Interview mit Peter Mennigen

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Erik Schreiber:

Vielen Dank, dass Du mir die Zeit für dieses Interview gewährst. In den letzten Jahren gibt es in der Literatur sehr viele Untergangs-Erzählungen. Sie bringen die Menschheit an den Abgrund, lassen sie einen Blick hinunter werfen, um sie wissen zu lassen, was passiert, wenn sie so weiter machen wie bisher. Auch Dein Roman ist so aufgebaut. Wie kam es zur Idee? Was war der auslösende Moment für Deinen Roman?

Peter Mennigen:
Eine Weltuntergangsgeschichte war eigentlich überhaupt nicht geplant. Vielmehr wollte ich nur eine simple Mystery-Geschichte schreiben, in der ein Vertreter moderner Technik mit den Mächten der mittelalterlichen

 

 

Magie ringt. Als ich den Plot dann fertig hatte, war das Ergebnis aber bloß eine 08/15-Fließbandgeschichte, wie es sie schon bis zum Abwinken gibt. Deshalb suchte ich einen neuen Ansatz für die Story. Worum ging es darin überhaupt? Ein moderner Wissenschaftler will mit Hilfe künstlicher Intelligenz Leben erzeugen und eine Gruppe Hexen versucht mittels Schwarzer Magie ewiges Leben zu schaffen. Beide versuchen also mit unterschiedlichen Mitteln ein bisschen Gott zu spielen, indem sie in die Schöpfung eingreifen. Etwas heute beinahe Alltägliches. Mit Computer- und Gen-Technik kommt die Wissenschaft dem Gottsein mit jedem Tag ein bisschen näher. Aber was, wenn sich die Schöpfung dieses Gepfusche an ihr nicht mehr gefallen lässt? Was, wenn sie eines Tages mit geballter Kraft zurückschlägt? Darüber zu schreiben erschien mir schon lohnenswerter als die x-te Aufwärmung eines Kampfes des Lichts gegen die Finsternis. Allerdings ist ein Weltuntergangsszenario um seiner selbst willen nun auch nicht besonders originell. Deshalb bezog ich die elementaren Aspekte der Schöpfung - Gott, Satan, Religion, Lebenssinn, Tod, Jenseits - mit in die Geschichte ein, was der Handlung die nötige Tiefe und epische Ausmaße verleiht.

Erik Schreiber:
Worum ging es darin überhaupt? Diese Frage hast Du bereits beantwortet. Worum ging es DIR überhaupt?

Peter Mennigen:
Genau genommen ist das Leben nur die Wartezeit auf den Tod. Dass danach auf ewig schluss mit lustig sein soll, damit mag sich wohl keiner so recht anfreunden. Das Wissen um die eigene Endlichkeit ist die im Menschen am tiefsten verwurzelte - wenngleich auch meistverdrängte - Furcht. Aus den Wurzeln dieser Todesangst erwuchsen Totenkulte, Religionen, Okkultismus usw. In dem Zusammenhang stellen sich einige Fragen, zum Beispiel: Wie kann man an ewiges Leben glauben, wenn noch keiner - wissenschaftlich nachweisbar - von den Toten zurückgekehrt ist? Gibt es einen Gott, oder haben Menschen ihn nur aus Angst vor dem Unbekannten erfunden?
Als ich mit „Abyssus“ begann, hatte ich mir nicht zum Ziel gesetzt, einen Roman über das Sein, die Schöpfung und das Jenseits zu verfassen. Vielmehr habe ich erst beim Schreiben der im Vergleich dazu relativ banalen Mystery-Geschichte bemerkt, dass ich darauf hinarbeite. Bei den meisten Weltuntergangsszenarien ist es doch so, dass entweder eine Katastrophe oder eine Alien-Invasion die Menschheit zu vernichten droht. Während des Schreibens stieß ich auf einen ganz anderen Ansatz: Ich ließ uralte Prophezeiungen über die Apokalypse wahr werden. In der Offenbarung des Johannes steht u. a., dass sich am Jüngsten Tag die Gräber öffnen, die Verstorbenen auferstehen und ins Diesseits zurückkehren werden. Das ist nur einer von etlichen Kerngedanken aus überlieferten Voraussagen, die ich in einen physikalischen Kontext stellen wollte. Dies als Überbau für eine, wie ich denke, spannende Mystery-Story, umzusetzen,sah ich als eigentliche Herausforderung bei dem Buch.

Erik Schreiber:
Die Bezeichnung Mystery-Thriller auf dem Umschlag ist fast zu harmlos. Wie würdest Du dem Buch einen Stempel aufdrücken, um es für bestimmte Leserschichten zu klassifizieren?

