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Phantast
| Tattoo |
| Film - Horror & Mystery (F) | |||||
Zwei ungleiche Polizisten versuchen, hinter dunkle Geschäfte mit Menschenhaut zu kommen. Verwöhnung ist die kleine Schwester der Entmündigung. Weder denkt ein voller Bauch gern, noch wird er sich je auflehnen, es sei denn, man nähme ihm weg, was ihn voll macht. Was in Liebesbeziehungen und im Fernsehen so trefflich funktioniert - Verdummung durch Abnahme aller anstrengenden Pflichten -, beherzigt auch der Stechpalmenwald seit Urzeiten: Um Joe Sixpack, den fettleibigen und bibelfesten Durchschnittsamerikaner, nicht mit fremden Bildern aus dem moralisch verlotterten Europa voller schlanker Menschen mit schlechten Gebissen und unrasierten Achseln zu verstören, werden ausländische Kinoerfolge routinemäßig auf heimischem Boden mit bekannten Schauspielern nachgedreht, was dem Film meist zum Schaden, dem Geldsäckel der Produzenten aber zur prallen Füllung gereicht. Eine junge Frau stolpert über die Straße. Vielmehr wankt sie, da dort, wo früher ihr Rücken war, nur noch eine riesige, blutüberströmte Wunde klafft, die von der unglaublich kreativen Maske furios in Szene gesetzt wird. Es ist schwarze Nacht, und keiner der vereinzelten Autofahrer hält an, um ihr zu helfen. Einzig ein freundlicher Busfahrer bemerkt das Mädchen (leider etwas zu spät) und überfährt es, worauf sein Bus explodiert und der Filmtitel erscheint, getreu der Maxime, zuerst mit einem Erdbeben zu beginnen und sich dann langsam, aber sicher zu steigern. Zur Massenvereidigung ist der arbeitsscheue Schrader wieder ausgeschlafen, und hätte ein mutmaßlich blinder Zuschauer bis dahin nicht gemerkt, dass Schwentkes Werk keine der üblichen kindergeburtstagsbunten Beziehungskomödien ist, spätestens hier wird es klar: In einem schummrigen Saal, einen bedrohlichen, riesengroßen Berliner Bären im Rücken, schwört ein dominanter Polizeipräsident seine Absolventen auf den Dienst ein wie ein menschenverachtender General sein Kanonenfutter. Zurück vom Besuch im Leichenschauhaus, in dem die immer brillantere Maske und Gustav-Peter Wöhler als köstlich lakonischer Pathologe ihre Meisterschaft zeigen, und einem Besuch in der Wohnung des zuvor erwähnten Mädchens, gibt Minks seinem neuen Partner den einzigen Hinweis, der sich in diesem ewig nächtlichen und dauerverregneten Berlin zu befolgen lohnt: er solle immer lebend nach Hause kommen. Wieviel Weisheit in diesen Worten liegt, offenbart sich kurz darauf, als das ungleiche Polizistenpaar, buchstäblich einem Fingerzeig folgend, auf einen makabren Privatfriedhof voller verstümmelter Leichen stößt, denen die Haut über die Ohren gezogen wurde. Ein hochgeheimer Liebhaberring handelt mit Tätowierungen, die mitunter auch am lebenden Objekt gewonnen werden - nach nur einer Stunde in Schwentkes betongrauem und menschenverachtendem Berlin verwundern auch derartige Auswüchse nicht mehr; in dieser Hauptstadt ist das Rot der Rosen, das die abscheulichen Blutbäder stilistisch genial vorwegnimmt, die einzige Farbe. Bis auf das makellose Weiß der Rollkragenpullover der ebenso makellosen Galeristin Maya Kroner, einer Freundin der Verstorbenen und einer Expertin der Tätowierkunst. Die kühle Schönheit trägt ungerne Büstenhalter, steckt ihr blondes Haar zu einer adrett-strengen Frisur und wird von Nadeshda Brennicke so undurchschaubar wie erotisch (vulgo: ausdruckslos und nackt) gegeben, und wenn hier noch nicht die Alarmglocken des geschulten Kinogängers klingeln, als sähe man sich einem dicken "Knuddelbären" mit Dreitagebart gegenüber, so spätestens dann, wenn zwischen den verführerisch roten Lippen der Kunstfachfrau unablässig eine Kippe nach der anderen glimmt und Mayas wunderschöne Lungen ruiniert. Schrader übersieht die Warnhinweise jedoch, und der Zuschauer läuft Gefahr, es ihm gleich zu tun, allein aufgrund Mayas wunderbarer Szene im Regen, die nicht nur zu den Highlights des Films, sondern auch der deutschen Kinogeschichte zählt - wie die John Doe-artig misslungene Verhaftung eines Hauptverdächtigen und Schraders endliche Begegnung mit Minks' Tochter Marie (Jasmin Schwiers so liebenswert wie verletzlich). Sanft klimpert die sonst hervorragend treibende Musik Martin Todsharows, und Jan Fehses puristische Kamera erlaubt sich ausnahmsweise ein oder zwei Lux mehr, während Marie, der im wahrsten Sinne des Wortes einzige Lichtblick im dunklen Moloch, erzählt, wie zuviel Liebe nur Hass hervorruft. Wenn im kalten Herzen dieses neuen Deutschlands nicht einmal mehr ein Vater und seine Tochter friedvoll miteinander leben können, erscheint es nur folgerichtig, dass es auch niemand sonst kann: die blutigen Ereignisse überschlagen sich, und auch wenn das Ende von Tattoo abgehackt, abgedroschen, überzogen, vorhersehbar und teilweise unlogisch scheint, lohnt es sich, bis zum Schluss auszuharren - inspirierte Nebendarsteller von Monica Bleibtreu über Ingo Naujoks bis zu Johan Leysen geben sich das Skalpell in die Hand und machen Schraders bittere Initiation in die Abgründe dieses seine Bewohner entmenschlichenden Berlins noch packender als die vorigen, nervenzerfetzenden neunzig Minuten. Tief in den Eingeweiden der Metropole schließlich kommt der junge Polizist ans Ende seines Falls, aber es ist, als hätten diese feucht wie ein Organismus dampfende Stadt und ihr wuchernder, wabernder, kriechender Bodensatz tätowierter, körpermodifizierter, vernarbter und perverser Drohnen Schrader verdaut, zersetzt und zerstört statt umgekehrt. Trotz gelegentlicher Kurzatmigkeit mit mehr als hoffnungsfroh stimmenden kohlschwarzen Ansätzen also - wären mehr Filme wie Tattoo und seine Überväter aus Übersee, wäre die wahre Welt als Vorlage nicht mehr schlecht genug. 4 von 5 Sternen
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