Interview mit Jens Schumacher


Jens Schumacher
im Interview mit Erik Schreiber

Beim Lesen der vielen Bücher für Erwachsene bleiben in vielen Fällen die jungen Leute hinten dran. Aus diesem Grunde wollte ich mal wieder Autoren vorstellen die vornehmlich für ein junges Publikum schreiben. Da traf es sich gut, als ich die Verlagsvorschau des Area Verlages in die Hände bekam. Im angegliederten Unipart Verlag erscheint die Jugendserie "Der magische Stein", mittlerweile mit dem zwölften Band. Autor dieser Serie ist Jens Schumacher, der sich auch nicht lange sträubte, eigentlich gar nicht, und sofort für einen E-mail-Austausch zur Verfügung stand. Das, was sich nun Interview nennt, ist eigentlich der schriftliche Erguss zweier Menschen, die sich noch nie gesehen haben. Ich hoffe, ihr findet meine Fragen interessant genug, um die Antworten lesen zu wollen. Ich danke Jens jedoch schon einmal vorweg dafür, dass er sich die Zeit für mich nahm.

Erik Schreiber:
Hallo Jens, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mir ein wenig Rede und Antwort zu stehen. So langsam, still und heimlich mauserst du dich zu einem erfolgreichen Jugendbuchschriftsteller. Bei Unipart erschien mittlerweile der zehnte Band der Reihe "Der magische Stein", zwei weitere sind angekündigt. Wie kam es dazu?

Jens Schumacher:
Der Kontakt zu AREA, dem Dachverlag von Unipart, kam durch meinen Agenten zustande. Er hatte mitbekommen, dass man dort eine Serie für Erstleser zum Thema Zeitreisen starten wollte, und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, etwas anzubieten. So setzte ich mich hin und bastelte ein Reihenkonzept sowie potentielle Inhalte für die ersten 16 Bände. Da ich ziemlich schnell arbeite und dem Verlag meine Ideen gefielen, war der Deal wenig später gemacht.

Erik Schreiber:
Wie kamst du auf die Idee mit dem magischen Stein?

Jens Schumacher:
Auf der Suche nach einem Vehikel, das den beiden Hauptdarstellern Reisen durch die Zeit ermöglichen sollte, bot sich aus nahe liegenden Gründen ein zauberkräftiges Artefakt an. Magische Amulette bzw. Steine gab es in der Literatur zwar schon zuhauf, aber zum einen fand ich die Jahrtausende umspannende Hintergrundgeschichte um die Juwelen der Macht von Atlantis recht originell, zum anderen sollte das Ganze ja auch möglichst griffig und memorabel sein, da die Bücher für Leser ab acht Jahren verständlich sein sollten. Daher ein magischer Stein!

Erik Schreiber:
Sind die beiden Hauptfiguren Jan und Maya reine Erfindungen oder stecken reale Personen dahinter?

Jens Schumacher:
Ich verwende eigentlich nie reale Personen für den Entwurf von Charakteren in Büchern - genug Hirnschmalz, um ohne solche Vorlagen auszukommen, sollte man als Autor schon haben, finde ich. In diesem Fall war das auch nicht sooo schwer, da Maya und Jan charakterlich klar definiert waren: Sie ist die Belesene, die meistens für die Vermittlung der historischen Fakten zuständig ist, er eher der handelnde Part. Für komplexere Wesenszüge lassen der knappe Umfang der Bände und die actionlastige Handlung wenig Raum - aber so was interessiert die primäre Zielgruppe auch nicht so arg.

 

Erik Schreiber:
Als Dritten im Bunde hast du einen vorlauten Nilpferdrucksack. Dient er nur dazu, eine lustige Komponente in das Trio einzubringen, oder hat er noch andere Aufgaben?

Jens Schumacher:
Da Maya und Jan wie gesagt recht klar und marktkonform gezeichnet sind, wollte ich unbedingt einen dritten Charakter für ein bisschen Reibung und Reflexion mit im Boot haben. Herkules, der lebende Nilpferdrucksack, ist immer gut für einen patzigen Kommentar, außerdem kann er - durch die magischen Energien des Zaubersteins in seinem Bauch zum Leben erweckt - auf Zeitreisen ab und an komplexere Zusammenhänge für den Leser dokumentieren, die ihm von dem magischen Artefakt sozusagen „eingeflüstert“ werden. Er hat also neben der humoristischen durchaus auch eine handlungsrelevante Funktion.

