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Schöne Scheine

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Serie: Scheibenwelt, Band 36 / 2. Feucht-von-Lipwig-Roman
Titel: Schöne Scheine (2007)
Originaltitel: Making Money (2007)
Autor: Terry Pratchett
Übersetzer: Bernhard Hennen
Buch/Verlagsdaten: Manhattan Bücher im Goldmann Verlag (2007), 416 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,95 €, ISBN 978-3-442-54631-2

Eine Besprechung / Rezension von Rainer Skupsch

"Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung derselben?"
[Bertolt Brecht]

Womit beginnt man eine Kritik des mittlerweile 36. Scheibenwelt-Romans? - Nun, gewiss nicht mit der Schildkröte und den vier Elefanten. Eher schon mit dem Hinweis darauf, dass es sich bei Schöne Scheine um den zweiten Auftritt Feucht von Lipwigs handelt, des Betrügers und Tausendsassas, der in Ab die Post seine eigene Hinrichtung überlebte, um letztlich das Postwesen Ankh-Morporks zu revolutionieren und die Gunst einer reizenden Kettenraucherin zu erringen. Also Ende gut, alles gut: von allen geliebt als Postminister und Showman sondergleichen, verlobt mit der bekanntesten Aktivistin für Golemrechte der Stadt - Feucht ist auf dem besten Wege, vollends in den Hafen der Respektabilität einzulaufen. Was kann ein Mann sich mehr wünschen, als jeden Tag Erlasse abzuzeichnen und hinter einem teuren Schreibtisch zu ... versauern?
Zum Glück erbarmt sich Havelock Vetinari, das Paradebeispiel eines - so wohl nur auf Scheibenwelten zu findenden - uneigennützigen Diktators, unseres Helden und macht ihn zum Dreh- und Angelpunkt seiner Stadtentwicklungspläne. Nur zu gern würde der Patrizier die modernen Zeiten Einzug halten lassen in Ankh-Morpork, in Form eines Abwassersystems und unterirdischer Straßen. Wenn er doch nur die dafür nötigen Barmittel besäße! Als Tüppi Üppig, die Mehrheits-Aktionärin der "Königlichen Notenbank", im Sterben liegt, bietet sich Vetinari endlich die ersehnte Gelegenheit. Er schafft es, dass die alte Dame schnell noch ihr Testament ändert - und ihr Schoßhündchen, "Herrn Quengler", seines Zeichens die hässlichste Promenadenmischung aller Zeiten, als Alleinerben einsetzt. Und zu dessen Aufpasser bestimmt sie - natürlich - Feucht von Lipwig. Von einem Tag zum andern wird er zum Herrn über die staatliche Münze und die Goldreserven der Notenbank.
Feucht ist diese unverhoffte Wendung der Dinge ganz willkommen. Endlich wieder eine Gelegenheit, ohne Netz und doppelten Boden haarsträubende Pläne aus dem Ärmel zu schütteln! Leider aber ist dem seit Jahrhunderten zerstrittenen Üppig-Klan jedes Mittel recht, um den Eindringling samt Töle aus dem Wege zu räumen. Dummerweise hat Tüppi noch vor ihrem Ableben die Assassinengilde mit Feuchts Ermordung für den Fall beauftragt, dass Herrn Quengler ein Leid zustößt, und, als gäbe es nicht schon genug Probleme, stößt Feuchts Verlobte, Adora Belle Liebherz, gerade jetzt bei Ausgrabungen auf geheimnisvolle Golems aus der Ära des vor 60000 Jahren untergegangenen Ähmianischen Reiches.

