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Autor: Jürgen Müller
Eingesandte Kurzgeschichte zum Thema "Drachen"
Ein silberner Mondstrahl tastete durchs halbgekippte Dachfenster nach der neuerworbenen Reizwäsche - Stringtanga, Büstenhebe und Strapse in dreifacher Anfertigung: weiß, schwarz und rot; ein voller Wochenlohn! -, was hatte es gebracht? Ihr Chef, der sie nur im strengen Kostüm kannte, erläge einem Herzanfall, sähe er sie so; aber ihr Gatte: Rrr-rrr-ch-ch! Rrr-rrr-ch-ch! Nach dem Lichtschalter hatte er getastet ... Weibisches Seufzen und unterdrücktes Stöhnen mischte sich unter die Schnarchlaute. Sie hoffte inbrünstig, er träume von einem Burgverlies und der Folterknecht verstünde sein Fach. Das Seufzen wuchs zum Wimmern an und - drang von draußen herein. In weiße Reizwäsche gehüllt stürmte Clarissa Baumotte die Treppe hinunter. Im Vorgärten schluchzte tränenüberströmt Florence Dietsch. "Ist Hakon etwas passiert? Sag doch was!", herrschte sie die Freundin ihres Bruders an. "Einer andern steigt er nach, der Schuft!" "Mein Bruder?" Zwischen Clarissas Lippen hätte ein Pfirsich im Stück gepasst. "Bist du sicher?" "Eine Freundin hat's mir gesteckt. Minette soll sie heißen und eine Gemüsebude betreiben. Jeden Mittwochnachmittag beobachtet er sie von weitem auf dem Marktplatz, traut sich aber nicht ran. Die Leute lachen schon über ihn. Und im Schlaf spricht er von ihr. - Oh, warum habe ich nicht auf eure Mutter gehört, als ich mich mit fünfzehn in ihn verknallte, und diesen Typ einfach sausen lassen! ‚Nie wird er dich lieben, niemals einer Heirat zustimmen. Fang nichts mit diesem Burschen an, Mädel; hast was Bessres verdient!' Und ich dachte, sie wolle ihn bloß nicht hergeben. Recht hat sie gehabt! Nicht mal verlobt hat er sich mit mir ... nach elf Jahren nicht! Und ich dumme Pute harre und hoffe; liebe den Kerl noch immer ..." "Minette! Sagtest du Minette?" Clarissas weit aufgerissener Mund wäre nunmehr für die Passage eines Apfels geeignet gewesen. "Ich fasse es nicht. - Pass auf! Du hörst augenblicklich auf zu heulen, und ich knöpfe mir dafür mein Brüderchen vor. In acht Tagen spricht er im Schlaf nur noch von dir. Wirst es erleben. Kopf hoch!"
***
"Ein Kindheitstraum, der nach fünfzehn Jahren noch wirkt?" Der Kinderpsychologe Doktor Manthei schien beeindruckt. "Bin zwar voll ausgebucht, aber ein Viertelstündchen scheint mir dieser Fall wert zu sein. Nehmen Sie Platz, Frau Baumotte." "Hakon Ertelt ..." Murmelnd griff er nach einem verstaubten Ordner, blätterte die Seiten durch. "Ah, ich erinnere mich. Ihre geschätzte Mutter brachte ihn her, als er mit zwölf diesen äußerst lebhaften, prägenden Traum hatte. - Hier steht er ja: ‚Eben noch im Schlafanzug, mein Lieblingsbuch in der Hand, lief ich im nächsten Moment in voller Ritterrüstung und mit gezogenem Schwert auf das dreiköpfige Untier zu. Inmitten seiner gehorteten Schätze hatte der Drache derzeit nur Augen für die angekettete Prinzessin. Auch ich konnte den Blick kaum von der kleinen Lady wenden, so engelsgleich sah sie aus. Nie würde ihr Bild in mir verblassen. Nur stieß das mittlere Drachenhaupt soeben auf sie zu, um sie zu verschlingen. "Hilf mir, mein Recke!", rief sie in höchster Angst. "Recke?", schnaubte der Drache verächtlich. "Um mir einen Nüsternstüber zu verpassen, müsste er sich aber gewaltig ‚recken'!" Nun, ich sprang hoch, dabei die Schneide meines Schwertes einen eleganten Halbkreis beschreibend lassend; dieser hässliche