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Tommys Fantasie
Kurzgeschichten

Autor: Bodo Kroll

Anmerkung des Autors: "meine erste Kurzgeschichte, die ich im Alter von 14 Jahren geschieben habe und im SF-Magazin Black Flash veröffentlicht wurde."

Tommy kuschelte sich in sein Kopfkissen. Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte den 13-jährigen Jungen. Heute war Weihnachten. Die leeren Schachteln in seinem Zimmer zeugten von einem spendablen Weihnachtsmann. Überall waren Spielsachen und Bücher verstreut.
Glücklich ließ Tommy seine großen blauen Augen über seine Geschenke wandern. Alle Artikel hatten etwas mit seiner Leidenschaft zu tun. Alles musste etwas mit Science Fiction zu tun haben. Egal ob es nun Star Wars-Figuren, Raumschiffe aus der Star Treck-Serie, oder Sternenkarten waren; Tommy konnte einfach nicht genug davon bekommen. Besonders stolz war er auf die neue Sternenkarte. Sein Onkel Paul hatte sie ihm besorgt. Sie zeigte den Sternenhimmel aus einer völlig anderen, unbekannten Perspektive. Onkel Paul erklärte, dass es sich um eine Aufnahme aus einem Alienraumschiff handelte, doch dem breiten Lachen der anderen Erwachsenen konnte Tommy entnehmen, dass er auf den Arm genommen werden sollte. Nichtsdestotrotz war es eine DIN A0-Vergrößerung von außergewöhnlich guter Qualität und passte wunderbar an die Wand zwischen Schreibtisch und Kleiderschrank. Das Licht der Straßenlaterne, das durch das gegenüberliegende Fenster fiel, reflektierte sich kalt in den hellen Punkten der Spiralnebel und Galaxien der Karte.
Sein größter Traum wäre es, einmal als Kosmonaut in einem überlichtschnellen Weltraumkreuzer durch die Unendlichkeit der Galaxis zu rasen. Seine kleinen Hände zogen die schwarze Bettdecke, die mit Spiralnebeln und Sternen übersät war, bis zu seinem blonden Haarschopf hinauf.
Tommy hatte sein Zimmer abgeschlossen und den Schlüssel von innen stecken lassen. Er wusste, dass seine kleine Schwester Nina ebenfalls auf seine Star Wars-Figuren scharf war. Falls sie am ersten Weihnachtstag zuerst erwachen würde, könnte er seine Figuren abschreiben. Seine Mutter würde ihn schon wecken, falls er zu lange schlief. Mit dem Gedanken an seine Geschenke schlummerte Tommy ein.
Es musste weit nach Mitternacht gewesen sein, als ihn etwas weckte. Verschlafen rappelte er sich auf.
Das Licht, das von der Sternenkarte reflektiert wurde, erschien ihm weit heller, als noch vor einigen Stunden. Tommy richtete seinen schmalen Oberkörper auf und stützte sich auf seine dünnen Arme. Seine Gedanken ordnend, blickte er zum Fenster.
Wenn die Karte heller erschien, konnte es eigentlich nur an der Straßenbeleuchtung liegen. Tommy reckte seinen Hals über das Fensterbrett seines im 1. Stock liegenden Zimmers hinweg, doch draußen war es absolut finster. Selbst die Straßenlaternen waren um diese Zeit erloschen.
Vollkommen irritiert blickte der Junge wieder auf die Sternenkarte. Immer noch funkelten die fernen Galaxien und Sternennebel in einem geheimnisvollen Licht. Schlagartig war er hellwach. Die Unmöglichkeit dessen, was er gerade sah wurde ihm bewusst. Er saß mitten in der Nacht in seinem Bett, durch das geschlossene Fenster kam nicht ein einiger Lichtschein, und die Sternenkarte in seinem Zimmer leuchtete matt vor sich hin.
"Vielleicht sind es fluoreszierende Farben", grübelte er.
Entschlossen warf er die Bettdecke zurück und schwang seine, für sein Alter noch zu kurzen Beine aus dem Bett. Langsam, damit er nicht auf eines seiner Spielzeuge trat, tastete er sich an die Karte heran. Seine Verwunderung wuchs, denn je näher er der Karte kam, desto plastischer wirkte sie. Es war eher wie ein Fenster zu den echten Sternen, als eine zweidimensionale Wandkarte.
Fasziniert wollte er seine Hand auf die Kartenoberfläche legen, doch seine Hand glitt durch die Wand hindurch.
Erschrocken zog er seinen Arm zurück und starrte auf seine Finger, als ob sie es ihm erklären könnten. Er hatte durch die Karte gefasst! "Eine physikalische Unmöglichkeit", durchzuckte es ihm. Sicher schlief er noch, er träumte bestimmt vor sich hin.
Ein Trick, von dem ihm seine Mutter einmal erzählt hatte, fiel ihm wieder ein. Tommy kniff sich so stark er konnte, in den rechten Oberarm. Der Schmerz schoss dem Jungen ins Gehirn. Der Eindruck der Karte blieb.
"Ich muss ganz schön tief schlafen", stellte er fachmännisch fest, "wenn dieser Schmerz mich nicht weckt."
Im festen Glauben, alles nur zu träumen, tastete er sich erneut in die Sternenkarte. Wieder glitt seine Hand tief in die Karte. Tommy verstand jetzt, warum sie so plastisch wirkte, sie war tatsächlich wie ein Fenster.
Doch warum entwich nicht die Luft aus seinem Zimmer in das Vakuum des Alls?
"Im Traum ist eben alles möglich", erklärte er seine Frage selbst. Einer Eingebung folgend, streckte er den Kopf in die Karte und hielt dabei die Luft an. Schnell drehte er den Kopf nach allen Seiten. Überall konnte er andere Sternenbilder sehen. Dann wurde es Zeit den Kopf zurückzuziehen. Die Aufregung forderte ihren Tribut. Tommy musste erneut Luft holen. Etwas entspannter streckte er erneut den Kopf in die Karte. Die Galaxien sahen aus, als seien sie zum Greifen nahe. Tommy vergaß vor Faszination die Luft anzuhalten. Ohne es zu bemerken, atmete er jenseits der Karte weiter. Ein Sternennebel hatte es ihm besonders angetan. Tommy hatte Berge von Sternenatlanten unten, in seinem Kleiderschrank liegen, doch diesen Nebel, der aussah wie ein schwimmender Schwan, war ihm noch niemals aufgefallen.
