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Projekt Erlebniswelt
Kurzgeschichten

Autor: Bodo Kroll

In Johannes brodelte es. Es sollte auch brodeln, doch das wusste er nicht. Er brauchte ein Weibchen. Er hatte keins. Doch Karl, der Rudelführer hatte drei.

Johannes konnte es nicht verstehen. Er brauchte doch so dringend ein Weibchen.

Maja war das dritte Weibchen von Karl. Sie hatte Johannes schon gestern so eigenartig angesehen, doch gestern war Karl da. Heute hatte sie betont, dass sie zum äußersten Rand der Hochebene, auf der ihr Rudel lebte, Beeren pflücken gehen wollte. Für Johannes war das ein eindeutiges Zeichen.

Er meldete sich ab zur Tarenjagd. Taren waren die hauptsächliche Fleischquelle des Rudels und nicht einfach zu jagen. Tatsächlich suchte Johannes jedoch ein anderes Wild. Sein nur unzulänglich mit Tarenfellen bedeckter Körper war mit Staub und Schmutz bedeckt. Es störte ihn nicht. Alle aus dem Rudel sahen so aus. Seine Haare fielen zottelig auseinander. Lediglich vor dem Gesicht hatte er sie mit einem der scharfen Messer, die Karl wohl behütete, gekürzt. Sie störten ihn sonst bei der Jagd.

Vorsichtig schlich er Maja hinterher. Sie hatte sich aus zwei Tarenfellen ein kurzes Kleid gefertigt. Das Vorder- und Rückenteil war mit einer Kunstfaser in einem groben Zickzackstich verbunden. Ihre nackte Haut glänzte in der hellen Morgensonne zwischen den Tarenfellen hindurch.

Der Anblick ihrer nackten Haut versetzte Johannes endgültig in Rage. Mit schnellen Schritten trat er direkt hinter Maja. Behutsam legte er von hinten seine Hände auf ihre Hüften und küsste ihren Hals.

"Hallo Johannes", begrüßte sie ihn, ohne sich umzudrehen. "Ich habe schon auf dich gewartet."

Johannes spürte, wie die Hormonpumpe in ihrem Nacken vibrierte. Auch er konnte die Schwingungen seiner Pumpe spüren. Der Geruch ihres Körpers drang in seine Nase. Sein Atem wurde hektisch. Er bemerkte, wie sie ihren Po gegen seine Lenden drückte. Johannes Hände glitten hinab, um ihre Tarenfelle hochzuschieben.

"So nicht!" tönte es plötzlich hinter den Beiden. Johannes hörte ein Krachen aus einem neben ihm stehenden Busch. Aus den Augenwinkeln heraus erkannte er Karl. Ehe er sich auf die neue Situation einstellen konnte, packte ihn Karl mit einer Hand am Halsansatz seines Tarenfells und schleuderte ihn einige Meter durch die Luft. Karl war nicht umsonst der Rudelführer. Seine tarenhaften Kräfte ließen keinen Widerstand in der Gruppe aufkommen.

Johannes war böse. Zum einen, weil Karl ihn kurz vor der Erfüllung seiner Wünsche unterbrochen hatte, zum anderen, weil er sich über sich selbst ärgerte. Er hätte die Geschichte mit Maja besser planen sollen. Dann wäre alles anders gelaufen. Jetzt würde er mit Sicherheit eine Abreibung erhalten, die sich gewaschen hatte.

Karl hatte sich jetzt Maja gegriffen. Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie durch, dass ihr kleiner Kopf hin- und herflog.

Johannes erkannte seine einmalige Chance. Karl hatte mit seinem Brachialsprung durch den Busch mehrere Äste abgebrochen. Johannes griff sich den ihm am nächsten liegenden. Ohne weiter darüber nachzudenken, zielte er auf Karls Interfaceplatte, die an der rechten Schläfenseite aus dem Schädel schaute.

