Text Size

Fremder in einer fremden Welt

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Serie/Zyklus: ~
Titel: Fremder in einer fremden Welt
Originaltitel: Stranger in a Strange Land (1961)
Autor: Robert A. Heinlein
Übersetzer: Rosemarie Hundertmarck
Verlag/Buchdaten: Heyne, 2009, 656 Seiten, IBSN 978-3453525481

Eine Besprechung / Rezension von Rupert Schwarz
(weitere Rezensionen von Rupert Schwarz auf fictionfantasy findet man hier)

Die erste bemannte Marsmission der Menschheit scheiterte: Nach kurzer Zeit verloren die Menschen auf der Erde den Kontakt, und das Schicksal der Besatzung blieb 20 Jahre unaufgeklärt. Dann jedoch erreicht eine neue Mission den Mars und sie finden einen Überlebenden: Michael Valentine Smith. Der Mann wurde als Vollwaise von Marsianern aufgezogen, und seine ganze Weltsicht ist marsianisch. Als er auf die Erde kommt, versteht er zunächst gar nichts. Konzepte wie Handel, Geld oder Politik sind ihm fremd, und gleich einem Kind wird er zum Spielball der Mächtigen. Nur dank der verbissenen Nachforschungen von Ben Caxton und dem beherzten Eingreifen der Krankenschwester Gillian Boardman kann der Mann den Fängen der Regierung entrissen werden. Die drei fliehen zu Jubal Harshaw, einem Bekannten Bens, der als Schriftsteller über einigen Einfluss verfügt und in der Lage ist, Smith zu beschützen. Tatsächlich findet Jubal großes Vergnügen an dem gefährlichen Spiel, und es gelingt ihm, ein Abkommen mit der Regierung zu erreichen. Michael Valentine Smith selbst hat inzwischen damit begonnen, seinesgleichen zu entdecken, und nicht alles, was er sieht, gefällt ihm. Er zieht eine Zeit lang durch die Vereinigten Staaten und beschließt dann, den Menschen einen neuen Weg aufzuzeigen. Damit beginnt sein Opfergang.

Fremder in einer fremden Welt ist ein sehr umstrittenes Buch, bei dem sich die Geister scheiden. Es scheint kaum möglich, dass jemand dieses Buch als durchschnittlich bezeichnet. Entweder man ist von Heinleins Geschichte begeistert oder man tut sie als Nonsens ab. Dass dieser Roman so polarisiert, liegt an dem durchaus religiösen Inhalt. Der Lebensweg von Michael Valentine Smith hat sehr viele Parallelen zu Jesus Christus (und schon das alleine sorgt für genug Zündstoff). Doch da ist noch mehr: Die Handlungen und die geistige Grundhaltung des Protagonisten stehen für eine vollkommene Freiheit des Individuums, aber auch für eine Selbstverantwortung, wie sie heute kein Mensch hat. Heinlein schreibt also von einer Utopie, die Anfang der 60er Jahre genau den Nerv der Zeit traf. Hippies waren von dem Buch fasziniert und sahen in Michael Valentine Smith den ultimativen Guru. Der Idee von einem Mann, der vollkommen über dem menschlichen Kleingeisttum steht, war eine zu verlockende Vorstellung. So überrascht es keineswegs, dass der Roman zu einem der wichtigsten SF-Romane und ein absoluter Bestseller wurde.

Aber trotz all dieser kontroversen Elemente darf man nicht vergessen, dass dieses Buch auch ein SF-Roman ist. Dies tritt oft in den Hintergrund; nicht wenige behaupten, dass dies überhaupt kein Science-Fiction-Buch sei. Dies ist nicht korrekt. Der Roman beschreibt das Zusammenprallen zweier Kulturen, die unterschiedlicher kaum sein können. Obwohl die Marsianer nicht genauer beschrieben werden und man alles nur aus zweiter Hand von Michael Valentine Smith erfährt, gelang es Robert A. Heinlein, eine faszinierend fremdartige Kultur zu erschaffen, die das meiste in den Schatten stellt, was sonst so von SF-Autoren geboten wird. Smith selbst ist als Mensch besonders zu Beginn auf eine unglaubliche Weise fremdartig, und mit vielen wunderbaren Details beschreibt der Autor einen Menschen, der in einer unvorstellbaren Kultur aufgewachsen ist. Dass diese besondere Schulung ihm erlaubte, sein Gehirn vollständig zu nutzen und per Geisteskraft die erstaunlichsten Dinge zu vollbringen, kommt noch hinzu.

