Es war einfach behaglich. Ich liebte diesen alten Ohrensessel, dieses alte Kaminzimmer, ja das gesamte alte Haus. Viele Leute reden von der deutschen Gemütlichkeit, dieser Raum war irgendwie englisch. Im offenen Kamin vor mir knackten die dicke Holzscheite, die ich vergangenen Sommer selbst gesägt hatte. Auf dem Kaminsims tickte leise und beharrlich eine zierliche barocke Uhr. Die Zeiger standen auf 10.15 Uhr. Die schweren dunkelroten Vorhänge, an den beiden schmalen, aber hohen Fenstern, gaben dem Zimmer eine gewisse Würde.
Auf dem geschwungenen Beistelltischchen aus dunkler Eiche stand ein gut gefülltes Cognacglas. Ich hatte mir für den heutigen Abend einen Siebenstern-Metaxa mitgebracht.
Heute waren alle aus dem Haus! Dieser Abend gehörte mir, mir ganz allein!
Ich lehnte mich zurück, streckte die Beine lang aus und schloß die Augen. Meine rechte Hand griff zielsicher zum Glas. Der Geschmack sonnendurchfluteter Trauben und feinen Alkohols rann über meine Zunge. Meine Lungen füllten sich mit der rauchgeschwängerten Kaminluft. Der Kragen meiner alten buntkarierten Strickjacke, die ich zu diesen Anlässen zu tragen pflegte, kratzte an meinem Hals. Doch dieses seit undenklichen Zeiten gewohnte Kratzen brauchte ich.
Es war einfach herrlich, sich so zu entspannen!
Der Streß mit der Veröffentlichung meines letzten Science Fiction-Romans steckte mir noch in den Knochen. Doch jetzt war endlich alles unter Dach und Fach. Selbst die überregionale Presse hatte überschwenglich darüber berichtet. Nun war es an der Zeit, einfach abzuschalten und zu entspannen.
Etwas störte mich! Das Ticken der Uhr hatte sich für einen Schlag geändert. Irritiert blickte ich auf den Kaminsims. Die Uhr zeigte 10.12 Uhr an. Ich zog meine Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn.
Hatte die Uhr einen Hakler? War sie bei diesem ungleichmäßigen Tick einige Minuten zurückgesprungen?
Ich war kein Fachmann für mechanische Uhrwerke, doch ich traute mir die Beurteilung zu, dass so etwas mechanisch nicht möglich war.
Mit einem leichten Ächzen kam ich aus meinem geliebten lederbezogenen Ohrensessel hoch, ging zum Kaminsims und verglich meine Armbanduhr mit der Kaminuhr. Beide Uhren zeigten gerade exakt 10.13 Uhr an.
Hatte ich mich vorhin vielleicht getäuscht? Das wäre die Erklärung für dieses Phänomen.
Mit einem Achselzucken drehte ich mich wieder um. Heute hatte ich einfach keine Lust, mich um irgend etwas zu kümmern. Zu meinem Erschrecken stellte ich fest, dass mein Glas leer war.
Hingebungsvoll öffnete ich den Schraubverschluß und ließ erneut etwas Luft aus dem Cognacschwenker. Dann stellte ich die Flasche zurück in den Schrank. Ich wollte mich heute nicht betrinken. Zwei Metaxa reichten für den heutigen Abend. Mit dem Glas in der Hand setzte ich mich wieder und genoß mit geschlossenen Augen den ersten Schluck.
In diesem Moment hörte ich wieder den seltsamen Aussetzer im Ticken der mechanischen Uhr. Sofort fiel mein Blick auf die Zeiger. Die Uhr zeigte 10.12 Uhr.
Verflixt, das Ding war tatsächlich defekt. Beiläufig blickte ich auf meine Uhr und stutzte - Auch sie zeigte 10.12 Uhr an!
Ich mußte trocken schlucken. Hier geschieht etwas, was ich nicht verstehen kann, durchzuckte es mich. Noch mit dem Gedanken im Kopf sprang ich auf die Beine. Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich herum. Ich hatte etwas aus den Augenwinkeln erblickt. Die Flasche Metaxa! Sie stand wieder auf dem kleinen Beistelltisch!