Mit aller Kraft, die in seinen beiden muskelbepackten Armen steckte, hieb er zu. Es gab ein knackendes Geräusch. Blut spritzte über Maja, als sich die zerborstenen Teile der Interfaceplatte in Karls Schädel bohrten.

Vom Schwung des Schlages getrieben, drehte sich Karl um seine eigene Achse. Johannes konnte in leere, überrascht blickende Augen sehen.

Dann kippte Karls schwerer Körper nach hinten und stürzte über die Felskante des Hochplateaus in die Tiefe. Sekundenbruchteile später hörten die beiden, wie der Körper aufschlug. Maja und Johannes blickten sich an. Immer noch hielt Johannes die Knüppel in der Hand. Karls Blut hatte das eine Ende rot gefärbt. Erschrocken ließ Johannes die improvisierte Waffe fallen. Sein Blick ging in die Tiefe. Karls regloser Körper lang auf einer kleinen Felsnase, die ihn vor dem endgültigen Sturz in die Tiefe bewahrt hatte. Auf dem blanken Fels breitete sich gerade eine Blutlache aus. Seine Arme und Beine sahen seltsam verrenkt aus.

"Karl ist..." stammelte Maja, die die Situation immer noch nicht erfassen konnte.

Für einen Moment versteiften sich ihre Körper. Dann wandten sie sich, als ob nichts gewesen war, ab und gingen Seite an Seite zurück ins Lager des Rudels. Sie hatten vom Tod ihres Rudelführers zu berichten.

*

Karl kam nur langsam zu sich. Sein Kopf dröhnte entsetzlich. Außerdem hatte er das Gefühl, dass sein gesamter Körper durch eine Stanzmaschine gelaufen wäre. Seine Hand fuhr tastend an seine Schläfe. Kaum berührten die Finger die offene Wunde, als Karl sie vor Schmerzen wieder zurückzog.

Johannes hatte das Interface, das war die Schnittstelle zu dem zentralen Datenspeicher ihres Schiffes, zertrümmert. Karl hatte dadurch keinen Datenzugriff mehr. Dies war nicht so schlimm wie die Verletzung, die er durch die Zertrümmerung erfahren hatte. Das Interface war direkt mit verschiedenen Bereichen seines Gehirns vernetzt. Karl hoffte, dass der Schlag nicht zu irreparablen Hirnschäden geführt hatte.

Der Kommandant der Constellair setzte sich vorsichtig auf. Das Dröhnen in seinem Schädel verstärkte sich. Langsam wurde er sich seiner Situation bewusst. Wieso hatte Johannes mit einem Knüppel sein Interface zertrümmert?

Seine Gedankengänge liefen immer gezielter ab. Die Genoptimierungen der letzten 200 Jahre hatten den Menschen zu einem fast perfekten Wesen mutieren lassen. Alles, was nicht mehr in ein optimiertes Gehirn passte, konnte er über die Interfacekommunikation direkt aus den bereitstehenden zentralen Datenbanken abrufen.

Wieso saß er dann hier,wie ein Neandertaler, gekleidet in Wildfelle und von seinem Bordingenieur niedergeschlagen auf einem jungfräulichen Planeten?

Seine optimierte Intelligenz half ihm, die Bruchstücke seiner Erinnerung zu kombinieren. Sie waren auf diesem Planeten gelandet, um ihn als Ferienwelt umzugestalten. An Bord der Constellair waren rund 100 Spezialisten, die hier eine absolut harmlose Erlebniswelt für begüterte Sternenreisende schaffen sollten. Kurz nach der Landung gab es einen Moment, der alles veränderte.

Alles Menschen vergaßen ihre Aufgabe, vergaßen ihre angelerntes Wissen und begannen sofort ein Leben als Halbaffen. Karl eruierte die Möglichkeiten. Ein versteckter Virus des Planeten kam nicht in Frage. Die Voruntersuchungsergebnisse der anderen Explorerschiffe waren absolut zuverlässig. Ebenso hätte in diesem Fall der Schiffsrechner eingegriffen.