Peter Mennigen:
„Vorsicht - komplex und vielschichtig“ sollte vielleicht als Warnhinweis auf dem Cover stehen. Denn „Abyssus“ ist kein Buch, das sich auf die Schnelle als leichte Kost konsumieren lässt. Natürlich ist die Geschichte unterhaltsam - hoffe ich zumindest - und besitzt viele Action-Sequenzen und spannende Momente, aber es ist auch eine Reise durch Religion, Metaphysik und Wissenschaft. Unterwegs treffen wir dabei auf mitunter ethisch recht flexible Menschen, die einen an ihren Weltanschauungen teilhaben lassen. Sie erzählen über Satan, über Kulte, über dunkle Geschichten aus Paris und loten so diese Aspekte der Schöpfung aus. Einige Themen lassen sich nicht durch Zeit- oder Ortssprünge darstellen, deshalb transportiere ich diese Informationen über solche Dialoge. Dabei nehme ich den Leser für einige Momente aus der Hauptgeschichte heraus und präsentiere ihm eine andere - wie ich hoffe nicht minder interessante - Story. Diese Diskurse sind wie Puzzlesteinchen, die ein immer größeres und facettenreicheres Bild dessen liefern, was wir unter der Schöpfung verstehen. Für Leser, die gern in Geschichten eintauchen, statt nur einer oberflächlichen Handlung zu folgen, ist das bestimmt eine interessante Sache. Andere, die eine altbackene Action-Story erwarten, werden mich dafür wohl in die tiefste Hölle verwünschen.

Erik Schreiber:
„Ethisch recht flexibel“ ist ein sehr dehnbarer Begriff. Ich würde sagen, die entsprechenden Menschen sind nicht gerade das, was man als GUT bezeichnet. Gehst Du nicht einen Schritt zu weit?

Peter Mennigen:
Ich wollte vermeiden, dass die Figuren in „Abyssus“ wandelnde Klischees sind. Deshalb sind sie innerlich ein bisschen zerrissen, so wie jeder von uns. Das schließt auch die Frage mit ein: Was ist gut und was ist böse? Es sind sehr individuelle Kriterien, die bei ihrer Bewertung als Grundlage dienen. Ich beschreibe nur Ereignisse und Personen. Ob diese dann gut oder schlecht sind, ist Ansichtssache.

Erik Schreiber:
Ich bin der Meinung, Du sprengst das Mystery-Genre mit diesem Roman. War das Buch so von Dir geplant oder lag eine abgespeckte Idee vor, die sich selbstständig machte?

Peter Mennigen:
„Abyssus“ bricht mit dem Genre-Schubladendenken und ich glaube, das ist der Größe des Themas durchaus angemessen. Es geht ja nicht ‚nur’ um die Apokalypse. Die ist lediglich ein Bestandteil von etwas viel Gigantischerem namens „Schöpfung“. Wie schon gesagt, stolperte ich anfangs von einem harmlosen Mystery-Schmalspurmix in einen Stoff biblischen Ausmaßes - wortwörtlich. Je tiefer ich in die Materie einstieg, desto komplexer wurde die Geschichte. Im Gesamtbild der Schöpfung spielen ja auch philosophische Betrachtungen eine Rolle, wie z. B.: Gibt es einen Gott? Und wenn ja, wie sieht er aus? Was ist der Sinn des Lebens? Was erwartet uns im Jenseits? Usw.
An dieser Stelle möchte ich betonen, wir reden hier von dem Fundament der Geschichte. „Abyssus“ ist keinesfalls eine wissenschaftlich-theologische Abhandlung, sondern präsentiert eine Story mit Schwerpunkt auf den Charakteren. Da müssen erst Mörder entlarvt werden, Lügenkonstruktionen in sich zusammenfallen, Rettungsbemühungen qualvoll ins Leere laufen, bevor wir zur Wahrheit vordringen. Was aber nichts daran ändert, dass das Universum dann immer noch dabei ist, sich aufzulösen.

Erik Schreiber:
Höre ich da ein wenig Kritik an Politik, Religion und sozialen Strukturen?

Peter Mennigen:
Wie schon gesagt, es ging mir nicht um moralische oder sonstige Bewertungen. Ich versuche, die Ereignisse in „Abyssus“ neutral zu sehen, und maße mir nicht an, die Meinung des Lesers beeinflussen zu wollen. Ich schildere nur Abläufe. Was nicht ausschließt, dass meine Romanfiguren kritische Diskussionen führen oder über etwas differenziert reflektieren, ohne dass ich dabei als Autor selbst Position beziehe.