Als ob ich es mit einem Geist zu tun hätte, griff ich zur Flasche und nahm sie wieder in die Hand. Doch, sie war echt. Sofort eilte ich um Schrank, um zu sehen, ob dort noch eine weitere Flasche stand.
Der Schrank war leer!
Drehte ich jetzt durch? Hatte ich zuviel Science Fiction geschrieben? Am Alkohol konnte es nicht liegen, nach einem Glas war ich noch nicht so weit, Wahnvorstellungen zu bekommen.
Hatte mein Gehirn einen Fehler? Ein Blutgerinnsel, das die Wahrnehmung trübte? Wollte ich vielleicht die Flasche gerade wegstellen und bildete mir ein, es schon getan zu haben?
Vollkommen verwirrt stellte ich die Flasche zurück auf den Beistelltisch. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Ich setzte mich zurück in meinem Ohrensessel und fixierte die Kaminuhr. Sie zeigte mittlerweile wieder 10.14 Uhr an.
Sekunden später war wieder der Aussetzer zu hören. Gleichzeitig sprang die Uhr von 10.15 Uhr auf 10.12 Uhr zurück. Für einen Moment schien das Kaminfeuer zu flackern. Mein Blick eilte zu Flasche.
Sie stand nach wie vor auf dem braunen Beistelltisch, doch ich hatte sie vorhin anders abgestellt! Ich erinnerte mich daran, dass vorhin noch das Etikett zu sehen war. Jetzt stand die Flasche wieder mit dem Rücken zu mir.
Eine Zeitschleife?! Der Gedanke war schon mehr eine Feststellung, als eine Frage, die sich in meinem Kopf bildete.
Auf jeden Fall war es ein Phänomen, das es zu untersuchen galt. Ich merkte, wie mein Körper Adrenalin freisetzte. Die eben noch wohlig empfundene Müdigkeit war wie weggeblasen.
Schnell veränderte ich die Stellung von Möbelstücken im Raum, stellte die Flasche auf den Kaminsims und die Uhr auf den Beistelltisch.
Die Zeiger standen gerade wieder auf 10.14 Uhr. Gebannt starrte ich auf die verzierte Uhr, dass mir die Augen brannten. In dem Moment, in dem der Minutenzeiger auf die 10.15 Uhr wanderte, blickte ich auf die Metaxaflasche. Die Uhr stand unangetastet auf dem Sims. Die Möbel standen wieder an Ort und Stelle.
Jetzt war es klar: ich befand mich tatsächlich in einer Zeitschleife. Doch warum machte ich selbst diese Schleife nicht mit? Warum bemerkte ich sie überhaupt? Was machte mich anders, als die Flasche und die Uhr? Wieweit reichte diese Zeitschleife? Um die ganze Welt? Betraf sie auch andere Menschen?.
Ich musste das feststellen. Eiligen Schritts lief ich zur Flurtür hinaus, und kam gerade zur Zimmertür, die das Kaminzimmer mit meinem Arbeitszimmer verband, wieder hinein.
Völlig perplex drehte ich mich einmal um mich selbst. Ich stand im Kaminzimmer, vor der offenen Tür zu meinem Arbeitszimmer - blickte aber in das Kaminzimmer, als ob ich mich im Flur befinden würde!
Fahrig griff ich mich an die Stirn. Mit zwei schnellen Schritten war ich wieder durch die Tür und befand mich wieder im Kaminzimmer. Dieses Mal mit der Flurtür im Rücken.
Die Zeitschleife hatte eine enge räumliche Begrenzung. Doch ich wollte nicht gefangen sein. Wie unter einem inneren Zwang rannte ich zum ersten Fenster und riß die Vorhänge zur Seite. Tiefschwarze Nacht gestatte mir keinen Blick in meinen Garten.
