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Erinnerungen an Morgen

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Titel: Erinnerungen an Morgen
Genre: Steampunk-Anthologie
Herausgeber: Alisha Bionda
mit Geschichten von Tanya Carpenter, Andreas Gruber, Guido Krain, Bernd Perplies, Sören Prescher, K. Peter Walter
Buch/Verlagsdaten: Fabylon, Juli 2012, Taschenbuch mit Illustrationen, 232 Seiten, ISBN: 9783927071698

Eine Rezension von Judith Gor
(weitere Rezensionen von Judith Gor hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Seite http://www.literatopia.de)

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Erinnerungen an Morgen – treffender könnte ein Titel für eine Steampunk-Anthologie kaum sein. Denn Steampunk ist immer auch Nostalgie und ein Sich-der-Vergangenheit-Zuwenden, vornehmlich dem viktorianischen Zeitalter und dem deutschen Kaiserreich. Gleichzeitig erwecken bizarre Erfindungen einen futuristischen Eindruck. Der Einfachheit halber wird in dieser Rezension nur der Begriff Steampunk verwendet, es finden sich in dieser Sammlung jedoch auch Geschichten, die der Steamfantasy und dem Teslapunk zuzuordnen sind. Der Genrekenner wird sich zurechtfinden. Nahezu alle Geschichten spielen in London, dem Steampunk-Setting schlichthin:

Mit „Steam is Beautiful“ hat Guido Krain einen seltsamen Titel für seine Geschichte gewählt, der jedoch ebenso mit einem Augenzwinkern daherkommt wie die Geschichte selbst. Dabei handelt es sich um einen Prolog zum als Band 3 der Reihe erscheinenden Roman. Der Erfinder Charles Eagleton kehrt, bedingt durch seine Erbschaft, ins Haus seines verstorbenen Onkels zurück. Dort sieht er sein dampfbetriebenes Dienstmädchen nahezu verwirklicht und macht sich an die Vollendung der reizenden Maschinendame mit dem französischen Akzent. Währenddessen drängt ihn ein Geistlicher zur Reparatur eines Atmosphärenerfrischers, der sich als großer Schwindel entpuppt. Guido Krain erzählt die Geschichte aus der Perspektive eines Freundes von Eagleton, der sie unterhaltsam und humorvoll vorträgt. Eine Geschichte, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt und trotzdem die stimmungsvolle Atmosphäre des Steampunk aufkommen lässt.

Bernd Perplies erzählt in „Der Automat“ die Geschichte eines Auftragskillers, der nur zwei Regeln kennt: keine Frauen, keine Kinder. Als er ein Maschinenkind jagen soll, willigt er jedoch widerwillig ein. Es beginnt eine spannende Verfolgungsjagd durch London, bei der ein großes Geheimnis aufgedeckt wird und die von Bernd Perplies atmosphärisch unheimlich dicht umgesetzt wird. Bereits mit seiner Magierdämmerung hat der Autor bewiesen, dass er sich im Steampunk wohlfühlt. „Der Automat“ ist eines der Highlights dieser Anthologie, voller Spannung und einfach auf den Punkt!

„Erinnerungen an Morgen“ von Sören Prescher ist titelgebend und ebenfalls eine Prologstory zu einem Roman, der in der Reihe als Band 4 erscheinen soll. Die Geschichte beginnt in einer Nervenheilanstalt, in der grausame Methoden zur Anwendung kommen und in der der junge Mediziner Henry sich alternativen Behandlungsmethoden zuwendet. Dabei kommt eine seltsame Maschine zum Einsatz, die vermag, die Patienten in ihrer Erinnerung zurückgehen zu lassen – sogar in ein anderes Leben. Das Gleiche versucht Henry bald auch in die andere Richtung. Zu Beginn lebt „Erinnerungen an Morgen“ von seiner unheimlichen Atmosphäre, weist aber im Mittelteil zu viele Längen für eine Kurzgeschichte auf.

