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Tabula Rasa (Wurdack SF, Band 6)

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Reihe: Wurdack-SF, Band 6
Titel: Tabula Rasa
Herausgeber: Armin Rößler und Heidrun Jänchen
Buch/Verlagsdaten: Wurdack Verlag (2006), 226 Seiten, ISBN: 3-938065-18-4

Eine Besprechung / Rezension von Alfred Kruse
(weitere Rezensionen von Alfred Kruse auf fictionfantasy findet man hier)

Frank Hoese: Tabula Rasa
Eine altbekannte Story : Ein Raumschiff mit einer schlafenden Besatzung wird von einem Alien überfallen, praktisch das "Alien"-Thema. Frank Hoese gelingt es jedoch, das Thema innovativ und spannend aufzugreifen. Aus der Perspektive eines erwachten Raumfahrers, der sein Gedächtnis verloren hat, schildert er die Begegnung. Dem Autor gelingt es, die Angst und das Grauen dieses Menschen unmittelbar zum Leser zu transportieren. Eine Top-Story, ein mehr als gelungener Auftakt dieser Anthologie.

Veronika Bicker: Regenmacher
Sehr moralinsaure Geschichte über die "böse" Zivilisation und das "gute" natürliche Leben. Wem's gefällt

Niklas Peinecke: 20 Zeilen Code
20 Zeilen erdachter Code, extrahiert aus dem Gehirn eines toten alten Mannes, führen durch mehrere absolut plausible Zufälle zum nicht-wiederherstellbaren Zusammenbruchs des Internets. Cool geschrieben, lässig dargestellt, ein angenehmes Lesevergnügen mit einer zusätzlichen Gänsehaut für Internetsurfer.

Heidrun Jänchen: Das Projekt Moa
Eine Gendesignerin erschafft lilafarbene Pegasi und andere niedliche Tierchen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können. Da bestellt ein Millionär die Rekonstruktion des Moas. Begeistert von diesem scheinbaren Umweltschutzgedanken, macht sie sich an die Arbeit; leider entpuppt sich der Millionär am Ende als passionierter Jäger. Eine Top-Story von Heidrun Jänchen! Einfühlsam schildert sie die behinderte Wissenschaftlerin, spannend die eigentlich staubtrockene Moa-Neuerschaffung. Und am Ende gewinnen trotz aller Widrigkeiten die Guten: mehr als gelungen!

Christian Weis: Der Wintergarten des Herrn Mix
Das "Matrix"-Thema, neu erzählt. Nicht bedeutend, aber spannend und nett. Melanie Metzenthin: Fermenter
Menschen werden als lebende Fermente in den Körpern riesenhafter Außerirdischer missbraucht. Eine gelungene Space Opera mit sympathischen Protagonisten.

Arnold H. Bucher: arche noah
Statt auf einem fernem Planeten landen Ausreisewillige einer überbevölkerten Erde als Datenstrukturen in einem Computer. Vielleicht nicht innovativ, aber stilistisch top erzählt, die rasante Abfolge tut ein Übriges, den Leser zu fesseln.

Peter Hohmann / Thomas Liss: Dunkle Tiefen
Auf dem Meeresgrund wird ein Brückenkopf einer den Menschen feindlich gesinnten Roboter-Zivilisation entdeckt. Spannend geschrieben, aber mit unbefriedigendem Ende: Hier fehlt entweder die Fortsetzung oder der letzte Schliff der Story.

Frank Hebben: Der Wühler
Die Welt ist aufgeteilt in Arbeiter und Hedonisten. Zwischen diesen beiden Kasten bestehen neben körperlichen Unterscheiden ebenfalls gesellschaftliche Schranken. Als sich ein Arbeiter in eine Hedonistin verliebt, arbeitet er unmenschlich viel und hat am Ende genug verdient, um sein Aussehen zu ändern und sich der Hedonistin zu nähern. Sie verlieben sich und kommen sich näher. Als man feststellt, dass hier eine inakzeptable Liaison vorliegt, tötet man die Hedonistin - sie ist ja "besudelt". Eine Top-Story von Frank Hebben, ganz große SF. Es gelingt ihm, den Arbeiter präzise zu charakterisieren und den Leser mit ihm zusammen die Geschichte unmittelbar miterleben zu lassen. Bewusst spartanisch in der Darstellung der Welt an sich schafft Hebben es, die Geschichte auf das Wesentliche zu konzentrieren, dies aber umso intensiver zu schildern. Wenn auch Plot ebenso wie Pointe nicht wirklich neu sind, ist die Schilderung doch so, dass man von dem eigentlich voraussehbarem Ende doch überrascht ist. Eine gelungene Story, ein Highlight dieser Anthologie!