Erik Schreiber:
In der Regel wird von den Schriftstellern New York (von Roland Emmerich als Filmemacher gleich mehrmals) oder London dem Untergang geweiht. Warum beginnt es bei Dir mit Paris?

Peter Mennigen:
Weil ich ein Faible für Paris habe. Das gilt zwar auch für London, aber ich glaube, Paris besitzt die geheimnisvollere Vergangenheit. Die Stadt galt schon immer als Zentrum der Hexen, Magier und Geheimlogen. Unabhängig von dem Buch hatte ich mich schon früher für ihre dunkle Historie interessiert und diese recherchiert. Als ich dann einen Handlungsort für „Abyssus“ suchte, erschien mir Paris aufgrund meiner bis dahin gewonnenen Kenntnisse ideal. Die Stadt spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte, denn der Leser wird auch in ihre dunklen Mythen und Geheimnisse eintauchen. Das erschien mir passend zum Gesamtkonzept, diesem Mix aus Fiktion und Realität.

Erik Schreiber:
Du lässt unter anderem den Graf von St. Germain auftreten, einen geheimnisvollen Mann, dessen Herkunft nicht geklärt ist. Es ist streitig, ob er Portugiese, Elsässer oder spanischer Jesuit oder gar ein russischer Fürst namens Rakocy sei. Sicher ist nur, dass er 1780 im Schloss Gottrop bei Schleswig starb. Warum hast Du diese Person eingeführt?

Peter Mennigen:
Ich brauchte eine Figur, die sich nicht nur in Paris auskennt wie keine andere, sondern auch viele mystische Geheimnisse weiß. Eine Art Mittler zwischen der rationalen Welt unseres wissenschaftlichen Helden und der der Mystik. Der Graf von Saint-Germain ist in Paris eine Legende und die Fähigkeiten, die man ihm nachsagt, prädestinieren ihn für die Rolle, die er in „Abyssus“ spielen soll.

Erik Schreiber:
Paris ist neben London auch heute noch eine Hochburg an Geheimgesellschaften. War es das Geheimnisvolle an ihnen, auch in „Abyssus“ mit Geheimgesellschaften zu arbeiten?

Peter Mennigen:
Ja, denn es ist unglaublich, was sich auch heute noch hinter den Fassaden der Stadt verbirgt. Vielleicht liegt das an ihrer Entstehungsgeschichte, wonach gallische Druiden sich die ÃŽle de la Cité für ihren Götterkult ausgesucht hatten. Vom Mittelalter bis in die Neuzeit waren Magische Zirkel in Paris nichts Geheimes, sondern etwas völlig Normales. Am Hof des Sonnenkönigs praktizierte fast jeder Magie. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Paris an die zehntausend Satansanbeter. Selbst heute zelebrieren dort Hexen Schwarze Messen und es scheinen die Geister der gallischen Druiden und mittelalterlichen Magier hier immer noch lebendig zu sein.

Erik Schreiber:
War der Kontrast zwischen Technik und Mystik der Ausschlag, diese Geschichte zu schreiben?

Peter Mennigen:
Das ist richtig. Einerseits bezeichnet man „Frankensteins Monster“ als Horrorfilm, andererseits nimmt man die heutige Genforschung als etwas völlig Alltägliches wahr. Im Grunde genommen handelt es sich bei beidem um das Gleiche. Abgesehen vielleicht davon, dass moderne Wissenschaftler ihr Experimentiermaterial nicht mehr auf Friedhöfen ausgraben wie Doktor Frankenstein - obwohl die Materialbeschaffung heute kaum weniger gruselig ist. Dann hätten wir da auch noch den Golem, dessen Lehmkörper mittels Magie zu künstlichem Leben erweckt wurde. Gen-Experimente, Frankensteins Monster und der Golem sind drei Wege zu einem Ziel: künstliches Leben erzeugen, ein bisschen Gott spielen. Als man am Massachussetts Institute of Technology auch noch daran ging, eine künstliche Intelligenz per Computer zu entwickeln, fand ich, es sei vielleicht eine gute Idee, einmal die Parallelen all dieser Forschungsbemühungen aufzuzeigen.

Erik Schreiber:
Du sagst gerade: „Ein bisschen Gott spielen“. Spielst Du als Autor nicht auch Gott, nur in anderer Weise. Du erschaffst Leben. Nur auf dem Papier. Für die Dauer des Lesens sind sie aber sehr lebendig. Spielst Du Gott?

