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Traveler (Fourth Realm, 1. Band)

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Reihe: The Fourth Realm, Band 1
Titel: Dark River - Traveler
Originaltitel: The Traveler - The Fourth Realm 1
Autor: John Twelve Hawks
Übersetzung: Claus Varrelmann & Eva Bonné
Buch/Verlagsdaten: Goldmann Verlag, Taschenbuch Buch mit Schutzumschlag; 544 Seiten; 13,5 x 21,5 cm; ISBN: 978-3-442-46549-1

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor
(weitere Rezensionen von Judith Gor auf fictionfantasy findet man hier oder auf ihrer Webseite www.literatopia.de)

Mayas Kindheit war von Gewalt geprägt: Übungskämpfe mit ihrem Vater Thorn, der sie auf dem Heimweg von der Schule verfolgen ließ. Sie in einer U-Bahn den Angriffen betrunkener Hooligans aussetzte, um sie zu einem Harlequin zu machen. Einer Kriegerin, die einmal einen Traveler beschützen soll. Maya versucht jedoch, ein normales Leben zu führen. Doch als Thorn von der Tabula, einer Bruderschaft, deren Ziel es ist, die Menschheit zu überwachen, ermordet wird, trifft sie eine Entscheidung: Sie folgt der Ausbildung ihrer Kindheit und reist nach Amerika, um zwei potentielle Traveler zu finden und zu beschützen. Michael Corrigan fällt der Tabula in die Hände, doch Maya kann Gabriel retten und mit ihm fliehen

Zu Beginn des Romans schildert der Autor dem Leser sofort klipp und klar, wer die Harlequins sind und warum sie tun, was sie tun. Im Gegenzug wird die Tabula als Feindbild entworfen - doch auch wenn im Verlauf des Romans die Einteilung in "gut" und "böse" im Kopf des Lesers verhaftet bleibt, so führt Hawks doch zahlreiche, nachvollziehbare Gründe für das Handeln der Tabula bzw. für das Funktionieren der Bruderschaft an. Das Streben nach absoluter Kontrolle beinhaltet einerseits das Streben nach Macht, aber andererseits den Wunsch nach Sicherheit. Letzteres treibt die kleinen Fische in der Bruderschaft an - wie auch die Bevölkerung. Für den Kampf gegen den Terror sind viele bereit, ihre Freiheit aufzugeben und sich überwachen zu lassen. Der Autor stellt dabei nicht die Gefahren des Terrors in Frage, wirft aber Fragen nach den Grenzen der Sicherheitsmaßnahmen auf.

John Twelve Hawks schildert trotz seines nüchternen Stils die Entwicklung seiner Protagonistin Maya sehr einfühlsam. Ihre Zerrissenheit zwischen ihrer Identität als Harlequin und ihrer Sehnsucht nach einem normalen Leben sind regelrecht spürbar. Gabriel als Traveler geht es ähnlich, doch seine Persönlichkeit ist ruhiger - und naiver. Dem Autor gelingt es dabei, Gabriel auch dann authentisch wirken zu lassen, wenn sein Herz seinen Verstand niedertritt. Dabei ist es erfrischend zu lesen, wie ein so sensibler Mann auf eine erbarmungslose Kämpferin reagiert. Doch Gabriel ist keinesfalls wehrlos: Wie Maya beherrscht er diverse Kampfkünste und kann sich selbst verteidigen. Sein gutes Herz kostet ihn jedoch so manches Mal beinahe den Kopf. Als Nebencharakter vermag vor allem der Kampfsportlehrer Hollis zu glänzen, der sich während des Romans allmählich dem Denken der Harlequins annähert.

Die Techniken, die im Roman beschrieben werden, verursachen durch ihre Möglichkeiten ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend des Lesers. Nach Lektüre dieses Romans wird man die ein oder andere Überwachungskamera genauer betrachten und sich fragen, ob es tatsächlich möglich ist, dass ein Computerprogramm gerade die persönlichen biometrischen Daten auswertet und man erkannt wird. Oder ob kleine Ortungskugeln irgendwo an der Kleidung oder den Taschen kleben. John Twelve Hawks' Welt ist nicht real, aber möglicher als vieles, was die Science-Fiction zu bieten hat. So manches scheint nur eine Frage der Zeit zu sein - und schließlich setzt man sich mit diversen Fragen auseinander: Was ist Freiheit? Was ist sie mir wert? Wie stark lasse ich mich von den Medien beeinflussen? Letztlich kann man sich über Hawks' Zukunftsvision streiten. Platz für paranoide Gedanken lässt sie genug und unterhaltsam ist der Roman allemal.

Auch wenn die Thematik nicht brandneu ist, so bleibt sie doch gerade in unserer Zeit hochaktuell. Wer allerdings von Überwachungsromanen die Nase voll hat, sollte lieber die Finger von dem Buch lassen. Ähnlich verhält es sich mit Hartgesottenen, die prinzipiell gegen religiöse Anklänge allergisch sind. Allen anderen sei gesagt, dass der Autor die mythologischen Aspekte seiner Geschichte geschickt in die Handlung einwebt, ohne dass sie aufdringlich oder als absolute Wahrheit erscheinen. Es gefällt, dass er bei den Erklärungen zu den sechs Sphären etwas vage bleibt und es dem Leser überlässt, ob er sie als Parallelwelten oder göttliche Orte sehen mag. Die Beschreibungen der Sphären, ihrer Grenzen und die Ideen dahinter üben zudem jenseits der Überwachungsthematik einen ganz eigenen Reiz aus.

Am Ende blickt man etwas wehmütig zurück - kann das schon alles gewesen sein? Sicher nicht, denn die Fortsetzung „Dark River“ ist bereits erschienen. John Twelve Hawks selbst gab an, dass seine Trilogie eher eine große Geschichte ist, die auf drei Bücher aufgeteilt wurde, wobei man „Dark River“ dank vieler Bezüg auf „Traveler“ trotzdem allein lesen könnte. Nach „Traveler“ wird man jedoch unbedingt den zweiten und dritten Teil lesen wollen. Letzterer, „The Golden City“ (englischer Titel), ist kürzlich erschienen und wird hoffentlich bald übersetzt werden. Alle Interessierten wird es freuen, dass es zumindest in „Dark River“ spannend weitergeht.

Das Taschenbuch von Goldmann geht mit dem Trend der Zeit und wartet mit einem schönen Reliefdruck aus knallroter Schrift auf. Die 544 Seiten übersteht es zudem ohne zerknickten Buchrücken - und bei knapp 10 Euro für einen spannenden Roman wie diesen kann niemand meckern. Wer es etwas edler mag, kann sich die gebundene Ausgabe von Page & Turner zulegen, die für ein Hardcover preislich absolut okay ist.

Fazit: John Twelve Hawks entwirft seine eigene Version der totalen Überwachung und grenzt sich durch die Gegenwartsnähe von anderen dystopischen Werken ab. Spannend und mit einem guten Gespür für Charakterentwicklung geschrieben.

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