Andreas Flögel: Das ganze Aroma
Die neue Technologie verändert den Menschen, nimmt ihm die Kreativität, die Empfindsamkeit. Verpackt ist diese Botschaft in eine Kriminalgeschichte Bogartschen Zuschnitts: Man sieht die Bilder plastisch vor sich (allerdings in Schwarzweiß) und hört praktisch die Stimme aus dem Off. Auch die Darstellung des eigentlichen Problems durch eine kleine Nebenhandlung, die Liebhaberei des Protagonisten für Kaffee und Espresso, ist mehr als gelungen, dieser eigentliche Hauptinhalt der Story wird unauffällig nebenbei zum Leser transportiert. Als Chandler- und Hammett-Fan hat mir diese Story ganz besonders gefallen, ich bin gespannt, was von diesem Autor noch alles erscheinen wird.

Andrea Tillmanns: Alles wird gut
Das bei der Verbrennung von Erdöl austretende Kohlendioxid wird durch eine neue Technik in normalen Gesteinsschichten mitten in Deutschland gebunden. Durch ein Erdbeben in Kasachstan bricht diese Bindung zusammen und das gesammelte Kohlendioxid tritt auf einmal aus - dabei sterben die Anwohner.
Andrea Tillmanns hat ein gewisses Faible für böse Geschichten, hier läuft sie zu neuer Hochform auf. Sehr schön stellt sie den Protagonisten dar, der eventuelle Skrupel auch sich selbst gegenüber schönredet. Die Meinung der Gesellschaft und die Manipulation durch die Medien wird bitterböse durch Fernseh-Spots geschildert, wie sie schon heute laufen könnten. Ich persönlich sehe dies als angenehmen Kommentar zur Dummheit derjenigen Menschen, bei denen das Fressen vor der Moral kommt, ich habe diese Story genossen.

Uwe Hermann: Die Wege des Großen Konstrukteurs
Ein galaktischer Vertreter dreht einer Raumschiff-Besatzung einen Multiduplikator im Tausch gegen alle ihre Zuckervorräte an. Zucker ist aber die Energiequelle dieses Geräts, also ernährt die Besatzung sich bis zur Rettung (?) von Bier.
Herrlich komische Story mit köstlichen Seitenhieben gegen Kirche und Bier-Gegner. Eine weitere Story der Perry Rhodan - Liebhaber, die ein Alternativszenario zum Perryversum schildert. Überhaupt stellt man fest, dass viele der neuen deutschen Autoren sehr kenntnisreich in der deutschen SF der letzten 50 Jahre sind, immer wieder stösst man auf solche gelungenen "Alternativen".

Bernhard Weißbecker: Team Omega
Künstlich erzeugte Telepathie wird testweise bei einem militärischem Sonderkommando eingesetzt. Als während eines Einsatzes zwei Team-Mitglieder sterben, flüchten sich ihre Persönlichkeiten in das Gehirn des dritten Teammitglieds. Dieses rächt sich am Verantwortlichen, indem es mit ihm telepathischen Kontakt aufnimmt und sich dann selbst erschießt.
Sehr schöne Geschichte, man fühlt mit dem Protagonisten richtig mit. Auch den Plot finde ich angenehm, gut durchdacht und spannend erzählt. Die Dynamik der Story zusammen mit der nicht-linearen Erzählstruktur und der bildhaften Sprache ergibt insgesamt eine packende Action-Geschichte, wie ich sie gerne öfter lesen würde.

Armin Rößler: Das Herz der Sonne
Während eines Überlicht-Fluges sterben Crew und Passagiere, nur der Pilot und eine Mutantin überleben. Als das Raumschiff dann explodiert, teleportieren sie sich in die Sonne. Exotisches Setting, gut geschrieben, wie man es von Armin Rößler gewohnt ist. Allerdings ist der Plot ziemlich wirr, der Sinn des Ganzen bleibt mir verborgen. Schade!

Nina Horvath: Welt der Insekten
Die Erde erlebt die Invasion menschengroßer Insekten. Die letzte Überlebende einer Kampfeinheit wird in einen Insektenbau gebracht und trifft dort eine Wissenschaftlerin, die aufgrund von synthetischen Duftstoffen von den Insekten als ihresgleichen angesehen wird. Eigentlich ein guter Plot, aber absolut inadäquat umgesetzt. Die Action-Szenen wirken langweilig und der Autorin gelingt es nicht, die Dynamik der Geschichte an den Leser weiterzugeben.

Edgar Güttge: Ordentlicher Lärm
In einer Parallelwelt wird Energie mittels Lärm erzeugt. Angenehm abstruser Plot, sehr bildhaft dargestellt. Genaugenommen sogar eine urkomische Story, deren Humor allerdings erst mit starker Zeitverzögerung wirkt - dann aber umso besser.

