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| Die letzte Flut |
| Buch - Science Fiction (B) | |||||
„’All things must pass. Even empires, and the faiths in which they were founded.’ That is a modest restatement of the great theme which underlies much British science fiction - the theme of evolution, mutability, the life and death of cherished hopes. It is a bittersweet note which runs from H.G. Wells’ scientific romances, through the cosmic fables of Olaf Stapledon, to the works of Clarke, Aldiss and Ballard “ [1] Was tut man, wenn man als Rezensent einem Roman gleichgültig gegenübersteht, dem die meisten britischen Kommentatoren hohes Lob zollen? In meinem Fall führte das dazu, dass ich mir verschiedene Kritiken näher ansah und dann doch eine fand, die im Wesentlichen meine Einwände teilte - und klarer formulierte. Mein Hauptargument gegen Stephen Baxters Roman Die letzte Flut habe ich deshalb bei Graham Sleight (hier) entlehnt. Es hat viel mit der britischen Science-Fiction-Tradition zu tun und den Erwartungen, die der Leser typischerweise mit Katastrophenromanen einerseits und scientific romances andererseits verbindet. Dazu im Einzelnen später mehr. Zunächst lässt sich aber schon klar feststellen, dass wir es bei Flut nicht mit einer cosy catastrophe zu tun haben - was ein 1973 von Brian Aldiss [2] eingeführter Terminus für Romane ist, in denen die Welt ein ‚bisschen’ untergeht, um dann von zupackenden Menschen wieder aufgebaut zu werden. „ characterized by long evolutionary perspectives; by an absence of much sense of the frontier and a scarcity of pulp-magazine-derived hero who is designed to penetrate any frontier available; and in general by a tone moderately less hopeful about the future than that typical of genre sf until recent decades.“ [3] In scientific romances vergeht tendenziell viel Zeit. Es gibt keine typisch amerikanische Can-Do-Mentalität, keine Helden und eigentlich überhaupt keine Charaktere. Graham Sleight sagt auf der oben verlinkten Seite sinngemäß, in scientific romances werde die Kamera auf spektakuläre Ereignisse gerichtet. Welche einzelnen Menschen mit ins Bild geraten, ist dabei zweitrangig. Genau hier scheint mir das Hauptproblem von Flut zu liegen: Dieser Roman kommt über weite Strecken wie ein Katastrophenroman daher und wird doch nur dann interessanter, wenn er der Tradition der scientific romance folgt. Stephen Baxter führt in Barcelona die meisten seiner Hauptpersonen ein und lässt sie versprechen, auch nach ihrer Befreiung immer für einander da zu sein. Dies ist die erzählerische Klammer, die fortan das Buch zusammenhält - leider aber auch nicht mehr. Der Buchanfang suggeriert dem Leser, er habe es mit einem Katastrophenroman zu tun, also der Art Werk, wo zuerst eine größere Schar Personen samt persönlichem Hintergrund eingeführt wird und diese dann jede Menge Freud, Leid, Abenteuer erleben, bei dem man als Leser mitfiebert - und -leidet. Flut allerdings macht Versprechungen, die es nicht einhält. Denn Stephen Baxter ist auch in diesem Buch Stephen Baxter, und das heißt: In diesem Roman treten keine Charaktere auf, die dem Leser in irgendeiner Weise nahe gehen. Es ist nicht so, als ob die Personen unsinnige oder unglaubwürdige Dinge täten. Ganz im Gegenteil: Baxter erweist ihnen eine Menge Respekt dadurch, dass er sie völlig realistisch skizziert. Nur füllt er sie nicht mit Leben. Dieses Buch deckt auf seinen 750 (reichlich dünn bedruckten, aber dadurch auch lesefreundlichen) Seiten (plus vier tollen Weltkarten) fast vierzig Jahre ab. Dabei verweilt es meist einige Dutzend Seiten bei einer Szene, um dann mehrere Jahre in die Zukunft zu springen. Bei solch einer Buchstruktur bleibt schwerlich Zeit für Charakterzeichnung, zumal wenn der Erzähler gleichzeitig noch den Verlauf der jüngsten Weltgeschichte referieren muss und Dialoge zwischen den handelnden Personen oft aus technischem Infodump bestehen. Ich erinnere mich an eine seltene Szene in der Mitte des Romans, in der ein dramatischer Streit in der Familie von Lily Brookes Schwester geschildert wurde. Diese Stelle ließ mich nicht nur gelangweilt zurück - ich fühlte mich richtiggehend belästigt: Was sollte das? Hatten Autor und Leser sich nicht längst stillschweigend geeinigt, dass die Personen hier nicht von Belang waren? Warum also Seifenopereinlagen?
____ [1] David Pringle, Science Fiction: The 100 Best Novels. An English-Language Selection, 1949-1984, London 1985, S. 195. [2] Aldiss bezeichnete damals in seinem Sekundärwerk The Billion-Year Spree den Autor John Wyndham als „master of cosy catastrophes“ und warf ihm vor, in seinen Romanen The Day of the Triffids bzw. When the Kraken Wakes behagliche Katastrophen entworfen zu haben. [3] Brian Stableford, in: John Clute/Peter Nicholls (Hrsg.), The Encyclopedia of Science Fiction, 2. Auflage, S. 1076, London 1993. [4] Sollten Sie jedoch Näheres zu Graces Zukunft wissen/erfahren, klären Sie mich bitte auf!
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