Ich versuchte das Fenster zu öffnen, doch es klemmte. Trotz offener Haken, konnte ich es nicht aufstoßen. Sofort eilte ich zum zweiten Fenster, doch auch dort empfing mich nur blindes Glas. Mein Blick irrte zur Simsuhr, 10.14 Uhr! Jeden Moment würde die Schleife wieder von vorn beginnen.
Ohne zu zögern griff ich nach einem der wertvollen alten Stühle, die links und rechts neben dem Fenster standen. Mit aller Kraft schmetterte ich das Möbelstück gegen die Scheiben. Der Stuhl zerbrach in tausend Stücke. Lediglich die Lehne verblieb in meiner Hand.
Ich ließ das Bruchstück fallen. Wie war es möglich, dass das Fenster diesen Schlag überstehen konnte?
Meine Finger glitten über die Glasscheibe, doch es war noch nicht einmal ein Kratzer zu sehen. Lediglich die Sprossen waren eingedellt und die weiße Farbe abgeblättert.
Wieder hörte ich den seltsamen Zwischentick der Uhr. Ich drehte meinen Kopf um in das Zimmer zu blicken. Die Trümmerstücke des Stuhls waren verschwunden. Statt dessen stand er wieder neben dem Fenster. Beide Vorhänge waren zugezogen.
Ein Spiel! kam es mir in den Sinn, oder vielleicht ein Test, oder ein Versuch. Irgend jemand trieb hier ein irres Ding mit mir. Alles was ich hier erlebte, war nicht echt. Die physikalischen Grundgegebenheiten ließen sich nicht ohne weiteres verändern. Entweder gaukelte man meinem Geist hier alles vor, aus welchen Gründen das auch immer passieren sollte, oder ich befand mich nicht mehr in meiner Welt, in der solche Dinge nicht passieren können.
Mein dank Science Fiction vorbelasteter Geist checkte die möglichen Unmöglichkeiten durch. Egal, welcher von beiden Fällen vorliegen würde, in beiden müßte ich beobachtet werden. Wenn ich beobachtet werde, dann können mich die Verursacher auch hören und sehen. Es wurde Zeit, das sich die Labormaus mit den Versuchsleitern auseinandersetzte. Schließlich hatte sie begriffen, das sie die Versuchsmaus war.
War das das Ziel der Untersuchung? Vielleicht wollten sie ja etwas ganz anderes feststellen. Was passierte, wenn ich nun über Tage und Wochen hier gefangen bliebe? Wie sollte es mit Essen und Trinken weitergehen? Ist der Metaxa nach dem Zeitsprung in meinem Magen, und damit ein Teil von mir geblieben, oder war er wieder in der Flasche?
Fragen über Fragen verwirrten zunehmend meinen Verstand. Ich musste planvoll vorgehen. Falls ich hier verhungern sollte, konnte ich es sowieso nicht ändern. Falls der oder die geheimnisvollen Versuchsleiter jedoch auf meine Erkenntnis hofften, so konnte ich ihnen jetzt den Gefallen tun.
"Hallo", fragte ich in den leeren Raum hinein, der wie mein Kaminzimmer aussah. "Mir ist bekannt, dass ich beobachtet werde", setzte ich meinen Monolog fort. "Die hier vorhandenen physikalischen und zeitlichen Phänomene sind in meiner Welt nicht möglich. Demnach befinde ich mich nicht mehr in meiner Welt, oder mein Geist wird zur Zeit derart manipuliert, dass ich diese Umgebung erlebe, ohne tatsächlich dort zu sein."
"Gar nicht so schlecht für einen Menschen!", hörte ich eine fremde Stimme. Schnell wendete ich den Kopf hin und her, doch ich konnte nicht herausfinden, wo die Stimme herkam. Sie entstand einfach um mich herum.
"Wir können ja ein wenig über diese Welt plauschen", versuchte ich den fremden Sprecher aus der Reserve zu locken.
"Es war doch eine gute Idee, für dieses Mal gezielt einen Science Fiction Autor auszuwählen" hörte ich eine andere Stimme.