Reptilienkopf fiel zu Boden, gleich darauf der linke. Der rechte allerdings bereitete mehr Mühe, wich aus, stieß zu, bog sich zurück; und während ich noch mit ihm kämpfte, waren die anderen beiden wieder nachgewachsen, betrachteten gespannt das Geschehen und verhöhnten mich. "Was meinst du, wo stirbt wohl das Gros der Ritter?", schrie das linke Haupt. "Im Kriegsgetümmel? Oder bei der Tjost? Weit gefehlt, Kleiner! Willst du's wissen? Auf des Rosses Rücken während trivialer Ausritte. An Hitzschlag!" "In voller Rüstung unter praller Sonne - schon mal probiert?!", fiel das mittlere Haupt ein. "Übrigens, nicht nur die Sonne heizt einem ein!" PFFFT! Eine gewaltige Feuerzunge umhüllte meine Panzerung und ließ sie so aufleuchten, wie es nicht einmal des Drachen buntschillernde metallisch glänzende Schuppen vermochten. "Nun, Erdenwurm, wie gefällt es dir inmitten meines Feuerodems? Stündest lieber auf einer Herdplatte bei Stufe 2, nicht wahr?! Wart ab, das war noch gar nichts. Wenn ich erst -" "HALT!" Eine hohe weiße Frauengestalt erschien zwischen mir und dem Drachen, teilte den Feuerstrom mit ihren Händen, so dass er zu beiden Seiten auf die Höhlenwände prasselte . "Oh, Ihr hier, Gute Fee? Was verschafft mir die Ehre?", zischte gereizt das Untier. "Frevel will ich verhüten", erklärte sie bestimmt. "Ach ja? - Ihr, die Elfen, Weißen Frauen, Feen und Flussfrauen und wir, die Drachen, Lindwürmer, Zentauren, Kobolde, Trolle, Satyre, Dämonen, Orks, Hexen, Basilisken, Hexenmeister, Riesen, Gnome, Hämmerlinge, Wichtel und Zwerge; die Dryaden, Wassermänner, der Vogel Phönix, der Vogel Greif, das Einhorn, der Tatzelwurm und all die andern Bewohner des Reiches Andromeda, wir alle trafen uns seinerzeit, um etwas gegen unsere Notlage zu unternehmen. Jahrtausendelang hatten wir Vertreter dieses naiven Menschengeschlechts geneckt und verschreckt, ihnen übel mitgespielt und sie, nun ja, im fairen Kampf, Mann gegen Mann, besiegt, während ihr ihnen halft, sie bezaubertet oder verzaubertet. Und dann hatte sich mit einem Male diese Milchstraße wie sämtliche andere Welteninseln so weit von uns entfernt, dass selbst die mentalen Kräfte des Stärksten unter uns nicht mehr reichten, ein Menschenkind zu uns zu versetzen oder er sich unter sie auf die Erde. Einstimmig beschlossen wir, unsere mentalen Kräfte zu vereinen, um unserm Reich Andromeda eine dem Üblichen entgegengesetzte Bewegungsrichtung zu verleihen. Wir schafften es! Mit jeder Stunde nähern wir uns nunmehr der Milchstraße; unsere mentalen Kräfte greifen wieder. Wir gönnen euch Elfen, Elben, Feen euren Schabernack; gönnt auch uns unsern ‚Spaß'! Und nun geht, Gute Fee! Er hat eine reelle Chance, sein Schwert ist scharf und zweischneidig, sein Panzer aus bestem Eisen, sein Helm stabil, sein Körper jung und wendig. Es ist ein fairer Kampf!" "Oh, nein! Viel zu jung ist er für die Schwertleite - den Ritterschlag erhält man mit einundzwanzig; das weißt du nur zu gut! Selbst zum Knappen fehlen ihm zwei Jahre. Als Edelknabe gut beschützt im Dienst der Hofdame wäre er am rechten Flecke!" "Findet Ihr mal auf dieser inzwischen so erschreckend nüchternen Erdenwelt einen Erwachsenen, der sich von uns ‚Hirngespinsten' einfangen ließe!", grollte der Drache. "Gut reden habt Ihr! Schnell mal auf die Erde gehuscht und einem Verirrten als Glühwürmchen den Weg gezeigt oder zur Abwechslung einer Mutter einen Wechselbalg in die Wiege gelegt, nur so als Ulk - alles kein Kunststück, das