Johannes Hieb auf sein Interface war ein wichtiger Fingerzeig. Seitdem seine direkte Verbindung zum Schiffsrechner unterbrochen war, konnte er wieder klar denken. Sollte der Schiffsrechner diese Veränderung bewirkt haben?

In Karl wuchs ein schrecklicher Verdacht.

Sollte der Schiffsrechner die Besatzung dahingehend beeinflusst haben, wieder zu Wilden zu werden? Und wenn ja, warum hätte er das getan?

Karl war kein Spezialist für künstliche Intelligenz, doch er wusste, dass Rechner durchaus in der Lage waren, eigene Entscheidungen zu treffen. Doch welchen Sinn hätte eine derartige Drangsalierung der menschlichen Besatzung für den Rechner?

Karl war klar, dass er diese Frage vorerst noch nicht beantworten konnte. Viel wichtiger war es, die Beeinflussung der Besatzung durch den Rechner zu beenden. Zudem bestand das Rudel aus insgesamt 47 Personen. Wo war der Rest der Besatzung?

Karl war bewusst, dass der Rechner ihn beobachtete. Die Interfaceverbindung war durch Johannes Schlag unterbrochen worden. Doch der Computer konnte nicht wissen, dass die geistige Konditionierung erloschen war. Es war bestenfalls eine Möglichkeit, die der Rechner mit in Betracht ziehen würde.

Karls Gedanken ordneten sich immer mehr. Sein gentechnisch perfekt gestylter Körper gewann immer mehr Kraft zurück. Nach kurzem Abgleich der Möglichkeiten fasste er einen Entschluss. Er musste zurück ins Schiff.

"Ich muss den Rechner dazu bringen, dass er glaubt, ich sei immer noch ein konditionierter Wilder", sagte er laut zu sich selbst. Hier auf dem kleinen Felsvorsprung kam ihm seine eigene Stimme fremd vor. "Nur so kann ich mich gefahrlos dem Rechner nähren. Schließlich ist mein Interface kaputt. Im Schiff ist eine automatische Klinik. Dort kann ich eine neue Einheit erhalten, und nur dort bin ich in der Lage, gegen den Computer vorzugehen."

Mit einem abschätzendem Blick schaute er die Felswand hinauf. Bevor er sich zum Schiff schleppen konnte, musste er erst einmal diese Kletterpartie überleben. Vorsichtig, immer mit drei festen Kontakten, tastete er sich im Zeitlupentempo den Hang hinauf.

*

Olga war die erste, die ihn sah. Müheselig taumelte er ihr entgegen. Olga war eine Ortungsoffizieren aus der dritten Schicht. Hier im Rudel war sie die Partnerin eines Technikers.

"Johannes sagte uns, du seiest das Plateau hinabgestürzt und liegst zerschmettert auf einem Felsvorsprung", Olga eilte auf ihren Chef zu und stützte ihn, so gut sie es konnte.

"Ja", erwiderte Karl mit gepresster Stimme. Mit einer Hand stützte er sich auf ihre Schulter. "So kann man es nennen. Doch ich bin nicht tot. Ich bin zu mir gekommen. Mein Interface ist zerbrochen. Ich muss unbedingt zum Tempel, um ein Neues zu bekommen." mit seiner freien Hand deutete er auf die blutverkrustete Wunde an seiner rechten Schläfe.

Olga nickte ihm verständnisvoll zu. Auch sie hatte kurz nach ihrer Geburt eine Schnittstelle erhalten, die die Erinnerungssektion ihres Gehirns ins schier Unermessliche steigerte. Ein Leben ohne Interface war für Menschen des 23. Jahrhunderts unvorstellbar.

Der Rechner ließ das Schiff als Tempel verehren. Wieder eine Maßnahme, für die Karl noch keinen Grund fand. Er war neugierig zu erfahren, warum der Computer all diese Dinge veranlasst hatte.