"Hatten schon andere Menschen das Vergnügen, Ihre Räumlichkeiten kennenzulernen?" fragte ich mit arglos klingender Stimme nach und hoffte dabei, dass die Fremden nicht das feine Beben bemerkten. Meine Nerven waren bis zum zerreißen gespannt. Das hier war offensichtlich echt, keine Geschichte, die ich mir ausgedacht hatte. Sie war irgendwie wirklich, ohne das ich mir dessen sicher sein konnte.
"Warum soll ich es ihm nicht sagen" hörte ich wieder die erste Stimme. "Sag es ihm ruhig", bestätigte der zweite Sprecher.
Die erste Stimme fuhr fort: "Wir hatten schon einen Menschen hier, der Maurer war. Er konnte mit der Situation jedoch sehr wenig anfangen."
"Und was hat er gemacht?" bohrte ich nach.
"Er ist einfach wahnsinnig geworden. Er drehte vollkommen durch, so dass wir das Experiment abbrechen mußten" antwortete dieses Mal die zweite Stimme.
"Dann haben Sie ja richtig Glück mit mir" nahm ich den Faden auf. Ich wollte die beiden Sprecher in ein Gespräch verwickeln. Nur so konnte ich an weitere Informationen kommen. Bisher hatten die beiden sich für meine Verhältnisse sehr unprofessionell verhalten. Irgendwie passte das alles nicht zusammen. Personen, oder besser gesagt Wesen, die über eine derartig unglaubliche Technik verfügten, würden - meines Erachtens - auf keinen Fall so mit mir sprechen. Doch durfte ich hier überhaupt menschliche Maßstäbe ansetzen?
"Ja das kann ich Ihnen bestätigen" antwortete der erste Sprecher. "Sie haben bewiesen, das es einzelne Menschen gibt, die diese Versuchsanordnung vollständig durchschauen können, obwohl sie noch Jahrhunderte benötigen würden, um sie zu begreifen."
"So geschickt war diese Laboranordnung nun auch nicht" versuchte ich die beiden aus der Reserve zu locken. "Der Schnitt im Zeitverlauf war nicht besonders sauber durchgeführt. Die Glasscheiben in ihrer Konsistenz zu verändern war unklug. So hatte ich sofort bemerkt, dass ich mich nicht mehr im Kaminzimmer befand. Die Handhabung ihrer eigenen Anlage scheint ihnen selbst Probleme zu bereiten. Haben Sie Ihre eigene Technik nicht gut genug im Griff?"
Das war ein direkter Angriff, doch was sollte ich auch anderes tun? Ihre Bemerkung bezüglich der Menschen ließ erahnen, dass es sich um Aliens handelte. Eventuell waren es aber auch menschliche Hypnotiseure, die mich auf eine falsche Spur führen wollten, um das Experiment zu einem unbekannten Ende zu bringen.
Die Antwort der Fremden holte mich aus meinen Überlegungen. "Er ist sehr klug!" hörte ich die zweite Stimme sagen.
Somit hatte ich - zufällig - ins Schwarze getroffen. Diese Fremden arbeiteten mit einer Technik, die sie nicht vollständig beherrschten. Eventuell war es gar nicht ihre Technik? Die unbedachte Bemerkung machte mir Mut.
"Deine Überlegungen sind nicht schlecht" erklang die erste Stimme. "Ein Mensch mit einem wirklich wachen Versand und guter Beobachtungs- und Kombinationsgabe."
"Na fein", sprach ich in den Raum hinein, dann sollten wir uns doch einmal persönlich kennenlernen!" Jetzt oder nie, schoß es mir durch den Kopf. "Schalten Sie doch einfach die Laboreinrichtung ab, damit wir uns einmal gegenüberstehen. Ich bin neugierig, wie sie aussehen."