Erik Schreiber:
Die Abenteuer gehen kreuz und quer durch die Zeit. Einmal die Dinosaurier, dann das altertümliche London, Atlantis, die Wikinger. Verlierst du da nicht den Überblick?

Jens Schumacher:
Eigentlich nicht. Jeder Band ist für sich klar auf eine bestimmte Epoche begrenzt. Ich recherchiere jeden Band einzeln (was trotz des geringen Umfangs der Bücher gar nicht so einfach ist, da man gut abwägen muss, welche historischen Informationen relevant genug sind, um sie den doch sehr jungen Lesern verständlich aufzubereiten) und stecke während der Schreibphase dann tief im betreffenden Zeitalter.

Erik Schreiber:
Bei den Zeitsprüngen besteht die Möglichkeit der Paradoxa. Wie beugst du dem vor?

Jens Schumacher:
Ich gehe dem aus Weg, indem ich die gesamte Hintergrundgeschichte der zauberkräftigen Juwelen der Macht im vorhinein chronologisch durchkonzipiert habe. Welchen Weg die Juwelen vom Zeitpunkt ihrer ersten Entdeckung im alten Ägypten über die Insel Atlantis, das alte Rom, das viktorianische London und schließlich die Neuzeit nehmen - wobei sie ständig von Maya und Jan vor dem Zugriff des Schwarzmagiers Maldorius geschützt werden müssen -, wird im Zuge jedes Bandes so verständlich wie möglich ein Stückchen weiter aufgedeckt. Wenn sich ein Leser also für diese Abfolge interessiert und mit wachsender Zahl der Bände den exakten Werdegang der Steine zusammenpuzzeln will, erhält er am Ende eine schlüssige Historie ohne Brüche; etwas anderes könnte man den jungen Lesern auch nicht zumuten, finde ich.

Erik Schreiber:
Du hast recht bald den bösen Magier Maldorius in die Reihe eingeführt. Ist das für dich einfacher, einen ewigen Bösen einzuführen, als immer wieder neue Einzelabenteuer zu schreiben?

 

Jens Schumacher:
Serien, die auf eine längere Laufzeit ausgelegt sind, brauchen grundsätzlich Überthemen, die aufeinanderfolgende Episoden inhaltlich zu kleinen „Zyklen“ zusammenschweißen. Das erhöht die Lesermotivation, und es entsteht kein Flickenteppich aus Einzelabenteuern, sondern ein Gesamtbild, das automatisch vor Augen tritt, wenn man an die Serie denkt. Daher führte kein Weg um einen wiederkehrenden Antagonisten herum - Maldorius den Dunklen, in späteren Bänden unterstützt durch seinen Adlatus, den Dämon Pontus Mapex.

Erik Schreiber:
Haben die Namen Maldorius und Pontus Mapex eine besondere Bedeutung?

Jens Schumacher:
Nicht wirklich. Maldorius sollte als Schwarzmagier und Bösewicht natürlich einen Namen haben, der ein bisschen unheilschwanger und altertümlich klingt - so was muss im Erstlesersegment auffälliger, um nicht zu sagen: übertriebener umgesetzt werden als beispielsweise in Texten für Erwachsene. Die Assoziationen beim Namen seines Gehilfen sollten historisch, aber gleichzeitig auch ein bisschen spacig sein. Keine Ahnung, ob's funktioniert - aber in erster Linie müssen die Namen der Figuren ja schließlich mir gefallen, und das tun sie. ;-)

Erik Schreiber:
Im mir vorliegenden Band JUWELENRAUB IM TOWER VON LONDON tritt Maldorius gar nicht auf, sondern nur ein vierarmiger Gehilfe. Werden Maya und Jan auf Maldorius direkt treffen und gegen ihn kämpfen?

