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Winterkind

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Titel: Winterkind
Autor: Lilach Mer
Buch-/Verlagsdaten: Dryas Verlag, September 2012, 279 Seiten broschierte Ausgabe, ISBN-13: 978-3940855367

Eine Besprechung / Rezension von Jürgen Eglseer
(weitere Rezensionen von Jürgen Eglseer auf fictionfantasy findet man hier)

Der Roman spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert und schildert die Ereignisse um die Familie von Rapp. Der reiche Kaufmann Johann von Rapp hat vor Jahren eine Glasgießerei übernommen und muss wie viele andere Betriebe in dieser Zeit mit der puren Existenz kämpfen. Die Wirtschaft darbt, Betriebe schließen, viele Menschen werden arbeitslos. Als die Schwiegermutter stirbt, fahren Johann von Rapp sowie seine kleine Tochter Johanna zur Beerdigung. Blanka von Rapp, die Tochter der Verblichenen bleibt hingegen zuhause, der Grund hierführ erschliesst sich dem Leser im Laufe des Romanes. Johann und Tochter bringen neben vielen Schulden auch noch ein für Blanka wichtiges Familienerbstück von der Reise mit: einen großen Spiegel, altertümlich und schwer. Verziert mit allerlei Edelsteinen. Alle sehen in dem Ungetüm ein häßliches Stück, das man am besten entsorgen sollte. Blanka von Rapp hingegen hat eine Beziehung zu diesem Spiegel, eigentümlich und geheimnisvoll.

Der Zahltag nähert sich, die Arbeiter der Glasgießerei verlangen ihren gerechten Lohn. Jedoch stellt sich heraus, das die Kassen des Hauses von Rapp leer sind. Johann von Rapp macht sich zusammen mit seinem Diener auf den Weg, um bei jemandem etwas Kredit zu bekommen. Wie vor allem Sophie, die Gouvernante von Johanna aus ihrer Ausbildungszeit in Berlin weiß, können unzufriedene Arbeiter schnell gewalttätig werden und ein Aufstand ist die Folge. Johann von Rapp verschwindet und lässt die Frauen im Herrenhaus alleine zurück. Zu allem Unglück wird Johanna noch schwerkrank und überfordert sowohl die Mutter als auch Sophie. Zwar hat sich letztere im Rahmen ihrer Ausbildung einige medizinische Kenntnisse aneignen können, doch reichen diese bei weitem nicht, um dem Fieber, das das Kind heimsucht, Herr zu werden.

Lilach Mer bündelt diese beiden Grundprobleme - die Verzweiflung der Frauen, auf sich alleine gestellt hilflos zu sein, sowie die Finanznot des Hauses - zusammen und garniert die Geschichte mit einer zarten Liebesgeschichte. Immer im Hintergrund spielt die Autorin mit der Darstellung der patriachistischen Gesellschaft dieser Zeit und den entsprechenden Regeln, denen sich jeder im Hause von Rapp unterwerfen muss, sogar die Hausherrin. Die Ahnung, mehr sein zu können, durchdringt vor allem die kluge Gouvernante Sophie, aber auch sie ist ein Kind ihrer Zeit und wagt es nicht, die Fesseln zu sprengen, die man ihr auferlegt hat. Zudem entdeckt Sophie das Geheimnis, das Frau von Rapp so sorgsam verheimlicht und sorgt damit zu einem kaum tragbarem Vertrauensverhältnis zwischen Hausherrin und Bedienstete.

Während im Vordergrund die einzelnen Plots zu einem furiosem Ende hingeführt werden, schimmert im Hintergrund immer die Ahnung durch, das Lilach Mer mit Blanka von Rapp, dem Spiegel und den immer wieder eingeblendeten Erinnerungs- bzw. Traumsequenzen das Märchen von Schneewittchen weiter erzählt. Jedoch genausogut könnte der Roman eine bar jedlicher Phantastik erzähltes Historiendrama sein. Diese Interpretation bleibt vollends dem Leser hinterlassen, eine jede Partei findet schlüssige Argumente und Hinweise für ihre Einschätzung dieses Werkes. Besonders hervorstellen mag ich den Schreibstil von Lilach Mer. Ohne klischeehaft zu werden, vermag sie es, mit gut gewählten Worten das Leben und die Emotionen der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts darzustellen. Man taucht förmlich in diese Zeit ein und kann sich kaum mehr lösen. Wobei sie das Kunststück vollbringt, auch den gesellschaftlichen Stand der einzelnen Protagonisten perfekt unterscheidbar in ihren Dialogen und Gedanken darzustellen.

Mein Fazit: Ob "Winterkind" nun ein Roman mit phantastischen Elementen ist, oder nicht, bleibt angesichts des durchdringend geschilderten Dramas einerlei. Wer niveauvolle Unterhaltung liebt und auch gerne zwischen den Zeilen liest, ist bei Lilach Mer sehr gut aufgehoben. Wer moderne Märchen schätzt, findet hier ein empfehlenswertes Beispiel.

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