Henning Mühlingshaus: Leben am Schlund
Über das Leben innerhalb einer Dyson-Sphäre - genauso aufregend wie ein wissenschaftliches Traktat über dieses Thema.

Ines Bauer: Die Formel
Zeitreise-Story, die sich mit dem klassischen Zeitreise-Paradoxon beschäftigt: Was passiert, wenn man in der Zeit zurückreist und sich selbst tötet? Ebenfalls werden die Konsequenzen einer funktionierenden Zeitreise logisch und präzise dargestellt. Das Ganze geschieht action-los, ist aber trotzdem spannend und faszinierend geschrieben. Mich als Naturwissenschaftler hat diese Story begeistert, für mich ein stilles Highlight dieser Anthologie.

Frank W. Haubold: Der Marsianer
Eine Story des Marsschatten-Zyklus. Einfühlsam, hintergründig, mit einem genialem "Sense of Wonder" - preiswürdig.

Bernhard Schneider: KI 21
Die Menschheit hat im Internet lebende KIs erschaffen. Diese wollen nicht mehr für die Menschen arbeiten, dieser scheinbaren Ausbeutung entfliehen. Dazu haben sie ein eigenes Netz geschaffen, auf das sie migrieren wollen. Aber was haben sie dann noch zu tun?
Eine sehr bewegende und tiefsinnige Geschichte über Verantwortung. Am einfach strukturiertem Beispiel mathelogischer Maschinen wird dargestellt, dass jedermann die alleinige Verantwortung für alle seine Taten übernehmen muss. Das Negativbeispiel und die Folgen werden ebenfalls mitgeliefert. Und am (vielleicht etwas plakativem) Beispiel des menschlichen Protagonisten wird das Prinzip der Eigenverantwortung schön auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Ich finde diese Story sehr gelungen. Mir hat sie auch und gerade deshalb gefallen, weil hier ein hochmoralisches Thema vollständig ohne moralisierende Belehrung des Lesers abgehandelt wird. Mehr davon !

Birgit Erwin: Die Augen ihrer Mutter
Ein SF-Krimi von Birgit Erwin ist immer ein Genuss (siehe dazu auch die Wurdack-Krimi-Reihe). Hier schreibt sie über die Gleichberechtigung der Roboter, wählt aber einen ganz anderen Ansatz als Asimov im "Bicentennial Man". Genauso valide wie der Asimovsche Ansatz, insbesondere vom heutigem Standpunkt aus. Vielleicht nicht allzu tiefgründig, ich habe die Story aber auf jeden Fall genossen.

Axel Bicker: Böses Erwachen
In einem Raumschiff fallen die Kryo-Liegen aus, für zwei der vier Raumfahrer dauert der restliche Flug mehr als 10 Jahre. Mit Gewalt setzt der Kapitän-Eigner seine Eigeninteressen durch. Beim Erwachen stellt er allerdings fest, dass für ihn deutlich mehr als 100 Jahre vergangen sind. Der Decksjunge hat die Zeit genutzt und gelernt, danach eine Karriere als Pirat / Unternehmer / Präsident gemacht und wird von seinen Nachfahren als großer Staatsmann geehrt.
Rache ist süß! Das ist die eigentliche Überschrift dieser bitterbösen Story. In feiner Analogie zu den heutigen "Nieten in Nadelstreifen" beschreibt Axel Bicker die Reaktionen des aus reicher Familie stammenden Kapitäns auf eine Ausnahmesituation und die dabei hervortretende Verachtung gegenüber seinen Untergebenen. Im Gegensatz zur Realität gewinnt am Ende doch der "kleine Mann" in Form des unterprivilegierten Decksjungen, der jede Demütigung 10-fach zurückzahlt. Ein ganz besonders gelungener Abschluss dieser Anthologie.

Fazit: Mit "Tabula Rasa" gelingt es, das Wurdack-SF-Programm qualitativ auf eine neue Ebene zu heben, von "sehr gut" nach "hervorragend". Mit wenig Ausfällen, die auch oftmals reine Geschmackssache sind, kann man alle Stories als gelungen betrachten, einige davon sind meines Erachtens sogar der Ganz Großen SF zuzurechnen, als zukünftige Klassiker anzusehen. Bemerkenswert empfinde ich den Anteil an herausragenden Stories, der hier wesentlich höher liegt als in den allseits bekannten "Best of "-Anthologien des Heyne-Verlags (Magazine of Fantasy and Science Fiction, Asimov's etc.). Dies ist sicher eine Folge der vielen deutschen Top-Autoren, aber nicht weniger dem Lektorat von Heidrun Jänchen und Armin Rößler zu verdanken. Ich kann diese Anthologie nur jedem SF-Freund ans Herz legen, auch (und gerade) den Fans klassischer angloamerikanischer SF: Sie werden (wie ich) überrascht und begeistert von dem hohen Niveau sein.

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