Geld ist ein Stoff, aus dem nur sehr irdische Träume sind, und zwar solche, die sich um menschliche Gier drehen. Wenn also der deutsche Klappentext eines Romans mit Bertolt Brechts berühmtem Ausspruch über den Bankierstand beginnt, erwartet der Leser weit mehr Ökonomie, als er letztlich im vorliegenden Buch geliefert bekommt. Terry Pratchett illustriert in Schöne Scheine, dass eine Währung immer genau dann `hart’ ist, wenn die Leute, die sie als Zahlungsmittel benutzen, dies glauben. Abgesehen von dieser trivialen Aussage, bietet der Autor noch die - ebenfalls nicht neue - Erkenntnis, dass im Kapitalismus die Wirtschaft nur dann gedeihen kann, wenn Banken bereit sind, Kredite zu vergeben. Weitere Einsichten über das Bankwesen im engeren Sinne vermittelt der Roman nicht. Pratchett versteigt sich noch zu der Aussage, dass durch zu viel Automation zu viele Arbeitsplätze verloren gehen, und das war’s dann auch schon. Dass durch den Einsatz von Maschinen - bzw. Golems - Menschen stupide, eintönige Arbeiten erspart werden könnten, diese Menschen womöglich Zeit für befriedigendere, sinnvolle Tätigkeiten erhielten, ist ein Konzept, das der Autor entweder nicht sieht oder seiner frühindustriellen Scheibenwelt nicht aufzwingen will. Das Cover der englischen Originalausgabe (siehe oben) erweckt eher den Eindruck, dass Pratchett nie eine Ökonomiekritik beabsichtigte. Illustrator Paul Kidby zeigt uns den `golden boy’ Ankh-Morporks als strahlenden Gewinnertypen. Das Titelbild und der Originaltitel Making Money senden in dieser Kombination die Botschaft aus: "Geld ist geil."

Was aber bietet Terry Pratchett den Lesern, die nicht, wie ich, auf den Klappentext hereingefallen sind. - Nun ja, das Übliche - und das ist nicht wenig. Terry Pratchett ist nicht umsonst der berühmteste lebende Humorist der angelsächsischen Welt. Der Mann weiß zu unterhalten, versteht Pointen zu setzen und hat im Laufe der Jahre seine Scheibenwelt mit vielen liebenswerten Figuren bevölkert. Einige von diesen laufen auch in Schöne Scheine kurz durchs Bild: vor allem die wichtigeren Mitglieder der Stadtwache, T.m.s.i.d.R. Schnapper (der unklugerweise Feuchts Anregung ablehnt, eine Imbisskette zu eröffnen: "McSchnapper" - klänge doch gut!), das Harry-Potter-Vorbild Ponder Stibbons und natürlich wie immer das Wesen mit schwarzem Umhang, das nur in Großbuchstaben spricht. Pratchett setzt sie alle nie weniger (und selten mehr) als gekonnt ein. Wirklich außergewöhnliche Szenen sind in diesem Roman denkbar rar. Ich erinnere mich an genau zwei: Beide waren für die eigentliche Handlung unerheblich, und beide drehten sich direkt oder indirekt um Havelock Vetinari. Ursprünglich wollte ich sie an dieser Stelle en détail ausbreiten, aber das wäre doch zu grausam. Nur so viel: Es muss schon eine Bürde für einen Diktator wie du und ich sein, genau zu wissen, welche drei Personen einer Millionenstadt (außer einem selbst) eine bestimmte Frage in einem Kreuzworträtsel beantworten können. Außerdem war es ganz köstlich zu erfahren, dass im Städtischen Krankenhaus von Ankh-Morpork eine "Lord-Vetinari-Station" existiert.

Es gibt noch eine Sache, die leider nicht verschwiegen werden kann: Terry Pratchett hatte mit diesem Roman ein strukturelles Problem, das er nie in den Griff bekam. Schon bei Feucht von Lipwigs erstem Auftritt in Ab die Post entwickelte die Handlung der Geschichte sich eher rumpelnd von der Einleitung über den Hauptteil zum Finale. In Schöne Scheine jedoch irrt sie gleich dreihundert Seiten lang durch die Gassen Ankh-Morporks, um dann unmotiviert in mehreren großen Massenaufläufen zu enden. Wäre Pratchetts Story `wie aus einem Guss’ gewesen, hätte ich sicher meine ideologischen Einwände beiseite geschoben. So aber wurde ich zwar drei Tage lang leidlich gut unterhalten, ein wie auch immer gearteter Funke wollte jedoch nicht überspringen. Was bleibt, ist die Hoffnung auf seine nächsten, bereits angekündigten Romane - und der Wunsch, dass Pratchett uns noch viele Jahre erhalten bleibe!

Feucht von Lipwig will be back [als Finanzminister] in ... "Raising Taxes".

Schöne Scheine - die Rezension von Rupert Schwarz

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