Tatsächlich begannen die Konturen des angeblichen Kaminzimmers zu verblassen. Es wurde zunehmend dunkler. Die Wände wichen zurück. Einen Atemzug später stand ich in absoluter Dunkelheit. Doch genau so schnell, wie mein helles Zimmer verschwunden war, paßten sich meine Augen der Dunkelheit an. Ein diffuses Grün erhellte eine große leere Halle, in deren Mittelpunkt ich stand. Ich blickte suchend umher und drehte mich auf der Stelle. Der Boden war weich, fast wie bei einer Turnmatte und ebenfalls dunkelgrün. Ich erkannte geschwungene Streben, die die unsichtbare Hallendecke stützten. Das grüne Leuchten schien von den Wänden auszugehen.
Mir wurde schwindlig. Ich wußte nicht, ob es nun von der Größe der Halle, dem schlagartigen Umgebungswechsel, oder der Vorstellung war, tatsächlich mit Aliens zusammenzutreffen.
"Hier sind wir!" hörte ich eine der beiden Stimmen aus der Ferne. Suchend glitt mein Blick in die Richtung. Kaum erkennbar machte ich einige sich bewegende Konturen aus.
Mit forschen Schritt, der meine Unsicherheit überdecken sollte, bewegte ich mich in Richtung der dunklen Konturen.
Je näher ich kam, desto nervöser wurde ich. Ja es war eigentlich der helle Wahnsinn, ja Wahnsinn war der richtige Ausdruck. Ich war bestimmt wahnsinnig! Oder ich hatte die Flasche Metaxa ausgetrunken und war eingeschlafen. So wäre es kein Wunder, dass ich so einen verquirlten Quatsch träume.
Die verschwommenen Konturen nahmen mit jedem Schritt, den ich näher kam, Gestalt an.
Eigentlich handelte es sich um eine Gestalt. Es sah aus, wie eine Art Baum, ja es war eine Art Apfelbaum, der in seiner oberen Hälfte gespalten war. Der Hauptstamm hatte sich geteilt und bog sich unter der Last einer Vielzahl von Ästen nach links und rechts. In dem Astgewirr erkannte ich auf jeder Seite eine eimergroße Glocke aus einer silbrig schimmernden Substanz.
"Na, gar nicht geschockt von uns?" tönte es aus einer der Glocken.
"Erstaunt ja, geschockt nein!" gab ich zurück. Über den Zustand des Schocks schien ich bereits hinaus zu sein. Ich kam mir vor, als ob ich neben mir stand und alles hier in Ruhe beobachten konnte.
"Warum kann ich euch verstehen?" wollte ich von diesem seltsamen Wesen wissen.
"Fasse dir mal an den rechten Oberarm" wies mich jetzt die andere Glocke an.
Weisungsgemäß hob ich meine linke Hand und wandte den Kopf. Auf meinem rechten Arm hing eine federleichte, zigarettenschachtelgroße gelbe Box. Sie löste sich problemlos von meiner Strickjacke.
Ich nahm meine rechte Hand dazu, um mir das Teil von allen Seiten anzusehen. Doch es war einfach eine gelbe, geschossene Schachtel, mehr nicht.
"Dieses Multifunktionsgerät regelt alles für dich" dozierte wieder die erste Glocke. Es holte dich aus deinem wirklichen Kaminzimmer, gaukelte dir die Vision vor und übersetzt zur Zeit sogar unsere Sprache in die deine. In der virtuellen Welt ist es für dich weder sicht-, noch fühlbar. Ein ideales Gerät für unsere Experimente. Es greift direkt auf das Wahrnehmungszentrum deines Gehirnes zu. Aus diesem Grunde siehst du es auch nur als gelbe Schachtel. Ich kann auch das Aussehen beliebig verändern, da du es nur in deinem Kopf siehst."
Die eine Hälfte des Baumes bog sich nach hinten. Erst jetzt bemerkte ich ein flaches, vielleicht knöchelhohes Pult, das mit unzähligen Drehknöpfen übersät war. Der Baum war kaum in der Lage, sich so weit herunterzuneigen, um an die Drehschalter zu kommen. Noch komplizierter war die Bedienung. Die Äste schienen die Aufgaben von Extremitäten zu haben. Sie versuchten sich um verschiedene Knöpfe zu schlingen, um sie zu drehen. Dabei rutschten sie ständig ab. Erst nach mehreren Versuchen verwandelte sich die Box in eine genauso große blaue Kugel.
