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Westmark-Trilogie - Gesamtrezension

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Westmark-Trilogie, Band 1
Westmark-Trilogie, Band 2
Westmark-Trilogie, Band 3
Der Setzerjunge
Der Turmfalke
Die Bettlerkönigin
Westmark (1981)
The Kestrel (1982)
The Begger Queen (1984)
Übersetzt: Rainer Schumacher
Übersetzt: Rainer Schumacher
Übersetzt: Axel Franken
Titelbild: Geoff Taylor
Bastei Lübbe Verlag 20494 (9/2004); 205 Seiten; 6,90 €
Bastei Lübbe Verlag 20502 (1/2005); 270 Seiten; 6,90 €
Bastei Lübbe Verlag 20503 (2/2005); 286 Seiten; 7,90 €

Eine Besprechung / Rezension von Erik Schreiber
(weitere Rezensionen von Erik Schreiber auf fictionfantasy findet man hier)

Lloyd Alexander schuf neben seiner vielbeachteten Taran-Reihe die Westmark-Trilogie. Diese schönen Jugendbücher blieben leider unbeachtet und kamen erst jetzt beim Bastei Lübbe Verlag vollständig heraus.
Das Leben in der Westmark entspricht in etwa dem Leben im Europa des 18. Jahrhunderts. Das Schöne dabei: Die Trilogie kommt ganz ohne Magie aus.

Das Leben im Königreich ist nicht mehr sicher. Seltsame Dinge geschehen, und König Augustin wird massiv unter Druck gesetzt. Aus diesem Grund sah sich der König genötigt abzudanken. Dabei liegt es vor allem daran, dass des Königs Töchterlein Augusta verschwand. Seinen Hang zur Melancholie nutzt Cabbarus aus zur eigenen Machtergreifung.
Des Königs Berater, Premierminister Cabbarus, verlangte von ihm, dass er ihn adoptiert und nicht nur dem Anschein nach, sondern ganz offiziell das Reich regieren lässt. Das geht einigen, vor allem der Königin und dem Leibarzt, zu weit. Doch der Arzt muss vor dem Bösewicht fliehen. Nach der Abdankung des Königs steht es um das Königreich Westmark schlecht. Grund ist Cabbarus, der nicht nur die Regierungsgeschäfte übernahm, sondern auch Bürgerrechte einschränkte, unter anderem die Pressefreiheit, um so absolut herrschen zu können.
Theo ist ein Waisenkind mit unterschiedlichsten Erfahrungen in der Ausbildung. Schließlich landet er in der Druckerei von Anton. Dort lernt er das Setzerhandwerk, vor allem aber Lesen und Schreiben. Bis zur Machtergreifung des Premiers Cabbarus konnte Anton sehr gut von den Aufträgen der Universität Freyborg leben. Seither muss jeder Schriftsatz, der veröffentlicht werden soll, vorher genehmigt werden. Leider werden keine intelligenten Texte mehr genehmigt, sondern nur noch solche, die das Volk dumm halten. Daher sind die Aufträge selten geworden.
Als der Drucker oder auch Setzer eines Tages unterwegs ist, nimmt Theo als Gehilfe des Druckers einen Auftrag des Zwerges Muskete an, weil die Aufträge nun einmal selten sind und Geld verdient werden muss. Er soll für einen gewissen Dr. Absalom ein paar Flugblätter drucken. Es gibt nur ein Problem: Jedes Druckerzeugnis muss vorher genehmigt werden. Sonst könnte ja bald jeder lesen oder gar ketzerisches Gedankengut aufnehmen, das gegen den Herrscher spricht. Als Anton wieder zurückkehrt, hilft er Theo, und sie kommen schnell voran. Die Polizei allerdings auch, denn bevor der Auftrag abgeschlossen ist, stürmt sie die Druckerei, um den Druckstock zu zerstören, weil für die Flugschrift keine Erlaubnis vorliegt. Theo erschlägt fast den Anführer der Polizeitruppe. Dafür wird sein Lehrer und väterlicher Freund, der Drucker Anton, erschossen. Auf der Flucht trifft Theo wieder auf den Zwerg Muskete und dessen Herrn, den Dr. Absalom oder, wie er sich jetzt nennt, Graf Las Bombas.
Auf der Flucht schließt sich Theo dem Zwerg und Graf Las Bombas an. In Verkleidung gelingt es ihnen sogar, eine Militärpatrouille zu täuschen. Auf einem Jahrmarkt schließt sich ihnen ein Mädchen an, das allgemein nur Bohnenstange genannt wird, weil sie schlank, ja dünn und groß ist. Theo und Bohnenstange kommen sich während der gemeinsamen Flucht näher und verlieben sich ineinander.
Unterwegs treffen sie auf ein Mädchen, das Bauchsprechen kann, und andere seltsame Begleiter. Bald stellt sich heraus, dass das Mädchen, in das er sich verliebt, die Prinzessin ist. Nach der offiziellen Bestätigung der Königstochter tritt wieder Ruhe ein. Aber der Frieden ist trügerisch. Theo kommt auf der Flucht einer niederträchtigen Verschwörung auf die Spur, die Cabbarus anzettelte.
Theo will niemanden in Gefahr bringen; der Umgang mit dem Zwerg und Las Bombas sorgt aber auch dafür, dass er ständig in Schwierigkeiten gerät. Vor allem weil die beiden selbst einige krumme Dinger drehen. In der Universitätsstadt Freyborg schließt er sich jungen Leuten an, die aufrührerische Gedanken hegen. Ihr Anführer ist ein Mann namens Florian, ein ehemaliger Adliger. Der geht mit seinen Gedanken sogar so weit, dass er die Monarchie abschaffen will. Theo erliegt dem Charme von Florian und ist gern bereit, für ihn zu schreiben. Vor allem Bittbriefe an den Premierminister und die Gefängnisverwaltung, wo viele unschuldig verhaftete Mitbürger ihre Zeit absitzen müssen.
Natürlich gerät Theo dabei vom Regen in die Traufe. Er merkt nicht, dass er eine Revolution in ihren Anfängen unterstützt.