Ohne weiter darüber nachzudenken, zog er sich auf den Rand der Karte und setzte sich. Seine nackten Beine baumelten ins scheinbare Nichts des Kartenuniversums.
Tommy fühlte sich berauscht. So weit sein Auge reichte, sah er brillant schimmernde Sterne. Sein Blick senkte sich zu seinen nackten Füßen, die im absoluten Nichts baumelten. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er auf einem dünnen Kartenrand saß. Panik erfasste ihn, doch ein Kontrollblick über seine Schulter zeigte Tommy das vertraute Bild seines Zimmers. Verträumt blickte er wieder auf den schwanenförmigen Nebel.
"Es ist schon irre, was man alles träumen kann", sinnierte er vor sich hin. Ein schrilles Hupen riss ihn aus seinen philosophischen Gedanken. Erschrocken drehte er erneut den Kopf zurück, um in sein Zimmer zu sehen. Draußen, auf der Straße vor seinem Fenster, konnte er die Scheinwerfer eines Wagen ausmachen.
Der unvorbereitete Ruck ließ ihn die Balance verlieren. Haltlos kippte er in das absolute Nichts des Sternenkartenuniversums. Voller Panik drehte er sich um die eigene Achse und reckte die Arme zum Rand der Karte, doch der erste Bewegungsimpuls hatte ihn bereits einen guten Meter in das fremde Universum getragen.
"Ich will zurück", wünschte er sich plötzlich innigst. Vergessen war die Faszination dieses Traumes.
Ohne eine weitere Aktion durchgeführt zu haben, glitt er zurück zur Kartenkante, die in sein Zimmer führte.
Tommy war völlig perplex. Er konnte in dem Universum der Kartenwelt bewegen, er brauchte es sich nur zu wünschen!
Behende drehte er sich herum. Diese Entdeckung musste er sofort ausprobieren!
"Ich will zum schwanenförmigen Sternennebel", wünschte er sich in Gedanken. Tommy stieß sich vom Kartenrand ab und reckte seine Arme, wie er es von den Superman-Filmen her kannte. Sofort hatte er den Eindruck mit unglaublicher Geschwindigkeit zu beschleunigen. Der fremde Nebel sprang ihn regelrecht an. Tommy konnte bereits unterschiedliche Sterngruppierung ausmachen. Im nächsten Moment befand er sich in der schwanenförmigen Galaxis. Sein Flug verlangsamte sich. Tommy befand sich am Ziel seiner Träume. Er reiste zu den Sternen, auch wenn es nur die Sterne einer Karte waren und er bestimmt träumte. Zum wiederholten Mal schaute er an sich herunter. Immer noch trug er seinen blauen Pyjama, aus dessen Hosenbeine seine nackten Füße schauten. Alles war irreal, doch es war ihm im Moment egal.
Der blonde Junge reckte seinen Kopf. Überall funkelte und blitzte es um ihn herum. Tommy wollte alles sehen, alle Sterne, die es gab, jeden Planeten besuchen, jedes fremde Leben kennenlernen, bevor der Traum zu Ende war. Dieser Wunsch wurde übermächtig in ihm.
Wieder begann er zu beschleunigen
Jeder Stern, den er sah, wurde automatisch sein Ziel. Vorbei an Sternengiganten, Planeten und Asteroiden raste er durch die fremde Galaxis. Immer schneller wurde sein Flug. Tommy war kaum noch in der Lage, die rasend schnell wechselnden visuellen Eindrücke zu erfassen, geschweige denn zu verarbeiten. Er war wie im Rausch. Farben, Formen und Bewegung verdrängten denn letzten klaren Gedanken im Kopf des kleinen Jungen. Schneller, immer schneller war der alles erfüllende Wunsch.
Tommy schloss die Augen. Er fühlte, wie er mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit durch das All trudelte. Die Eindrücke verblassten ein wenig. Glücklich öffnete er wieder die Augen und schaute nach vorn. Direkt vor ihm stand eine gigantische Sonnenballung, auf dessen Zentrum er zuraste.
Für einen Moment setzte sein Herzschlag aus. Der Schreck fuhr ihn in alle Glieder. Plötzlich spürte er die Wärme, die von der Ballung ausging. Aber es konnte doch nicht sein, wie konnte er im Traum die Wärme der Ballung spüren? Er konnte doch auch nicht die Kälte des Alls fühlen? Oder war die Hitze der Sonnen vor ihm so groß, dass sie seinen unsichtbaren Schutz durchdrangen? Viele Fragen schossen ihm in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, während die Sonnenballung sein gesamtes Sehfeld einnahm.
"Ich will da nicht reinfallen", wünschte er sich mit aller Kraft. "Ich will daran vorbei!"
Tommy merkte wie sich sein Kurs änderte. Schon konnte er wieder einen schmalen Streifen des schwarzen Alls ausmachen, doch sein Kurs führte ihn in einem Bogen dicht an der Sonne vorbei. Zu groß war die Geschwindigkeit, mit der er durch das fremde Universum raste. Die Hitze wurde immer stärker. Tommy bemerkte, wie ihm der Schweiß an seinem Körper herunterlief. Der blaue Pyjama war nass und fing an zu dampfen. Der Schweiß verdunstete und zog als weißlicher Nebel ins Nichts. Die Hitze begann auf der Haut zu brennen. "Wieso spüre ich es nur?" hämmerte es in seinem Hirn. "Wieso ist es nur so heiß?"
Der Schmerz wurde unerträglich. Tommy vergaß, wo er sich befand, er wollte nur noch nach Hause, weg von diesen Horrortraum, der ihn einfach nicht losließ...