Peter Mennigen:
Ja klar, wir Autoren fühlen uns alle wie Götter und das ist das Tolle an dem Beruf. J Als Autor schafft man seine eigenen Welten, die man lenken kann, wie man will. Man entwirft Menschen und beeinflusst deren Schicksale. Und das wirklich Schöne am Schreiben ist, dass sich Leser dann in diese Welten entführen lassen und darin unter Umständen sogar lieber verweilen als in der Realität.

Erik Schreiber:
Aber kommen wir doch einmal zur eigentlichen Hauptperson: Alan Osborne. Er ist Wissenschaftler und entwickelt eine künstliche Intelligenz. In den 1980er Jahren war das Technologieinstitut in Massachussetts führend in der Entwicklung. Warum hast Du den Hauptdarsteller nicht gleich dort angesiedelt?

Peter Mennigen:
Zum einen, um einer möglichen Anzeige wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechtes aus dem Weg zu gehen, falls es an diesem Institut zufällig einen Hausmeister oder sonst wen mit diesem Namen gibt. Zum anderen wollte ich meinen Helden in einer Stadt wohnen lassen, die ich kenne. Außerdem sollte er in einer Firma arbeiten, deren Ziel es ist, Gewinne zu erwirtschaften. Das Massachusetts Institute of Technology ist ein Geflecht aus Universität und Forschungseinrichtungen, das auch staatliche Zuschüsse erhält. Wenn dort ein Experiment in die Binsen geht, dann macht man einfach ein anderes. Rein wirtschaftlich orientierte Unternehmen können sich solche Fehlschläge nur in einem bestimmten Rahmen erlauben, sonst wird die betreffende unprofitable Abteilung geschlossen. Das schürt natürlich die Existenzängste unseres Helden enorm, als sein altes Leben in Paris allmählich in seine Bestandteile zerbröselt.

Erik Schreiber:
Alan Osborne ist der wissenschaftlich ausgerichtete, eigentlich lebensuntüchtige Held. Passiert etwas, das nicht in seinen normalen Tagesablauf passt, wird er hilflos. Etwa auf dem Flughafen, als man ihn nach Frankreich schickt. Dort trifft er auf der Toilette auf eine Kakerlake und sieht sich von dem Insekt bedroht. Hast Du selbst diese Szene erlebt?

Peter Mennigen:
Zumindest ansatzweise. Zwar bedrohte mich kein Insekt, aber als ich die Toilette des JFK-Airports in New York betrat, stand ich dafür plötzlich inmitten eines Blutbades. Kurz zuvor hatte hier ein Überfall stattgefunden. Die gekachelten Wände und der Boden sahen aus wie in einem Schlachthof. Zum Glück waren inzwischen ein paar Polizisten vor Ort, was meinen Schock ein bisschen milderte. Wäre ich etwas früher da gewesen, hätten die Beamten womöglich in meinem Blut gestanden. Dabei hatte mich nur ein Zufall aufgehalten. Mein Flug hatte zehn Stunden Verspätung, was die Fluggesellschaft veranlasste, ihren Kunden einen Gutschein für ein Getränk zu spendieren. Und weil viele Passagiere betroffen waren, war die Schlange vor der Getränkeausgabe entsprechend lang. Die Warterei strapazierte zwar meine Geduld, kam im Nachhinein gesehen aber möglicherweise meiner körperlichen Unversehrtheit zugute.

Erik Schreiber:
Wenn ich Deine Antwort lese, glaube ich fast, Du siehst Dich selbst als Alan. Ist das richtig?

Peter Mennigen:
Alan Osborne ist ein Genie, ich bin nur ein bescheidener Autor, weshalb jeder Vergleich mit ihm vermessen wäre. Allerdings versuche ich ab und an, eigene Erfahrungen in Szenen mit einfließen zu lassen. Es ist schon ein Unterschied, ob ich etwas beschreibe, was ich mir nur ausdenke, oder etwas, was ich - wenn auch nur ansatzweise - selbst erlebt habe. Letzteres ermöglicht mir, viel tiefer in Gemütsverfassungen einzusteigen und diese zu beschreiben. Die Gefahr dabei ist, dass ein Leser diese Erfahrung selbst nicht kennt und Reaktionen darauf nicht nachvollziehen kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stelle, als Alan Osborne gerade eine persönliche Katastrophe erlebt und im Anschluss daran eine atemberaubend attraktive Frau trifft, auf die er während des Gesprächs mehr und mehr eingeht und mit der er schließlich sogar flirtet. Nüchtern betrachtet erscheint das unlogisch. Aber wer schon einmal einen Schock erlebt hat, weiß, dass man danach oft sehr unlogische Dinge tut. Davon abgesehen kann jeder Hetero-Mann bestätigen, dass Logik in Gegenwart einer schönen Frau nicht gerade oberste Priorität hat.