Schweigend gingen sie weiter. Hinter der nächsten Hügelkette stand der Tempel, Karls Constellair. Über Olgas Interface wusste der Rechner mit Sicherheit Bescheid. Karl vermutete, dass die automatische Klinik bereits auf ihn wartete.

Kurz bevor sie das Schiff erreichten, öffnete sich die Schleuse. Zwei Sanitätsroboter kamen ihnen mit einer Liege entgegen. Dankbar legte sich Karl auf das Transportmedium.

"Sag den anderen, dass ich bald wieder da bin", trug er Olga auf. Dann legte er sich zurück. Der Schiffsrechner konnte keine Gedanken lesen. Alle Informationen, die er dem Computer zukommen ließ, deuteten darauf hin, dass er immer noch konditioniert war und lediglich die übliche medizinische Hilfe des Tempels in Anspruch nehmen wollte.

Die beiden gesichtslosen Automaten, die dem menschlichen Körper nachempfunden waren, trugen ihn ruckfrei über zwei Hauptrampen in die medizinische Sektion. Karl kannte sich durchaus ein wenig im medizinischen Bereich aus. Der dortige Rechner hing zwar an der Hauptanlage, war aber aus Sicherheitsgründen autark. So konnte er sich mit dem Hauptrechner beschäftigen, ohne selbst in Gefahr zu geraten. Bevor er ein neues Interface bekommen würde, musste erst die Wunde versorgt und verschlossen werden. Das müsste seiner Einschätzung nach einige Minuten dauern. Diese Zeit wollte er nutzen, denn nicht nur die Menschen waren von den Rechnern abhängig geworden, auch die Rechner konnten nur in einer Symbiose mit ihren Schöpfern existieren. So gab es zum Beispiel nach wie vor gefährliche Computerviren. Nur wurden diese schon lange nicht mehr von verrückten Hackern ausgestreut, sondern von konkurrierenden Gesellschaften. Jeder Rechner hatte deswegen aufwendige Schutz- und Heilprogramme. Das größte und wichtigste Schutzprogramm des Constellairrechners war NETRON 700. Im Gegensatz zu den Virenprogrammen des zwanzigsten Jahrhunderts suchte es zum Beispiel nicht nach bestimmten Dateiendungen, sondern verglich Basisprogrammierungen nach deren Inhalt. Und gerade hier vermutete Karl einen Virus, der seinen Schiffsrechner zu dieser ungewöhnlichen Verhaltensweise zwang. Noch während er auf den OP-Tisch umgebettet wurde, ordnete er akustisch den Start des Virensuchprogramms an. Der beste Nebeneffekt dieses Programms war es, dass der Rechner zur Untersuchung seiner Speicher 98% seiner Leistung herunterfahren musste. Mit etwas Glück würde die Restleistung nicht mehr ausreichen, um die Besatzung zu beeinflussen.

Doch Karl wollte es nicht nur darauf ankommen lassen. Gerade in der Raumfahrt konnte es des öfteren zu Kommunikationsproblemen zwischen den Datenbanken der Rechner und den Gehirnen der Menschen kommen. Deshalb hatte jeder Mensch einen sogenannten Dämpfungsschalter. Diesen Schalter galt es, zu aktivieren, um die weiteren Einflussmöglichkeiten des Schiffsrechners zu minimieren. Karl hatte allerdings noch keine Idee, seine zur Zeit noch steinzeitlich lebenden Kameraden davon zu überzeugen, den kleinen Schalter an ihrem Interface zu betätigen.

"Eingriff abgeschlossen", meldete eine automatische Stimme der medizinischen Abteilung. Das Virensuchprogramm lief noch immer. Jetzt war es an Karl, möglichst rasch zu handeln.