könnte auch ich. Aber holt diese Mutter doch einmal zu uns!" "Hierher? Ins Reich Andromeda?" Ich war verblüfft. "Aber selbst das Licht benötigt dazu zwei Komma zwei Millionen Jahre, nach neuesten Berechnungen sogar zwei Komma neun!" "Da habt ihrs: ‚Wissenschaft', ‚Bildung'. Sogar die Knirpse kommen einem damit, werden immer misstrauischer, sind kaum noch beeinflussbar." "Das Licht braucht so lange; aber Gedanken nicht", erklärte die Gute Fee freundlich. "Gedanken kennen keine Entfernung." "Gedanken ...? Bin ich überhaupt hier? Ich meine wirklich?" "Wirklich nicht. Nur dein handlungs- und empfindungsfähiges Abbild." "Aha", sagte ich erfreut. "Dann kann er mich ruhig verbrennen oder fressen." "Keinesfalls", erwiderte sie. "Mit dem Teil hier stirbt auch dein Körper daheim. Deine Mutter wir dich morgen früh erstarrt im Bett vorfinden. Brand- oder Bisswunden werden nicht vorhanden sein, der Arzt wird plötzliches Herzversagen als Todesursache feststellen. Wenn ich nicht wäre; du müsstest kämpfen." "Kämpfen! Kämpfen! Kämpfen!", schrieen begeistert die drei Drachenhäupter und spuckten Flammen. "Warte; ich schicke dich zurück", sprach die Gute Fee. "Dich auch, Minette." "Das werden wir sehen!", donnerte der Drache. Ein wütender Schlag mit dem gewaltigen Schwanz - und Tonnen von Juwelen, Schmuck und Geschmeide sprangen vom Höhlenboden; die Gute Fee wurde beiseite geschleudert. Sofort traf mich des Drachens Höllenatem. Ich taumelte zurück. Augenblicklich schnappte das mittlere Drachenmaul nach der Angeketteten. Mit rotglühender Rüstung sprang ich auf seine Zunge und stieß das Schwert zwischen die Kiefer. Der nächste Feuerball umwallte mich. Da - endlich - verblasste mein Abbild. "Mein Recke - sag schnell: wo wohnst du?", rief Minette mir zu, während auch ihr Bild verblich. "In ...", konnte ich noch antworten und erwachte schweißgebadet in meinem Bett. Ich MUSS sie wiedersehen!' "Das war alles, was ich aus Ihrem Bruder herausbekam; leicht poetisch aufgepeppt", sagte Doktor Manthei. "Namen, insbesondere Vornamen, üben einen gewissen Einfluss auf unser Leben, unsere Taten aus", schulmeisterte er. "Hakon, eine Nebenform von Hagen, einer Gestalt der Nibelungensage, eignet sich dafür trefflich. Aber zumindest identifiziert er sich nicht als Hagen von Tronje, dem Mörder Siegfrieds, sondern als edler Befreier." "Ach was! Dummes Geschwätz. Das kommt nur davon, wenn man als Junge nicht mit den andern Fußball spielt und lieber solchen Fantasy-Unfug liest", stellte Clarissa Baumotte mit verächtlichem Unterton fest. "Märchen. Nichts als Phantastereien ... die dem Partner und sich das Leben vergällen!" "Wie man weiterhin an der Namenswahl seines Schwarms unschwer erkennen kann", ließ sich Doktor Manthei nicht beirren, "trifft dies auch auf diese ‚kleine Lady' zu: Minette, eine Koseform von Minna, althochdeutsch gleich Liebe! Danach sehnt er sich. Nur dass das Objekt der Begierde kein Phantasieprodukt sein sollte. Aber seien Sie unbesorgt; diese tiefsitzende Falschprägung ist aufhebbar. Zehn Sitzungen grobgerechnet. In einem Vierteljahr hätte ich einen Termin frei, Weiteres wird sich finden." "Nicht nötig." Resolut stand Clarissa auf. "Ich war überzeugt, er träume von einer Lebenden. Weshalb Florence so viel Aufhebens wegen dieser Spinnerei macht, ist mir unbegreiflich. Diese Sache schaffe ich selbst ein für allemal aus der Welt. Habe da so eine Idee, die wird Hakon wieder in die Realität versetzen! Wiedersehen, Herr Doktor."