Im „Varieté d’Immortal“ von Tanya Carpenter treten, obwohl man es der Autorin zugetraut hätte, keine echten Untoten auf. Edward Stone sieht zu Beginn der Geschichte das Werk seines jungen Lebens in Flammen aufgehen. Sein Vater zeigt keinerlei Respekt für neue Behandlungsmethoden in der Medizin und tut Edwards Arbeit als Teufelswerk ab. Verzweifelt irrt Edward durch London und trifft zufällig den Direktor des Varieté d’Immortal, der ihn aufmuntert und seiner liebreizenden Frau vorstellt. Eine innige Freundschaft entsteht und Edward beschließt, sein Studium fortzusetzen. Die Geschichte nimmt jedoch eine dramatische Wende, als Edward seinen alten Freund nach zehn Jahren wiedersieht – dessen schöne Frau ist gestorben und von Edward wird verlangt, sie wieder zum Leben zu erwecken. Tanya Carpenter vermittelt die Not des jungen Edward glaubhaft und gibt ihrer Geschichte eine tragische und unheimliche Wendung, die keinen Leser kalt lassen dürfte.

„Bringen Sie uns den Kopf von Abu Al-Yased!“ von K. Peter Walter beginnt in London und lässt den Leser über ein gigantisches, modernes Schiff staunen, welches dazu dienen soll, endlich dem gefürchteten Piraten Abu Al-Yased das Handwerk zu legen. Etwas untypisch für Steampunk spielt die Geschichte auch teilweise in der Wüste, was sich spannend liest. Allerdings leidet K. Peter Walters Story unter der zunächst unklaren und verwirrenden Erzählperspektive, die für die Kürze der Geschichte nicht geeignet ist. Auch reicht sie atmosphärisch nicht an die anderen Beiträge der Anthologie heran.

„Der Maya-Transmitter“ von Andreas Gruber ist die Bonusstory der Anthologie und spielt hauptsächlich im Dschungel Südamerikas. Durch einen unglückseligen Unfall wird Professor Graham Worthington von seiner Maya-Expedition abgehalten. Seine Freunde reisen allein und verschwinden spurlos. Sieben Jahre später wagt sich Worthington selbst in den Dschungel und findet das Tagebuch eines der verschwundenen Freunde, die offenbar eine bizarre Maschine entdeckt haben … Andreas Gruber erzählt seine Geschichte äußerst stimmungsvoll. Neben „Der Automat“ die beste Geschichte der Anthologie!

Insgesamt bietet „Erinnerungen an Morgen“ vor allem abwechslungsreiche Beiträge, deren Qualität leicht schwankt. Doch wie es bei Anthologien meistens ist, gefallen einige Geschichten besser als andere und der eine Autor holt schlichtweg mehr aus seiner Kurzgeschichte heraus als der andere. Schwierig verhält es sich mit den Prologgeschichten für zukünftig erscheinende Romane, obwohl sie sich durchaus einzeln lesen lassen. Die Neugier wird jedoch geweckt, wenn auch für Guido Krains Roman mehr. Graphisch aufgewertet wird die Anthologie mit Werken von Crossvalley Smith, der bereits diverse Anthologien von Alisha Bionda illustriert hat. Leider auch dieses Mal nur in Schwarzweiß. Die Bilder passen zur Thematik und sind ein netter Bonus. Im Inhaltsverzeichnis sind den Machern allerdings kleine Fehler unterlaufen: Die Reihenfolge der Geschichten und auch die Seitenzahlen stimmen nicht überall. Alles in allem aber eine gelungene Anthologie, die Lust auf mehr Titel dieser Reihe macht.

Fazit

Erinnerungen an Morgen bietet Steampunkatmosphäre pur und überzeugt mit abwechslungsreichen Beiträgen, die das viktorianische Zeitalter und bizarre Maschinen in den Köpfen der Leser entstehen lassen. Nicht alle Geschichte überzeugen, doch es sind genug Leckerbissen vorhanden, um bedenkenlos zuzugreifen. 4 von 5 Punkten.

 

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