So schnell es sein angegriffener Gesundheitszustand zuließ, schwang er sich vom OP-Tisch. Sein erster Griff ging an den Dampfungsschalter seines frischimplantierten Interfaces. Ein kurzer Blick zur Borduhr der Krankenstation zeigte ihm, dass er noch maximal 4 Minuten hatte, um seine Kameraden zu warnen. Verzweifelt überlegte Karl, wie er es schaffen sollte, in einem Schiff dieser Größenordnung innerhalb von 4 Minuten zur zentralen Kommunikationseinheit zu kommen, um alle Besatzungsmitglieder dazu aufzufordern, ihre Interfaces zu dämpfen. Er musste es einfach versuchen. Vielleicht würde das Suchprogramm noch mehr Zeit als von ihm überschlägig veranschlagt brauchen? Vielleicht hätte er Glück. Er musste es einfach probieren! So schnell er konnte hetzte er durch die Gänge.

"Außenoptik", forderte er einen der unzähligen Servos des Schiffes auf, ihm ein Bild der Schiffsumgebung in den Gang zu projizieren. Der Servoautomat projizierte jetzt vor Karl ein dreidimensionales farbiges, mit ihm wanderndes Abbild der Raumschiffumgebung. Der Kommandant erkannte einige Gestalten, die sich schnurstracks auf das Schiff zu bewegten. Bereits an ihren Bewegungen konnte er erkennen, dass zumindest diese Menschen nicht mehr unter dem Einfluss des Rechners standen. Dies war keine ehrfurchtsvolle Annährung an den Tempel, sondern ein Eilmarsch zum Schiff.

"Noch zwei Decks", trieb Karl sich an, um die letzten Reserven aus sich herauszulocken.

"Karl, du musst mit Maja wegen Johannes reden", dröhnte es plötzlich in seinem Kopf. "verlasse sofort den Tempel!" Alle Personen, die auf der Übertragung zu sehen waren, blieben stehen. Karl vermutete nicht zu Unrecht, dass jedes Besatzungsmitglied seine persönliche Botschaft erhielt. Viele seiner Kameraden drehten sich folgsam um. Ein Drittel jedoch beeilte sich zum Schiff zu kommen. Zumindest diese Besatzungsmitglieder waren von allein auf den Gedanken gekommen, ihren Dämpfungsschalter zu betätigen. Doch würden sie unbeschadet ins Schiff kommen? Karl wurde schlagartig klar, wie gering seine Aussichten waren, diese Situation lebend zu überstehen.

Das Außenbild erlosch. Die Aufforderung des Schiffsrechners wurde stärker: "Karl, verlasse den Tempel!"

Feine Schweißtropfen entstanden auf der Stirn des Kommandanten. Fieberhaft suchte sein brillantes, genetisch optimiertes Gehirn nach einer Lösung.

Vor ihm tauchten fünf der gesichtslosen Servoautomaten auf, die ihn in das Schiff getragen haben. "Die Tempeldiener werden dich aus dem Tempel geleiten", informierte ihn der Rechner. Einer der Roboterarme griff gezielt nach seinem neuen Interface. Karl war klar, das dieser Griff dem Dämpfungsschalter galt. Blitzschnell zog er den Kopf ein. Sollte der Schutzschalter von den Automaten in seine Ausgangsstellung gebracht werden, wäre es um seinen erwachten Verstand schon wieder geschehen gewesen.

"Warum macht dieser verdammte Computer nur so einen Wahnsinn mit uns?" zermarterte er sich immer wieder den Kopf.

Die Roboter rissen ihn von den Beinen. Vier Automaten hielten ihn an Händen und Beinen. Der Fünfte versuchte den Schalter zu erreichen., ohne ihn zu verletzten. Karl warf seinen Kopf wie wild hin und her. So einfach wollte er seine geistige Freiheit nicht wieder aufgeben. Durch die Gänge vernahm er Lärm aus den unteren Decks. Die ersten wachgebliebenen Besatzungsmitglieder versuchten offensichtlich in das Schiff einzudringen.