Jens Schumacher:
Nachdem die Kinder Maldorius persönlich in Band vier, IN DER GRUFT DES PHARAOS, sowie in Band fünf, GIGANT DER TIEFE, auf größere Entfernung begegneten, hielt ich den London-Band für geeignet, den Handlanger des Bösewichts einzuführen - zumal mich als ursprünglich von der phantastischen Literatur kommenden Autor ein zusätzliches übernatürliches Element im ansonsten streng historischen Umfeld reizte. Da Maldorius vorher wie gesagt schon Auftritte in der Serie hatte (eigentlich sogar schon in Band eins, wenngleich dort nur als dunkler Schatten) und er sich nicht zu schnell abnutzen sollte, kommt es erst in Band zehn, DAS GEHEIMNIS DER GOLDGRÄBERSTADT, zur nächsten direkten Konfrontation mit ihm.

Erik Schreiber:
Maldorius ist in Band sechs nur der große Böse im Hintergrund. Maya und Jan kennen ihn, sie kennen seine Ziele. Was werden die beiden Kinder unternehmen? Werden sie von einem Abenteuer in das nächste stolpern oder werden sie anfangen zu planen?

Jens Schumacher:
Da Maldorius nicht in jedem Band auftritt und der magische Stein Maya und Jan zuweilen auch Aufgaben überträgt, die nichts mit dem Schwarzmagier zu tun haben, schmieden die beiden keine langfristigen Strategien, um ihn auszuschalten. Sie sind ja auch nicht „militant“ im Auftrag des Guten unterwegs, sondern sollen nur verhindern, dass das Böse in Einzelfällen die Oberhand gewinnt. Am Ende von Band zehn - der im wahrsten Sinne ein Finale „mit Knalleffekt“ hat - sieht es so aus, als sei die Gefahr durch Maldorius endgültig gebannt: Maya und Jan kehren in ihre Zeit zurück in der Annahme, ihn besiegt zu haben. Dass dem mitnichten so ist, erfahren sie bereits in Band elf, wo der rachsüchtige Magier zurückkehrt, sie durch die Zeit verfolgt und zu vernichten versucht.

Erik Schreiber:
Ist für Kinder zu schreiben etwas anderes als für Erwachsene?

Jens Schumacher:
Logischerweise stellt jede neue Zielgruppe für einen Autor eine neue Herausforderung dar. Ich arbeite ja mittlerweile in sehr verschiedenen Sparten, d.h. ich mache alles von Erwachsenenthrillern über Kinder- und Jugendbücher (u. a. Sachthemen) bis hin zu Romanen für das Erstlesealter (z. B. DMS). Dass dabei die Anforderungen sowohl an die Sprache als auch an den strukturellen Aufbau, ergo: die Komplexität der Bücher, total unterschiedlich sind, liegt auf der Hand. Von der Erwachsenenliteratur kommend, fiel es mir gerade am Anfang nicht unbedingt leicht, mich auf die geänderten Bedürfnisse jüngerer Leser einzustellen. Aber es war im Nachhinein eine gute Übung für den bewussteren Umgang mit den eigenen sprachlichen Mitteln; mittlerweile habe ich keine Probleme mehr damit und fühle mich in allen Alterklassen recht wohl.

Erik Schreiber:
Da du es gerade ansprichst: Für welche Altersklasse schreibst du am liebsten, wenn es denn so etwas überhaupt gibt?

Jens Schumacher:
Nachdem ich mich in den o.g. Sektoren schon mannigfach austoben durfte, hätte ich momentan große Lust, mal was für ältere Kinder bzw. Jugendliche zu schreiben, also so von 13 aufwärts. In diesem Bereich kann man schon komplexer strukturierte, dickere Bücher machen, die gleichzeitig abgefahrene phantastische Inhalte haben dürfen - das eine bei ganz jungen Lesern, das andere bei Erwachsenen in Deutschland nicht gerade wohl gelitten. Demgemäß sind ein paar der Projekte, die ich derzeit anbiete, für diese Altersklasse ausgelegt. Dass ich aber explizit am liebsten für diese oder eine andere Klientel schriebe, könnte ich nicht eindeutig sagen; ich mache alles gerne, solange ich mir primär Geschichten ausdenken darf. Die Umsetzung für die jeweilige Altersgruppe ist dann im Grunde ein zweitrangiger, technischer Aspekt.

