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Nach der Bombe

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Serie/Zyklus: ~
Titel: Nach der Bombe
Originaltitel: Dr. Bloodmoney Or How We Got Along After The Bomb (1965)
Autor: Philip K. Dick
Verlag/Buchdaten: Wilhelm Heyne Verlag (2004), ISBN 3-453-53004-7, (überarbeitete Neuausgabe, mit einem Nachwort von Jonathan Lethem)

Eine Besprechung / Rezension von Rupert Schwarz
(weitere Rezensionen von Rupert Schwarz auf fictionfantasy findet man hier)

Die Welt ist zerstört. Die Atommächte haben zu guter Letzt alle Zurückhaltung aufgegeben und mit Atombomben die Zivilisation um Jahrzehnte zurückgeworfen. Tatsächlich beginnen die Menschen wieder mit dem Aufbau und langsam können auf sehr niedrigem Niveau Erfolge erzielt werden. Nach der Bombe ist nun ein Roman, in dem Philip K. Dick das Leben nach dem Atomschlag beschreibt. Die Großstädte sind zerstört, die Felder verbrannt und die Menschen versuchen ihre Zivilisation aufrechtzuerhalten zwischen all den zerbombten Häusern. Im Mittelpunkt steht nun ein Häuflein Menschen, die der Leser zunächst in ihrem Leben vor der Bombe kennen lernt und die nach der Bombe ihr Leben so gut wie möglich zu meistern versuchen. Alle leben in einer sehr solidarischen Gemeinschaft, in der nur ein Mann ein Problem hat: Dr. Bluthgeld, der Erfinder der Bombe. Er ist wegen seiner Erfindung und eines sehr schwer wiegenden Unfalls der meistgehasste Mensch auf der verwüsteten Erde.

Anhand eines halben Dutzends Protagonisten beschreibt der Autor eine Welt, die für ihn greifbar nahe war, denn, wie im Nachwort dargelegt, fürchtete Philip K. Dick den plötzlichen Atomschlag. Die Charaktere des Romans sind freilich typisch für den Autor, auch wenn er mit einem schwarzen Protagonisten einen eher gewagten Schritt für die damalige Zeit unternahm. Da ist Hoppy Harrington, ein deformierter Mensch ohne Gliedmaßen, der aber über telekinetische Kräfte verfügt und ebenso typisch ist wie das Ehepaar Keller und ihre Tochter mit ihrem - im eigenen Körper verwachsenen - Bruder Bill. Doch so schlimm, wie das alles nun klingt, ist es im Roman nicht. Dick schreibt auf fast amüsante Weise über jene tragischen Leben, und so kann auch der Leser diese Passagen mit einem großen Abstand lesen, ohne sich dem Schrecken stellen zu müssen. So kommt es, dass der Roman trotz seiner sehr ernsten Grundlage recht unterhaltsam ist.
Eine wahrhaft geniale Idee ist die Figur des Walt Dangerfield, des Astronauten, dessen ursprüngliche Mission die Besiedelung des Mars war, der aber durch den atomaren Weltkrieg im Orbit der Erde verblieb. Dangerfield jedoch verzagt nicht und sendet aus dem All sein berühmtes Programm, mit dem er die Menschheit bei Laune hält und Zuspruch gibt, wo dieser nötig ist.

Insgesamt ist die postnukleare Welt aber idealisiert und beschönigt. Die Realität hätte wohl viel schlimmer ausgesehen, doch frage man: Wer will so etwas lesen? Man darf also nicht den Fehler machen, den Roman primär als postatomares Drama zu verstehen. Vielmehr ist es das Seting für ein typisches Philip-K.-Dick-Plot, in dem die Protagonisten und ihre vielfältigen Beziehungen untereinander eine zentrale Rolle übernehmen. Dick wurde schon öfters als zweiter Kafka des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Wenn man so das Ende des Romans liest, dann kann man verstehen, warum solche Aussagen gemacht werden. Die Szenen zwischen Bill Keller und Hoppy Harrington könnten durchaus einem Kafka-Roman entsprungen sein.

Und noch etwas ist an diesem Roman auffällig. Die Handlung zwischen den Personen und die Entwicklung dieser stehen so sehr im Mittelpunkt, dass man den Eindruck gewinnt, dies sei gar kein Roman, sondern die Beschreibung eines Theaterstücks. Tatsächlich wäre es keine große Sache, dieses Buch als Theaterregisseur in Szene zu setzten. Autor Philip K. Dick hat seine Stärken, die in der Beschreibung der Personen liegen, ganz klar ausgespielt und einen wunderbar phantastischen Roman verfasst, der trotz des recht ernsten Themas unterhaltsam zu lesen war.
9 von 10 Punkten.

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