Theo, der ehemalige Setzerjunge, reist durch die Westmark. Inzwischen wurde Bohnenstange zur neuen Königin und er ist ihr Prinzgemahl geworden. Dabei lernt der zukünftige Prinzgemahl Land und Leute kennen. Es überrascht ihn nicht, eine hohe Armut vorzufinden, kommt er doch selbst aus ärmlichen Verhältnissen. Ihn erschreckt mehr, dass dafür die Adligen verantwortlich zeichnen, aber nichts dagegen tun, sondern im Gegenteil immer mehr Geld aus der Bevölkerung pressen, damit der Adel weiterhin in Saus und Braus leben kann. Entsprechend begleiten Korruption und moralischer Verfall den Untergang des Reiches, hervorgerufen durch die Aristokraten. Nach dem Tod des Königs würde seine Tochter die Macht übernehmen. Augusta möchte das Land reformieren, damit die arme Bevölkerung ein besseres Leben führen kann. Theo soll sich in den Landen umsehen und Bericht erstatten. Sein Bericht fällt sehr schlecht aus, und vor allem der Adel ist auf der Liste der Negativ-Personen. Die Reformwilligkeit der zukünftigen Königin sorgt dafür, dass ihre einstigen Freunde das Lager wechseln. Unter anderem Baron Montmollin.
Während seiner Reise trifft Theo wieder auf den Meuchelmörder Skeit. Der spielt erst freundlich, dann zeigt er sein wahres Gesicht und seinen Auftrag. Nichts Geringeres als den Mord an Theo soll er ausführen. Mit einem Pistolenschuss setzt er dem zukünftigen Prinzgemahl ein vorläufiges Ende.
Ein Buch, das Theo über dem Herzen trägt, mit Notizen und Bildern, rettet ihm schließlich das Leben. Ein Freund findet ihn und rettet sein angeschlagenes Leben. Zudem überredet er Theo, im Verborgenen zu bleiben. Das Nachbarland Regia scheint einen Überfall auf die Westmark zu planen. In Verbindung mit Baron Montmollin und dem Oberbefehlshaber des Heeres hat das Nachbarland anscheinend leichtes Spiel. Herzog Konrad von Regia ist nur zu gern bereit, die innenpolitische Schwäche auszunutzen. Der König, der 16-jährige Konstantin, wird gar nicht nach seiner Meinung gefragt, da er den Krieg eher wie ein strategisches Sandkastenspiel ansieht.
Nachdem die Rebellen Theo retteten, freundet er sich mit Justin, einem der Führer, an. Sie eilen zur Front und wollen herausfinden, wie die Sache steht, als ihnen massenweise Deserteure entgegenkommen. Doch sie sind ehrenhafte Soldaten. Nicht sie haben ihre Offiziere verraten, sondern die Offiziere verrieten sie, schickten sie in einen nie zu gewinnenden Kampf als Opfer. Die Königin gibt sich den Deserteuren zu erkennen und gemeinsam gelingt es ihnen, die wichtige Brücke zu sprengen, die den Vormarsch der Regianer stoppt. Aber die Regianer haben noch ein Problem. Nicht nur ihr Vormarsch nach Karlsbruch ist ihnen versperrt, sie sitzen zudem noch in der Falle. Auf der einen Seite die Königin, auf der anderen Seite die Rebellenarmee. In der Mitte in einer auswegslosen Lage die Regianer und König Konstantin.
Theo, der sich dem Partisanenführer Florian anschloss, wird mit seinen unkonventionellen, dafür erfolgreichen Ideen schnell befördert. Theo wird zum Oberst Turmfalke. In dem ausbrechenden Krieg zwischen den Ländern hält er natürlich zu seiner Geliebten, der Prinzessin, die er weiterhin nur Bohnenstange nennt, so wie er sie schließlich kennenlernte. Als Bettlerkönigin stellt sie sich der Invasion entgegen. Mit der Guerilla-Taktik schlagen sie den Feind, können ihn aber nicht besiegen. Das gelingt Bohnenstange später fast im Alleingang.