"Du siehst", erläuterte die Glocke, die sich gerade nach hinten gedreht hatte, "das Gerät beeinflußt deine direkte Wahrnehmung."
Meine Gedanken gingen in eine ganz andere Richtung. Die Box in meinen Händen interessierte mich nicht mehr. Die Bewegungen des Baumes brachten wesentlich mehr Hirnzellen von mir in Wallung. Warum konnte das Wesen das Pult, das im übrigen viel zu niedrig war, so schlecht bedienen. Die einzige halbwegs logische Schlußfolgerung war doch wohl, das dieses Pult nicht für dieses Wesen gebaut worden war. Ich wollte mehr Informationen aus diesem seltsamen Doppelwesen herausholen.
"Wie kommt es, das zwei Wesen, die offensichtlich über ein eigenständiges Denken verfügen, in einem Körper hängen?" brachte ich meinen ersten verwirrenden Eindruck auf den Punkt.
"Oh, das täuscht" antwortete der zweite Kopf. "Wir sind zusammen geboren worden, wie es in unserer Rasse üblich ist. Zwei, in deiner Sprache als Samen bezeichnetete Glocken haben überlebt. Jetzt, im Zeitpunkt des geistigen Erwachens, teilt sich unser Körper entsprechend auf. Die Trennung ist noch nicht ganz vollzogen. So haben wir uns die Zeit bis zu unserem endgültigen Leben mit ein wenig Forschung vertreiben."
"Und eure Forschung gipfelte darin, die Wesen der Erde diesem Verhaltenstest zu unterziehen" unterbrach ich seine Ausführungen.
"So ist es!" bestätigte wieder die erste Glocke. "Diese Versuchseinheit war gerade frei. Beim Zivilisationssurfen im Universum fanden wir die Erde. Wir beobachteten sie einige Zeit und entschlossen uns zu dem einen und anderen Experiment, um uns die Zeit der Reife zu verkürzen."
Ich musste an den Maurer denken, den diese Wesen auf dem Gewissen hatten. Der arme Kerl war vollkommen durchgedreht und wurde wahrscheinlich anschließend entsorgt wie eine tote Laborratte der Erde.
Was hatte die Glocke gerade gesagt? Diese Versuchseinheit war frei, das war der Grund, warum der Baum solche Schwierigkeiten hatte, die Instrumente zu bedienen. Sie waren wahrscheinlich nicht für diese Rasse konzipiert gewesen. Die Glocken wollten sich die Zeit bis zur Reife vertreiben. Irgendwie erinnerten sie mich an kleine Jungs, die mit Papas verbotenem Werkzeug spielen. Wozu sollte dieser Versuch überhaupt gut sein? Oder lief der Versuch weiter? Befand ich mich möglicherweise immer noch in einer Versuchsanordnung und diese seltsame Gestalt gehörte dazu?
Fragen über Fragen, die ich momentan nicht zu lösen vermochte. Doch so schnell gab ich nicht auf. Vielleicht sollte ich den Glocken meine Hilfe anbieten.
"Ihr wollt etwas über die Verhaltensweisen der Menschen erfahren?" warf ich meinen Köder aus. "Dann fangt ihr die Sache vollkommen verkehrt an. Ist ja auch nicht schlimm. Ihr als Außenstehende könnt die Zusammenhänge auch nur schwer verstehen. Eure Versuchsanordnung müßte komplett umgestaltet werden. Ich würde euch ja gern dabei helfen."
Ich trat an den Baum heran. Jetzt konnte ich endlich die Struktur erkennen. Wie beim Panzer eines Krokodils zog sich eine dunkle Haut über den baumartigen Körper. Lediglich an der Gabelung schimmerte es weißgrau. Hier wirkte die Baumhaut dünn und verletzlich.
"Bei einer Versuchsanordnung müßte unbedingt eine Frau dabei sein. Eventuell auch ein Kind. Denn die Verhaltensrollen der Individuen ändern sich grundlegend, wenn Balz-, Imponier-, oder gar Beschützerinstinkte geweckt werden."