*

"Abartig, einfach abartig!" murmelte der Mann, als er sich langsam aufrappelte. Ein ebenfalls weiß bekleideter Mann neben ihm gab ihn eine Akte zurück. Handschriftliche Vermerke füllten die ersten Seiten. Seine Gummihandschuhe hinterließen schwarze Flecken auf dem Papier.
"Jetzt bin ich schon über 30 Jahre in meinem Beruf, aber so etwas scheußliches habe ich noch niemals gesehen." Widerwillen stand im Gesicht des grauhaarigen Mannes, dessen hageres Gesicht von tiefen Falten durchzogen war. Ein leichter Bauchansatz spannte den Kittel, den er trug.
"Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, wenn Perverslinge sich an kleinen Kindern vergreifen und sie dann umbringen. Doch das hier ist wirklich die absolute Steigerung dessen, was ich bisher gesehen habe."
Der Mann wandte sich um. "Sie können ihn jetzt wegbringen", wies er die Mitarbeiter an, die gerade einem Zinksarg in das Kinderzimmer bugsierten. An seinen neben ihm stehenden Kollegen gewandt, fuhr er fort: "Um Spuren zu verwischen, brauchte er die kleinen Kerl nicht bei lebendigen Leib verbrennen, und dann auch noch in sein Bett zurück zu legen!"
"Es ist immer noch ein Rätsel, wie er hier überhaupt hineingekommen ist!" entgegnete sein Kollege. Beide waren Gerichtsmediziner und untersuchten den seltsamsten Fall ihrer Karriere. "Die Eltern erklärten, dass sie wirklich niemanden bemerkt haben. Das Fenster und die Zimmertür waren von innen verschlossen. Lediglich die Nachbarn hörten gegen drei Uhr morgens Fahrzeuglärm vor dem Haus."
"Ebenso muss er den Jungen kochendheiß in das Bett zurückgelegt haben", erklärte der erste Mediziner und wies auf die schwarze Bettwäsche, die noch deutliche Spuren aufwies. "Sogar das Laken hat noch begonnen, leicht zu schmoren. Wie konnte er so einen heißen Körper nur wieder anfassen, geschweige denn bewegen?"
Der Mann schüttelte den Kopf. "Es wäre doch viel einfacher gewesen, den Jungen einfach in den nächsten Straßengraben zu werfen, anstatt ihn hier wieder zurück in sein Zimmer zu bringen. Die Sache ist vollkommen verrückt! Hier passt wirklich nichts, rein gar nichts zusammen."
"Die Indizien sind wirklich vollkommen widersprüchlich. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es sich hier um einen Sexualtäter handelt. Eigentlich kann es überhaupt kein Fremder gewesen sein", entgegnete der andere Mann. "Ich bin wirklich gespannt, was die polizeilichen Ermittlungen in diesem Fall ergeben werden."
Niemand von ihnen bemerkte im hellen Licht der Morgensonne, die durch Tommys Fenster schien, das seltsame Funkeln der Sterne auf der Karte, die zwischen der Tür und dem Kleiderschrank hing...

ENDE

 

 

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