhnung und Frieden. Ich kann an dieser Stelle auf jeden Fall versprechen, dass noch eine ganze Reihe Verwicklungen und Überraschungen auf die Hauptfiguren warten. Es wird für die drei Protagonisten alles andere als einfach, die Insel der Stürme zu retten und das Eine Kind an seinen angestammten Platz zurückzubringen. Die Stolze Stadt Anáxi spielt dabei natürlich ebenfalls eine Rolle.

Erik Schreiber: Eine provozierende Frage zum Schluß: Liegt mit der Trilogie Insel der Stürme eine Fantasy-Version von Krieg und Frieden vor?

Heide Solveig Göttner: Nein, das kann man nicht sagen, Tolstoi war keineswegs die Vorlage zu meinem Roman. Der Gegensatz Krieg und Frieden ist für mich eine weitere Variante des Fantasy-Themas Gut und Böse. Ich wollte nicht von einem universal vorhandenen Bösen ausgehen, sondern habe meine Figuren ausgeschickt, um die Ursache für die Zerrissenheit ihrer Welt zu erforschen: den Grund für die Feindschaft der Menschen untereinander, den Ausgangspunkt des Konflikts zu den Nraurn und damit den Ursprung der Macht des Schwarzen Gottes. Wenn diese Frage beantwortet ist, kehrt vielleicht wieder der ersehnte Friede auf der Insel der Stürme ein.


Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für die Beantwortung meiner Fragen genommen haben. Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg für die folgenden Bücher.

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