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Startseite - Film - Science-Fiction - Solaris (2002)
Solaris (2002)
Film - Science Fiction (F)

Titel: Solaris
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Steven Soderbergh (Romanvorlage: Stanislaw Lem)
Darsteller: George Clooney, Natascha McElhone, Viola Davis, Jeremy Davies, Ulrich Tukur, Shane Skelton
Musik: Cliff Martinez
FSK: 12
Laufzeit: 99 Min.
USA 2002

Eine Besprechung / Rezension von Andreas C. Lazar
(weitere Rezensionen von Andreas C. Lazar auf fictionfantasy findet man hier oder auf seiner Webseite moviebazzar.de)

Inhalt: Der Psychologe Chris Kelvin bricht auf, um seltsame Vorkommnisse in einer Forschungsstation im Orbit des Planeten Solaris zu untersuchen.

Kritik: Vom großen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz stammt die Monadologie, die Lehre von den Monaden, punktförmigen Substanzen, die die wahrhaften Atome der Natur bilden. Kein äußerer Einfluß kann auf diese abgeschlossenen, weniger oder mehr beseelten Elemente wirken; daher spiegeln sie das komplette Universum von seinem Anfang bis zu seinem Ende in sich und agieren nur in ihren eigenen Vorstellungen. Daß es "von außen" dennoch wirkt, als interagierten die Monaden, liegt an der sogenannten prästabilierten Harmonie: Gott hat bei der Erschaffung der Spiegelwelten jeder Monade das individuelle Streben jeweils jeder anderen Monade einbezogen und gemäß seiner unendlichen Weisheit, Güte und Macht entschieden, welche zu welchem Zeitpunkt zum Zuge kommt - die beste aller möglichen Welten also.

Küchenphilosophisch auseinanderklamüsert gehen wir somit in einer Art autistischem Kollektivpseudosolipsismus prä- oder, wer's lieber entchristianisiert mag, undeterminiert durch die Zeit. Soll, langer Fremdwörter banaler Sinn, heißen: Es gibt fremdes Bewusstsein außer dem eigenen, aber dessen Verstehen kann nur in dessen Projektion und Verzerrung auf die eigene Monadenkoordinatenwelt erfolgen und damit höchstens in den Gemeinsamkeiten beider Monaden, meist nicht einmal darin.
Gibt es keine Gemeinsamkeiten, lehrt uns der geniale polnische Autor Stanislaw Lem in seinem Roman "Solaris", so gibt es auch kein Verstehen, und entsprechend scheitern seine Helden spektakulär daran, den planetenumspannenden, intelligenten Ozean auf dem Planeten Solaris zu begreifen. Nach Andrei Tarkovsky vor gut dreißig Jahren hat sich nun der umtriebige Steven Soderbergh an den Stoff gemacht und das globale Unverständnis intelligent und virtuos zugunsten eines privateren Nichtbegreifens zurücktreten lassen.

Zu Solaris also, und der hierfür sehr zu Unrecht nur mit seinem nackten, haarigen Hintern beworbene George Clooney als Psychologe Chris Kelvin, dessen Frau sich vor einiger Zeit selbst getötet hat, kommt auf der den Planeten umkreisenden Forschungsstation auf Bitten seines Freundes Gibarian (Ulrich Tukur mit einem etwas irritierenden deutschen Akzent) an, um die ungewöhnlichen Vorkommnisse auf der Station aufzuklären. In den zusammen mit der jederzeit fabelhaften Musik Cliff Martinez' sehr an "2001: A Space Odyssey" erinnernden, von Steven Soderbergh höchstpersönlich mit kühlem, weit kunstfertigerem Auge als in "Ocean's Eleven" gedrehten, interessant ausgestatteten Räumen findet er bald viele Leichen, noch mehr Blut und schließlich die verstörten Wissenschaftler Snow (ein nervöser Jeremy Davies) und Gordon (eine präsente Viola Davis), die ihm aber nicht sagen wollen, was geschah und geschieht.

Erst als Kelvin am nächsten Morgen neben seiner Frau aufwacht, erfährt er, daß der solarische Ozean buchstäblich die Leichen im Keller jedes Menschen wiederauferstehen lässt. Natascha McElhone spielt Rheya Kelvin mit ihren großen Augen und unwahrscheinlich hohen Wangen so berückend und intensiv, dass auch der manchmal eher mittelmäßige George Clooney zu einer seiner besten Leistungen hingerissen wird, und Steven Soderberghs famos reduziertes und klares Drehbuch tut sein Übriges dazu.

Der Ozean erschafft die 'Besucher' aus den Erinnerungen der Menschen, und so lernen wir in vielen Rückblenden langsam das Ehepaar Kelvin kennen, und mit Clooney fragen wir uns ähnlich wie Guy Pearce im nicht minder großartigen "Memento" von Christopher Nolan, wie persönliche Erinnerungen beschaffen sind und was für eine Welt wir aus ihnen errichten. Wie kann es objektive Erinnerung geben, wenn diese immer nur in Subjekten stattfindet? Wie wird die Vergangenheit werden, wenn man einander schon in der Gegenwart in den fundamentalsten aller Fragen nicht versteht noch kennt, nie hinter die Haut dringt? Sind die Erinnerungen nur ein vom Erinnernden beliebig veränderliches Puppenspiel und also auch all dessen Puppen? Und ist das nicht alles, was wir nur vermögen, und alles, was wir nur wollen?

Welche Antworten Soderbergh darauf in seinem sehr ruhigen, genau beobachtenden "Solaris" frei nach Leibniz, Lem und Kubrick findet und mit einem herrlich ambivalenten, zum sprudelnden Nachdenken anregenden Ende nachhaltig krönt, das muss man wie so oft auch hier selbst gesehen haben, in seiner eigenen Spiegelwelt, denn, um mit Descartes zu sprechen, gilt, heute wie zu aller Zeit: Cogito, ergo sum.

4,5 von 6 Sternen

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