Erik Schreiber:
Kurz darauf wird auf der Toilette ein Mann ermordet, der ihm ähnlich sieht, und Alan kommt nur knapp mit dem Leben davon. Das ist eine sehr spannende Szene. Man kann fast sehen, dass er vor Angst in die Hose machen würde. Wie schaffst Du es, diese dichte Atmosphäre aufzubauen?

Peter Mennigen:
Danke für das Kompliment. Ich denke, das Wichtigste beim Schreiben ist Konzentration. Man stellt sich eine bestimmte Szene vor und versucht in Gedanken immer tiefer in sie einzudringen. Das hat ein bisschen von autogenem Training an sich. Praktiziert man das jahrzehntelang Tag für Tag, kann man beim Schreiben alles um sich herum völlig ausblenden. Es ist dann so, als wäre man tatsächlich die Figur des Romans. Man hört, sieht und empfindet wie sie und schreibt das dann nieder. Manchmal ist dieser Prozess, diese Konzentration, dermaßen intensiv, dass es nach dem Ausflug in die ‚Romanwelt’ schwer fällt, wieder in die Realität zurückzufinden.

Erik Schreiber:
Die Beschreibung mit der Kakerlake zeigt uns den Hasenfuß Osborne. Zum Ende des Buches ist er zwar nicht der strahlende Held, aber immerhin eine gewandelte, zuversichtlichere Person. Allerdings gewann ich ab und zu den Eindruck, dass er das Ende des Buches nicht er- bzw. überleben wird.

Peter Mennigen:
In den meisten gängigen Geschichten gerät der Held zwar in bedrohliche Situationen, kommt aber immer mit heiler Haut aus der Nummer. Deshalb fand ich es interessanter, wenn der Protagonist nicht als klischeehafter Charakter mit einem Überlebensfreibrief ausgestattet ist. Dass Osborne ab einem bestimmten Punkt der Handlung von uns scheiden könnte, ist also durchaus gegeben und tut der Spannung bestimmt keinen Abbruch.

Erik Schreiber:
Später in der Erzählung trifft Alan Osborne wieder auf eine / die Kakerlake und eine Hexe, die für den Auftragsmord an ihm zuständig war. War dieser erzählerische Bogen von Beginn geplant?

Peter Mennigen:
Überhaupt nicht. Zunächst diente die Kakerlake nur für einen originellen Einstieg in die Story. Als ich dann Osbornes erste Nacht in seinem Hotelzimmer beschrieb, tauchte plötzlich ohne mein bewusstes Zutun diese Kakerlake in meiner Vorstellung auf. Ich hatte keinen Schimmer, wie sie dahin kam oder was sie da wollte. Natürlich hätte ich das Tier einfach im Text weglassen können, stattdessen aber widmete ich mich der Frage, wieso das Insekt von New York über Nacht nach Paris gekommen sein könnte. Ohne sein Auftauchen auf der New Yorker Flughafentoilette wäre Osborne längst tot, und jetzt schwebte unser ahnungsloser Held in Paris gerade wieder in Gefahr. Da gab es einen Zusammenhang, um den ich mich als Autor kümmern sollte. Als ich das dann tat, machten plötzlich eine ganze Reihe Handlungsfäden, die mir durch den Kopf geisterten, Sinn.

Erik Schreiber:
Alan Osborne ist nach Deiner Beschreibung kein Frauenheld, lässt das andere Geschlecht links liegen. In Paris beginnt er plötzlich zu balzen wie ein Täuberich. Ich empfinde das als Bruch in der Charakterisierung. Erst die Angst und jetzt plötzlich ist alles vergessen. Irgendwie passt das für mich nicht zusammen. Kannst Du mir das Verhalten erklären?