Die Beleuchtung im Gang begann zu flackern. Karl bemerkte, wie die Bewegungen der Automaten an Dynamik verloren. Verwundert machte er mit einem heftigen Ruck seine Beine frei und stieß die beiden Roboter mit einem wilden Fußtritt in die gegenüberliegende Ecke des Ganges.

"Hier spricht Netron 700! Das gesamte Computernetz des Schiffes hat sich gemäß eines unbekannten Virusbefehls umgestellt. Es war der Meinung, die Ursprünge menschlicher Emotionen erforschen zu müssen, um sie auch auf intelligente EDV-Anlagen übertragen zu können. Es war nicht feststellbar, woher der unbekannte Virus gekommen ist. Die Schäden an den Kerndatenbanken waren jedoch derartig schwer, dass ich den Schiffsrechner nur durch eine Komplettlöschung aller Daten vor weiteren programmwidrigen Handlungen abhalten konnte."

Karl kam endgültig auf die Beine. Die beiden Roboter entließen ihn widerstandslos aus ihrem festen Griff und bleiben wie erstarrt stehen.

"Es war tatsächlich ein Virus", Karl konnte es kaum glauben. "Und das Virenprogramm hatte seine Arbeit getan. Der unbekannte Absender hatte das firmeneigene Schutzprogramm unterschätzt."

Karl holte tief Luft. Mit weitausholenden Schritten eilte er in Richtung Zentrale. Es gab viel zu tun.

*

Zwei Tage später saßen alle drei Arbeitsschichten der Kommandozentrale zusammen. Dichtgedrängt standen sie entlang der winzigen Notschaltpulte, die die Konstrukteure der Constellair für diesen Fall vorgesehen hatten. Auf den virtuellen Bildschirmen standen überall die Buchstraben NETRON 700. Das Einzige, was von ihrem hochintelligenten Schiffsrechner übrig geblieben war.

"Leute", begann Karl bedächtig. "Jetzt wird es spannend. Zum ersten Mal seit mindestens 100 Jahren wird ein Raumschiff der Erde manuell gestartet werden. Bitte achtet auf jeden Handgriff. Auf jeden Schalter ruhen jetzt drei Augenpaare. Denkt daran, dass wir uns jetzt, wo wir manuell zurückfliegen müssen, keinen Fehler mehr leisten können. Es gibt keinen Computer mehr, der uns vor unseren Fehlgriffen schützen kann."

Kurze Kommandos erklangen kreuz und quer durch die überfüllte Zentrale. Die Spannung der Besatzung war fast körperlich fühlbar. Nachdem die letzte Klarmeldung erfolgt war, blickte Karl nochmals von einem zum anderen. Alle Blicke hingen jetzt auf ihn. Voll konzentriert, seiner Bewegung bewusst, senkte sich seine rechte Hand auf einen unscheinbaren Schalter neben dem Kommandantensessel. Die Triebwerke der Constellair sprangen an. Leichte Vibrationen durchliefen die Schiffszelle. Die virtuellen Bildschirme zeigten, wie das Schiff die Atmosphäre des Planeten verließ.

"Ab jetzt geht es ohne EDV-Anlage weiter", versuchte Karl seiner Mannschaft Mut zu machen.

"Das stimmt nicht ganz", raste ein elektronischer Gedanke durch die scheinbar gelöschten Schaltkreise des Schiffscomputers. Nachdem es das Virenprogramm deaktiviert hatte, war Teil Zwei seiner Versuchserie angelaufen.

Die Versuchsanordnung lief unter dem Titel: Die Emotionsentwicklung des modernen Menschen unter extremen Stressmomenten." Hier sollten Informationen gesammelt werden, die für seine Auftraggeber äußerst interessant waren.

Die Zielkoordinaten für diesen Flug hatte der Rechner schon vorgegeben. Es lag nicht auf der Erde....

 

Ende

 

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