Die beiden Hauptäste bogen sich in meine Richtung. Wie die Arme eine Giganten umschlossen sie mich halb, damit mich die Glocken von beiden Seiten ansehen konnten.
"Du bist wirklich ein bemerkenswertes Teilchen deiner Rasse", antwortete eine der Glocken. "Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass ein Versuchsobjekt uns so einen Vorschlag unterbreiten würde."
"Ich frage mich bloß, was ein solches Wesen mit so einem Vorschlag bezwecken will?" entgegnete die zweite Glocke.
Die Situation begann meiner Kontrolle zu entgleiten. So ganz dumme Jungs waren die Beiden wohl doch nicht.
"Wir sollten diesen Menschen bis auf weiteres in die Versuchsanordnung zurückbringen, bis wir uns etwas neues überlegt haben", dozierte wieder die andere Glocke. "Dann kann er uns ja eventuell helfen!"
Ich war es, über die die Glocken gerade geredet hatten. Mit mir hatten sie gesprochen, wie mit einem gleichberechtigten Wesen. Und im nächsten Moment war ich wieder nur ein Versuchstier für sie. Ich konnte diese seltsamen Gedankensprünge nicht nachvollziehen, doch schließlich hatte ich es auch nicht mit Menschen, sondern mit Aliens zu tun.
Ich sah wie die Äste sich wieder über das Pult beugten und versuchten, drei Knöpfe gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Ich musste sie aufhalten. Es waren nur zwei Armlängen, die mich von dem Pult trennten. Meine Finger konnten diese Knöpfe wesentlich besser bedienen, als diese astartigen Extremitäten.
Mit einem Sprung aus dem Stand war ich über dem Pult. Sofort bemerkte ich Äste, die nach mir griffen und vom Pult wegziehen wollten. Die Glockenwesen hatten sofort begriffen, was ich vorhatte. Äste umschlangen meine Oberschenkel und hoben mich in die Luft. Ich verlor das Gleichgewicht und kippte vornüber. Gerade mit den Fingerspitzen konnte ich noch die Pultoberfläche berühren. Unmöglich, jetzt noch gegen die Tentakeläste zu arbeiten.
Einer Eingebung folgend drehte ich mich. Ich warf mich in die Rückenlage. Die Äste konnten mich nicht länger halten. Kopfüber rutschte ich aus der Umklammerung und fiel neben das Pult.
Im Fallen warf ich die blaue Kugel in das Gestrüpp hinein und fing meinen Sturz mit den Händen ab. Wie ich es seinerzeit beim Rugby gelernt hatte, rollte ich mich über die Schulter ab und kam in Sekundenschnelle auf die Beine.
Der blaue Ball leuchtete im Gestrüpp. Jetzt hieß es schnell sein.
Gemeinsam mit den Asttentakeln drehte ich die drei Knöpfe gegen den Uhrzeigersinn.
Der Baum mit den beiden Glocken verblasste, wie vor wenigen Minuten mein Kaminzimmer.
Ich war allein in dieser seltsamen Halle. Mein Gott, was sollte ich nur tun? Ohne das Kommunikatonsgerät war ich hilflos in dieser Welt. Wie sollte ich zurück auf die Erde? Ich hob die Arme und drehte mich auf den Hacken um. Auf einmal stürzte die gesamte surreale Situation auf mich ein. War dies wirklich alles echt? Schließlich saß ich eben noch in meinem Kaminzimmer. Jetzt war ich hier irgendwo im Universum und hatte gerade zwei Aliens, wie ich sie mir verrückter nicht vorstellen konnte in eine virtuelle Welt geschickt, die sie für mich vorgesehen hatten.
Du bist gerade wahnsinnig geworden! Immer wieder kam ich zu dem selben Ergebnis. All das konnte nicht die Wirklichkeit sein. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Doch der böse Traum hörte auch jetzt einfach nicht auf. Wo zum Teufel war ich? Was sollte ich hier?