Peter Mennigen:
Ich glaube, wir müssen hier zwischen dem ‚bewussten’ Charakter, der durch seinen logisch arbeitenden Verstand definiert wird, und dem ‚unbewussten’ unterscheiden. Die Natur hat ziemlich heimtückisch allen Männern Verhaltensmuster eingepflanzt, die in bestimmten Situationen - die meist in Gestalt einer attraktiven Vertreterin des anderen Geschlechts eingeläutet werden - das Kommando übernehmen.
Osborne ist ein Kopfmensch, der bewusst Abstand zu Frauen hält, weil er weiß, dass er nicht das Zeug zum charismatischen Schürzenjäger hat. Sein ablehnendes Verhalten ist eine Art Selbstschutz, um nicht abgelehnt zu werden. Aber als sich dann dieser Fleisch gewordene Männertraum an seinen Tisch setzt und undurchschaubar und erotisch mit ihm plaudert, ist die Situation plötzlich eine völlig andere. Er muss keine Angst vor Ablehnung haben, denn die kapriziöse Augenweide kam ja zu ihm. Davon ermutigt, tastet er sich weiter vor, wobei seine aufgescheuchten Hormone ziemlich verrückt spielen und sich sein rationaler Verstand langsam verabschiedet. Die kurz zuvor erlebten traumatischen Ereignisse werden nun von diesen Gefühlen überlagert. Er ist bereit, für das Objekt seiner Begierde Kopf und Kragen zu riskieren. Ich fürchte, Osborne ist nicht der erste Mann, den in Wallung geratene Hormone zu einem wandelnden Widerspruch machen.

Erik Schreiber:
Es gibt eine Szene, da sind Alan Osborne, St. Germain und Dimitri unter Paris unterwegs. In den Tunneln stehen sie letztlich bis zu den Hüften im Wasser, nur um gleich darauf wieder zu fliehen. Ich habe nicht ganz verstanden, was die drei dort unten wollten. Was sie sahen, war doch bekannt. Kannst Du mir sagen, was Du damit sagen wolltest?

Peter Mennigen:
Im finsteren Wirrwarr der Katakomben versuchte ich das Gefühl von Verlorensein und die klaustrophobische Atmosphäre der Ausweglosigkeit auf den Leser zu übertragen. Es gibt einen triftigen Grund, weshalb Osborne und seine Begleiter in die Stollen hinabsteigen. Ohne jetzt zu viel zu verraten, suchen sie dort ein Objekt, mit dem sie den in Gang geratenen Weltuntergang noch stoppen wollen. In den Tunneln finden sie dann zwar, was sie suchen, aber die damit verbundenen Erwartungen erfüllen sich bedauerlicherweise nicht. In der Szene, in der Osborne im Wasser steht, ist seine Situation bereits völlig verfahren. Es geht nur noch darum, einen Ausgang aus den Katakomben zu finden. Da unser Held nicht weiß, wo sich dieser befindet, kann er nur auf gut Glück weiter laufen und dabei das Beste hoffen und das Schlimmste befürchten.

Erik Schreiber:
Die Beschreibung des Abyssus dort unten erinnerte mich ein wenig an H. P. Lovecraft und seine Chtulhu-Erzählungen. War er Dir in dieser Hinsicht ein Vorbild?

Peter Mennigen:
Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dass ich das letzte Mal etwas von Lovecraft gelesen habe. Es waren zwei Taschenbücher mit ziemlich guten Kurzgeschichten, aber ohne Chtulhu-Erzählungen. Vermutlich ist es unentschuldbar, aber ich habe sie nie gelesen, weshalb da auch keine Anleihe stattfand. Ich habe mich bei dem Bild des Abyssus von den Interpretationen aus der Kabbala inspirieren lassen.

Erik Schreiber:
Paris wird von Dir sehr gut beschrieben. Warst Du selbst an den Orten, die auch Alan Osborne besuchte?

Peter Mennigen:
Zumindest an den meisten. Wer möchte, der kann die Handlungsorte aus „Abyssus“ in Paris besuchen. Osbornes Hotel in der Rue Saint-Sulpice war auch immer mein Stammhotel: Zimmer Vierzig mit Ausblick von der Terrasse auf die Kirche Saint-Sulpice. Die Räumlichkeit ist allerdings weniger komfortabel, dafür mehr rustikal-romantisch. Lediglich das Hexenhaus, in dem die Schlüsselszenen der Geschichte spielen, hatte ich zuvor noch nie gesehen. Ich stieß bei meinen Recherchen über Paris auf dieses Gebäude, das eine sehr makabere Vergangenheit besitzt. In seinen Mauern geschahen viele grausame Verbrechen und Ritualmorde. Es erschien mir deshalb ein ideales Hauptquartier für die Hexen. Da ich nirgendwo Bildmaterial über das Haus fand, beschrieb ich es aus der Phantasie heraus. Nachdem ich das Buch beendet hatte und wieder mal in Paris war, habe ich mir das Haus dann in natura angesehen. Es war für mich etwas erschreckend, dass es fast bis ins Detail genauso aussah, wie ich es aus meiner Vorstellung heraus beschrieben hatte.

Erik Schreiber:
Du beschreibst im Buch sehr viele Ereignisse, die in der Wirklichkeit bestehen. Die Mischung finde ich persönlich sehr gelungen. Ist Dir diese Mischung schwer gefallen?