***
"In diesem Häusereingang dort", zischte Florence, "da steht er seit Stunden und spannt." Clarissa erspähte ihn und folgte seinem selbstvergessenen Blick. Diese Verkäuferin - nun ... immerhin besaß er Geschmack. "Geh langsam zum Gemüsestand", wies sie Florence an. "Ich komme gleich nach." Ein kurzer Marsch, ein gekonnter Bogen, und sie tippte ihrem Bruder von hinten unerwartet an die Schulter. "Komm mit, Kleiner! Und keine Widerrede!" Ihn hinter sich herzerrend, zwängte sie sich energisch zwischen einem Wurst- und einem Käsestand hindurch, ignorierte die verlockenden Schuhangebote gegenüber und schritt direkt auf die Holde zu. "Sie wünschen?" "Meinen Bruder möchte ich Ihnen vorstellen!", erwiderte Clarissa süffisant. "Es sollte Ihnen eine Ehre sein!" ‚Wozu?', würde sie gleich erfahren. ‚Ich bin längst gebunden und außerdem ist er nicht mein Typ. Wie wär's mit frischem Blumenkohl? Karotten? Paprika, rot, grün und gelb ...' Gleich würde Hakon von seinem Wahn geheilt sein und sich beschämt seiner Florence zuwenden! "Mein Recke!", schrie die Frau auf und fiel fast in Ohnmacht. "Endlich ...!" "Minette!", schrie er zurück und riss sie an sich. "Meine kleine Lady. Ich wusste, dass es dich gibt, dass ich dich eines Tages finde!" "Du mich?" Sie lachte auf. "Ich dich! Wenn du wüsstest, in wie vielen Städten, auf wie vielen Märkten ich nach dir Ausschau hielt!"
***
Sechs Stunden war Clarissa bei ihr. Sechs Stunden, in denen Florence abwechselnd um Hakon geheult und ihn verflucht hatte. Nun war sie wieder im vertrauten Heim. Orlando Baumotte, in Socken und Boxershorts, prüfte eben die Weichheit seines Kopfkissens. Ihr Schlafzimmer war Hakons ehemaliges Kinderzimmer. Das Meiste hatte er bei seinem Auszug mitgenommen, einiges hier gelassen. Clarissa erklomm den Dachboden, durchwühlte verstaubte Kisten und Koffer, fand dies und das, stieg damit die Treppen hinunter. "Du willst lesen. Jetzt? Neun Uhr abends!", fuhr er sie an. "Ja! Bis zirka Mitternacht." Schwups - ihr Kopfkissen lag nicht mehr unter ihrem Kopf, sondern über seinem. Ein Mondstrahl drang durchs Kippfenster und traf es. Zornig knüllte sie ihr Kleid zusammen und schob es sich unters Genick. Behutsam blätterte sie die Lieblingsbücher ihres Bruders durch: Märchenmond von Heike und Wolfgang Hohlbein, Die unendliche Geschichte von Michael Ende, die Harry Potter-Bände, Der Herr der Ringe ... Wäre nur nicht dieses ständige Schnarchen. Orlando benötigte keine Rückenlage, er produzierte sein Rrr-rrr-ch-ch sogar als Igelschläfer. Die Knie am Kinn, raubte er ihr den letzten Nerv. Laut Schlaforakel wehrt sich so jemand, der hinter allem und jeden ein Komplott gegen seine Person vermutet, gegen boshafte Angriffe aus der Umwelt. Nun, die konnte er haben. Unsanft rempelte sie ihn an. "Rrr-rrr-ch-w-wa-was ist?" "Lass uns das Bett tauschen!" "Was sollen die Mätzchen?" "So kommt wenigstens ein klein bisschen Abwechslung in unser Nachtleben, finde ich." Unwillig wälzte er sich herüber und schnarchte schon während des Wälzens weiter. Wag ich's? Nun ja, was soll's, lästiger als Orlandos Zweitagebart kann so eine Kette auch nicht sein. Mein Recke wird siegen! Mit weit offenen Augen, überzeugt, dass es immer Drachen, Feen und Zauberer gab, gibt und geben wird, starrte sie, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, hoffnungsbang zum Kippfenster hinaus auf den Andromedanebel, M 31, NGC 224. Die Erde näherte sich ihm und den Spukgestalten darin pro Stunde um 500 000 Kilometer. Clarissa war viel schneller ...
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