Trotz des deutlichen Zeitbezugs merkt man dem Roman sein Alter nur selten an. Robert A. Heinlein bediente sich eines zeitlosen Stils, der auch heute noch frisch wirkt. Ganz gleich, wie man zu dem Werk steht, an der Aussage, dass dies einer der wichtigsten SF-Romane ist, gibt es nichts zu rütteln, und man sollte ihn auf jeden Fall gelesen habe. Mir hat das Werk beim zweiten Lesen sogar noch besser gefallen als beim ersten Mal. Das lag vor allem daran, dass ich mehr auf die ironisch-sarkastischen Kommentare eines Jubal achten konnte, der irgendwie doch so eine Art Alter ego Heinleins zu sein schien. Aber auch die Smiths Sicht auf unsere Welt ist streckenweise unglaublich gut beschrieben. Die zweite Hälfte, die dann ins Religiöse abdriftet, konnte mich ebenso überzeugen wie der Rest des Buchs. Das Einzige, was mich gestört hat, waren die Unterhaltung zwischen dem verstorbenen Sektengründer Foster und seinem ebenfalls verschiedenen Erzbischof im "Himmel". Die Szenen waren irgendwie nur albern, aber zum Glück ebenso kurz wie selten. Deswegen nur 8 von 10 Punkten

Die vorliegende Ausgabe ist, ebenso wie die identische Ausgabe des Bastei Verlags aus den 1990ern, eine neue, ungekürzte  Fassung des Roman. Damals, als Heinlein seinen Roman den Verlagen anbot, waren solche Wälzer, wie sie heute üblich sind, nur schwer verkäuflich. Und so musste Heinlein seine erste Fassung kürzen. Dann, in den 80ern brachte Heinlein die ursprüngliche Fassung heraus. Diese ist zwar ausfürhlicher, aber auch ironischer. Letzten Endes sind beide Fassungen auf ihre Art in Ordnung.

 

I WANT YOU

 

Fictionfantasy.de sucht Phantastik-Begeisterte, die bereit sind an dieser Seite mitzuarbeiten.

Die Hilfe kann ganz unterschiedlich sein und muss auch nicht unbedingt das Verfassen von Texten sein - auch am Layout muss gearbeitet werden oder an der Datenbank.

Wenn dies etwas für dich ist, scheibe einfach eine EMail an rupert.schwarz @ gmx.de.

Schriftsonar

Schriftsonar #55 erschienen.

Datastream:
Kai Meyer: Die Krone der Sterne
Ian McDonald: Luna
Ian M. Banks: Surface Detail
Daniel Suarez: Daemon
Daniel Suarez: Dark Net
Daniel Suarez: Kill Decision

 

Phantast

 

PHANTAST ist das kostenlose, gemeinsame Online Magazin von fictionfantasy.de und www.literatopia.de das ca. dreimal pro Jahr erscheint. Wie der Name schon sagt, dreht es sich um die Phantastik in all ihren Ausprägungen. Ob Fantasy, Science Fiction, Horror oder wilde Genremixe - im PHANTAST soll alles vertreten sein!
Für jede Ausgabe gibt es einen Themenschwerpunkt, nach dem sich die Artikel und Rezensionen richten.

Übersicht aller Ausgaben

Top 1000 der SF

Über 300 Leute haben aus über 2000 Büchern die Besten SF Werke abgestimmt. Hier gibt es die Ergebnisse.

Viel Spaß beim Stöbern.

Top 1000 der SF

Wer sind wir?

fictionfantasy ist ein verlagsunabhängiges Rezensionsportal für phantastische Werke und mehr. Derzeit sind über 15.000 Artikel abrufbar!
Du hast fehlende Angaben bei Autoren oder Buchtiteln gefunden? Hast du einen Blog und willst im fictionfantasy-Netzwerk mitmachen? 
Schreibe uns! Kontakt siehe Impressum!