Peter Mennigen:
Eigentlich nicht, da ich mich dafür interessiert habe. Ich denke und hoffe, dass diese Beimischungen deswegen auch nicht aufgesetzt wirken. Durch diesen Bezug zur Realität versuche ich dem Ganzen mehr Substanz und Authentizität zu verleihen. Ohne dass ich ein wissenschaftliches Pamphlet darüber schreibe, fühle ich mich dem Leser gegenüber schon verpflichtet, mit einfließen zu lassen, was beim Urknall, dem Beginn der Schöpfung, vor sich ging oder wie künstliche Intelligenz funktioniert etc.

Erik Schreiber:
Du warst also bei der Schöpfung, dem Urknall und so weiter dabei, damit Du dies den Lesern beschreiben kannst?

Peter Mennigen:
Schriftsteller sind leider nur selten bei Ereignissen, die sie in ihren Büchern beschreiben, vor Ort gewesen. Deshalb sind sie auf Recherchen angewiesen. Schreibe ich vom Urknall, dann nehme ich als ‚reale’ Grundlage, was momentan als wissenschaftliche Urknall-Theorie anerkannt ist.

Erik Schreiber:
Die Frage war absichtlich provokant gestellt. Es gibt so viele Theorien zu diesem Thema. Woher willst Du die richtige Theorie nehmen?

Peter Mennigen:
Theorien haftet grundsätzlich der Makel an, dass sie richtig oder falsch sein können, ansonsten wären sie keine Theorien, sondern Fakten. Deshalb muss nicht nur ich, sondern jeder von uns entscheiden, was für ihn am wahrscheinlichsten ist. Keiner von uns war dabei, als die Saurier ausstarben oder als die Erde entstand oder als irgendwelche geschichtlichen Ereignisse vor unserer Geburt stattfanden; trotzdem sind die vermeintlichen Abläufe dieser Ereignisse Teil unseres Allgemeinwissens. Wissenschaft basiert zum großen Teil auf Theorien, die wir dann übernehmen, obwohl wir nur annehmen können, dass sie wirklich wahr sind. So gab es früher zum Beispiel die wissenschaftliche Theorie, die Erde sei flach. Vor kurzem war es noch eine weit verbreitete Theorie, dass ein Meteoreinschlag Schuld am Ende der Saurier hätte. Wissenschaftler behaupten heute, die Atmosphäre auf dem Mars sei giftig für uns; aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen? Ich war jedenfalls noch nicht auf dem Mars. Und ob irgendwelche Daten übermittelnde Roboter jemals auf dem Mars gewesen sind, weiß ich auch nur aus dritter Hand. Also glaube ich entweder das, was Wissenschaftler behaupten, oder ich bastele mir eine kleine Verschwörungstheorie zusammen. Ich sage also nicht, dass die Theorien, die ich bei „Abyssus“ verwende, richtig sind. Aber es sind Theorien, die die Wissenschaft zumindest im Moment als richtig ansieht.

Erik Schreiber:
Die unterschiedlichen Weltanschauungen sind sehr schwer unter einen Hut zu bringen und benötigen ein fundiertes Wissen. Du verwickelst Wissenschaftler mit einer Hexe in Streitgespräche. Woher nahmst Du das Wissen?

Peter Mennigen:
Um einen Charakter glaubhaft zu machen, muss ich ihn verinnerlichen. Schreibe ich über einen Wissenschaftler, dann muss ich mir etwas von seinem Wissen aneignen. Das Gleiche gilt für eine Hexe. Dafür sind entsprechende Recherchen notwendig, die sich bezahlt machen, wenn beispielsweise der Wissenschaftler und die Hexe über ihre Weltanschauungen reflektieren und so einen Blick in ihre Seelen und Überzeugungen erlauben. Diese Dialoge dienen auch dazu, um in andere Bereiche der Schöpfung einzutauchen, wie zum Beispiel die Herkunft von Gut und Böse oder die dunkle Vergangenheit von Paris.

Erik Schreiber:
Ich persönlich fand die Gespräche sehr anregend. Hast Du bereits Reaktionen auf Dein Buch im Allgemeinem und die Streitgespräche im Besonderen erhalten?