Erik Schreiber:
Thomas Brezina ist ein sehr aktiver Kinder- und Jugendbuchautor. Hat er mit seinen Werken einen Einfluss auf dich genommen? Welche Vorbilder hast du für deine Erzählungen?

Jens Schumacher:
Ich kenne Thomas Brezina nur dem Namen nach bzw. weiß um seinen gewaltigen Output, ein Buch von ihm habe ich noch nicht gelesen. Generell versuche ich, mich nicht bewusst von einzelnen Autoren oder Buchtiteln beeinflussen zu lassen - dazu kenne und schätze ich zu viele ganz verschiedenartige Sachen. Wenn es um schreiberische Beeinflussung geht, müsste ich wahrscheinlich das britische Autorenduo Steve Jackson & Ian Livingstone erwähnen, durch das ich in den 80er Jahren in Kontakt mit so genannten „interaktiven“, d. h. Rollenspielbüchern kam. Diese faszinierende Buchgattung hat mich vor ca. 18 Jahren erstmals motiviert, selbst ganze Bücher zu verfassen; heute darf ich, u.a. in meiner SF-Serie ALPHA 2 (KeRLE-Verlag) solche Bücher professionell schreiben, was mich sehr freut.

Erik Schreiber:
Könntest du dir vorstellen, deine Werke als Hörspiel vertont zu sehen?

Jens Schumacher:
Hörbearbeitungen meiner Büchern hat es schon gegeben: Zur Ratekrimi-Serie PROFESSOR BERKLEY, die ich zusammen mit Corinna Harder schreibe, sind zwei Bände als dramatisierte Hörbücher (d. h. mit Musik & Geräuschen) produziert worden, für die derzeit ein Vertrieb gesucht wird. Zu den ersten drei DMS-Bänden gibt es ebenfalls Hörbücher, die sehr liebevoll mit mehreren Sprechern vertont wurden; leider sind diese CDs aus verlagsinternen Gründen noch nicht auf dem Markt, wenngleich seit über einem halben Jahr bei amazon angekündigt. Ach ja, und einen Krimi von mir und Jens Lossau, DER SCHÄDELTYPOGRAPH, gab es auch mal als Hörbuch - vorgetragen von den Autoren selbst.

Erik Schreiber:
Hast du dir mit den DMS-Büchern ein Ziel gesetzt? Eine bestimmte Anzahl oder gar die endgültige Vernichtung (wie immer die aussehen mag) von Maldorius?

Jens Schumacher:
Die DMS-Reihe wird es - wie jede Buchserie - geben, solange interessierte Leser neue Bände haben möchten. Bereits geschrieben sind für DMS die Bände 11 (in dem Maldorius bis auf weiteres ausgeschaltet wird) und 12, konzipiert und momentan beim Lektorat die Bände 13 und 14. Da der Verlag mit den Absatzzahlen bisher ganz zufrieden ist, bin ich zuversichtlich, dass es darüber hinaus weitere Bände geben wird. Nur weil mir nichts mehr einfiele, wird die Serie jedenfalls in den nächsten zehn Jahren nicht eingestellt werden müssen! ;-)

Erik Schreiber:
Was machst du, wenn du nicht gerade dabei bist, berühmt zu werden?

Jens Schumacher:
Ich bin in der glücklichen Situation, hauptberuflich das tun zu dürfen, was ich ohnehin in meiner Freizeit machen würde: mir Geschichten auszudenken. Neben dem Schreiben nehmen aber mittlerweile auch Lesereisen bzw. Öffentlichkeitsarbeit einen gewissen Teil meiner Zeit in Anspruch - wenngleich du das wahrscheinlich auch unter „berühmt werden“ verbuchen würdest, oder? ;-) Sofern ich dazu komme, lese ich neben der Arbeit immer noch gerne, am liebsten phantastische bzw. überhaupt spannende Stoffe. Da aber nicht einmal ich den ganzen Tag mit Büchern zubringen kann und nebenbei einiges für Musik übrig habe, erledige ich quasi nebenberuflich Booking und Management für ein paar befreundete Musiker, die ich zuweilen auch auf Tournee begleite.

Erik Schreiber:
Vielen Dank für deine ausführlichen Antworten. Ich wünsche dir mit deiner Serie noch viel Erfolg und vor allem viel Spaß.

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