Aber das Leben birgt weitere Überraschungen. Seit zwei Jahren herrscht Frieden in der Westmark. Die einzelnen Ländereien werden vernünftig regiert, eine Art Demokratie hat sich etabliert und die Bevölkerung merkt, dass es ihr langsam besser geht. Allerdings zerstreitet sich das regierende Triumvirat. Während Florian und Theo sich noch gut verstehen, hat sich Justin mit seinen Männern abgesetzt, und niemand weiß, was sie wirklich vorhaben. Gleichzeitig bemerkt Theo, dass der Meuchelmörder Skeit wieder sein Unwesen treibt. Theo befürchtet nun, dass Cabbarus wieder auf dem Weg nach Westmark ist. Sicher mit keinen guten Absichten. Unter dem Exminister Cabbarus versuchen sich einige Umstürzler darin, die Macht an sich zu reißen. Fürst Konrad von Regia, der Onkel des inzwischen achtzehnjährigen Königs unterstützt Cabbarus in seinem Bestreben, das Land zu übernehmen. Weitere Unterstützung findet der ehemalige Premierminister in der Flotte des Sultans von Ankar. Dies ist jedoch noch nicht alles. Fürst Konrad hat auf die Königin und Theo einen Attentäter angesetzt. Diesmal will er Nägel mit Köpfen machen und nichts mehr dem Zufall überlassen.
In Marianstat, wo der Meuchler unterwegs ist, hat Theo einen verdienten Waisenjungen, der sich Wiesel nennt, auf die Spur Skeits angesetzt. Wiesel folgt Skeit bis zu einem alten Leuchtturm und gibt Zeichen hinaus auf See. Kurz darauf segeln zwei Schiffe den Fluss hinauf und eröffnen das Feuer auf die Stadt. Kurz darauf entbrennt ein heftiger Straßenkampf, wie ihn Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg erlebte. Gleichzeitig erreichen Theo die Nachrichten, die Palastwache habe geputscht. Natürlich macht er sich auf den Weg, seiner Frau beizustehen, doch die kann sich selbst helfen.

Lloyd Alexander ist ein guter Kinderbuchautor. Das merkt an auch am Auftaktband der Westmark-Trilogie.
Es geht vor allem um den Setzerjungen Theo, der bereits im ersten Band in Geschehnisse hineingezogen wird, die sein ganzes Leben kräftig auf den Kopf stellen. Theo ist ein pfiffiger Kerl mit einem ausgeprägten Moralverständnis. Es ist eher eine romantische Romantrilogie mit einen politischen Einfluss, mit Revolutionen und Kriegen, ganz wie im richtigen Leben. Das ganze Leben in dieser Erzählung dreht sich um Freunde und Feinde, echte wie falsche. Die handelnden Personen, allen voran Theo, der den Lesern sogleich ans Herz wächst, sind charakterlich vielschichtig angelegt. Da niemand nur gut sein kann, sind einige Taten Theos manchmal mit einem schalen Beigeschmack belegt.
Nach dem ersten Teil, Der Setzerjunge, führt die Fortsetzung in einen nicht gewollten Krieg, der gleichzeitig aufzeigt, wie unnütz er ist und dass er nicht einen Spielplatz für 16-jährige Könige darstellt. Die Spannung hält sich deutlich durch das ganze Buch und die Trilogie, mit ein paar kleinen Längen. Der erhobene Zeigefinger ist nicht zu übersehen, wirkt aber mit seiner Anti-Kriegs-Haltung nicht zu aufdringlich.
Hintereinander weg gelesen regt die Westmark-Trilogie an, sich über das jeweilige Staatenwesen Gedanken zu machen. 1984, im Jahr George Orwells, als dieses Buch erschien und es noch fünf Jahre bis zur Wiedervereinigung Deutschlands dauern sollte, mehr als heute. Mit der Idee des Ex-Adligen Florian, die Monarchie abzuschaffen, greift der Autor die Idee der Freien Commonts bei TARAN auf, die in einer Art Demokratie leben. Es ist ein unterhaltsames Buch der Gegenwartsliteratur und Gesellschaftskunde. Lloyd Alexander schuf eine Romantrilogie, die nicht nur unterhaltend war. Im Gegenteil, sie regt an, zwischen den Zeilen nach der Wahrheit zu suchen. In vielen Einzelheiten bin ich versucht, auf die französische Revolution und ihne hehren Ziele oder den Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner hinzuweisen. Mit dieser Trilogie ist Lloyd Alexander wohl sein politischstes Werk gelungen.

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