Peter Mennigen:
Es gibt natürlich einige Leser, die keinen Zugang zu der Story und ihren Wendungen finden konnten. Diese waren dann auch nicht bereit, die Dialoge als Erweiterung der Gesamtgeschichte anzunehmen, sondern empfanden sie eher langweilig. Aber die bisherigen Reaktionen sind zum größten Teil sehr positiv. Mir war beim Schreiben schon bewusst, dass ich dem Leser einiges abverlange: Da haben wir einen totalen Antihelden, der sich weniger heroisch, sondern bestenfalls wacker schlägt. Dazu eine Handlung abseits üblicher Konventionen, unvorhersehbar wie im Leben, mit einer Fülle von Gedanken, Beobachtungen und Reflexionen. Plus Exkurse in Bereiche von Forschung, Philosophie und Magie. Viele Leser meinten, gerade das habe sie regelrecht - und zwar im positiven Sinn - getroffen, weil sie eigentlich mit einer Art Dan-Brown-Verschnitt gerechnet hatten und sich stattdessen in einer komplexen Geschichte voller Unvorhersehbarkeiten wiederfanden. Bemerkenswert finde ich dabei die Präferenzen je nach Altersstruktur der Leserschaft. „Abyssus“ gliedert sich mehr oder weniger fließend in zwei Teile. Im ersten werden die Figuren vorgestellt und positioniert, Hintergründe erläutert usw., was vor allem die Leserschaft ab vierzig Jahren aufwärts interessant fand. Dagegen bevorzugten die Jüngeren mehr den zweiten Teil, in dem eingehend die Zerstörung des Abyssus geschildert wird.

Erik Schreiber:
‚Wissenschaft trifft Aberglaube’ könnte man die nächsten Schritte nennen. Auf der Suche nach Rehabilitation trifft Osborne auf eine Hexe. Ein Wissenschaftler mit nüchterner Denkweise und eine eher gläubige Weltanschauung treffen aufeinander. Nicht nur ein Zwiespalt für die beteiligten Figuren, sondern auch für den Leser. War es das auch für Dich als Autor?

Peter Mennigen:
Überhaupt nicht. Ich stehe Weltanschauungen relativ gleichgültig gegenüber. Religionen sind mir zu widersprüchlich, wobei ihre Anhänger mir die zu ausgeprägte Neigung besitzen, Andersgläubige notfalls mit Gewalt zu zwingen, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Esoteriker behaupten immer nur Dinge, ohne einen Beweis dafür zu erbringen, und Wissenschaftler erkennen leider oft ihre Grenzen nicht. Deshalb fallen theologische oder ideologische Gesinnungen bei mir auf unfruchtbaren Boden. Das Einzige, woran ich wirklich glaube, ist die Schwerkraft, denn die kann verflixt weh tun, wenn man sie ignoriert.

Erik Schreiber:
Moment. Du kannst mir nicht sagen, dass Du Weltanschauungen relativ gleichgültig gegenüberstehst. Weiter oben hast Du gesagt, Du willst den Lesern die Schöpfung erklären, Urknall und so ... Das widerspricht sich.

Peter Mennigen:
Man muss hier unterscheiden, ob meine Romanfiguren Weltanschauungen widerspiegeln bzw. diese Teil ihres Charakters sind, oder ob ich als Autor diesen Weltanschauungen neutral gegenüberstehe. Das widerspricht sich insofern nicht, als das zwei unterschiedliche Ansatzpunkte sind. Als Autor erkläre ich ja nicht die Schöpfung, das tun Figuren in dem Roman aus ihrer Sicht. Ich beschreibe nur, was sie sagen, und gebe dem Leser Einblicke in verschiedene Standpunkte.

Erik Schreiber:
Jetzt ist das Buch aus meiner Sicht eine Mischung aus Wissenschaftsthriller, Gruselkrimi und dramatischem Roman geworden. Ein vielschichtiger Roman mit ausführlichen Beschreibungen. Du erzählst gern und viel?

Peter Mennigen:
Ja, denn es sind die Details, die eine dichte Atmosphäre erzeugen. Als das Unheil über Paris hereinbricht, hätte ich es beispielsweise mit einem lapidaren: „Innerhalb weniger Minuten starben hunderttausend Menschen“ beschreiben können. Aber damit präsentiere ich dem Leser nur eine Opferzahl, die ihn mehr oder weniger kalt lässt. Eine dramatischere Wirkung erziele ich, wenn ich zuvor einzelne potentielle Opfer vorstelle und den Leser mit ihren Biographien und Schicksalen vertraut mache, so dass er mit ihnen fühlt, bangt und hofft, dass sie überleben. Deswegen wechsle ich in den apokalyptischen Kapiteln immer von der universellen Zerstörung der Stadt in den Makrokosmos eines Einzelschicksals. Und dann gibt es da noch winzige Stimmungen oder Details, die ich in Worte zu fassen suche - eine Erzähltechnik, die jap

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