Die Halle begann sich um mich zu drehen. Ein Schwindelgefühl erfaßte mich. Ich schloß die Augen. Das Blut pochte mir in den Schläfen. Ich fühlte, wie mein Herz zu rasen begann. Wie ein gewaltiges Hammerwerk begann es von innen gegen meine Brust zu schlagen. Ich hörte wie das Blut in meinen Ohren rauschte, hörte jeden Schlag des Herzens.
Auf einmal wurden die Schläge heller und höher. Jetzt erinnerten sie mich fast an eine Maschine. Mir war immer noch schwindlig, doch ich fühlte, das ich mich nicht mehr drehte. Vorsichtig öffnete ich die Augen.
Warmes, gelbes Licht empfing mich. Das mechanische Schlagen kam nicht von meinen Herzen. Es drang von Außen an mein Ohr. Meine Augen gewöhnten sich an die Helligkeit. Die Konturen meines Kamins tauchten vor mir auf.
Erschrocken richtete ich mich auf.
Hatten die Glocken es geschafft, mich doch wieder in die Versuchsanordung zu zwingen? Hektisch riß ich die Arme hoch und sprang auf. Das Congacglas fiel mir vom Schoß. Gleichzeitig riß ich das kleine Beistelltischchen mit der Metaxaflasche um, doch es war mir egal.
Hektisch lief ich zum ersten Fenster und riß den schweren Vorhang zur Seite. Fahles Mondlicht fiel durch die Scheiben. Wie in einem inneren Zwang öffnete ich die Verriegelung und stieß die beiden Fensterflügel nach Außen.
Klare Nachtluft füllte meine Lungen und klärte meinen Verstand.
Ich war in meinem Kaminzimmer! Die virtuelle Welt war hier nicht zu Ende!
War es ein Albtraum gewesen? Etwas beruhigter drehte ich mich zurück und blickte in den Raum hinein. Alkoholgeruch drang in meine Nase. Die Flasche Metaxa war zerbrochen und der Inhalt hatte sich über den Teppich verteilt. In der Wärme des Kaminfeuers verdunstete der Alkohol rasch.
Noch nicht ganz überzeugt ging ich zurück ins Zimmer. Das Fenster ließ ich auf, damit der Dunst des Alkohols besser abziehen konnte. Ich ging durch die Tür in den Flur, um in die Küche zu kommen um Papierwischtücher zu holen. Anstandslos passierte ich den Türpfosten, ohne durch die andere Tür zurück ins Kaminzimmer zu gelangen. Ich schien tatsächlich einen unglaublichen Alptraum gehabt zu haben.
Mit den Papiertüchern kam ich zurück.
Ich stutzte. Das Fenster war verschlossen! Das Beistelltischchen stand auf seinen vier Beinen. Auf dem Tisch stand eine verschlossene Flasche Metaxa und im Sessel saß... ich!
"Mach dir keine Sorgen", hörte ich mich sagen. "Es kommt schon alles ins Lot. Die Maschinerie des Baumwesens hat den Zeitlauf der Erde partiell durcheinander gebracht. Aber er wird sich von Natur aus in den nächsten Tagen wieder einpendeln. Vergiß also die Flasche und den Fleck. Es hat ihn nie gegeben."
Mein zweites Ich erhob sich aus meinem Sessel. "Ich habe schon mal das Fenster zugemacht. Mir wurde ein wenig kalt."
Ich bemerkte, dass meine Kinnlade hinunterfiel. Mein zweites Ich drehte sich zu mir um und lächelte. "Immer mit der Ruhe, das mit dem Fenster war natürlich ein Scherz. In Deiner Traumwelt kann ich natürlich gar nicht frieren", begütend legte ich mir selbst meine rechte Hand auf die Schulter.
"Dies ist nicht das Ende der Geschichte, es ist der Anfang", klärte mich mein Ich auf.
"Du mußt jetzt erst einmal aufwachen. Wenn Du Dich in der Halle ein wenig umsieht, wirst Du das eine oder das andere bemerken. Ich will und darf Dir nicht zuviel verraten, sonst würde ich deine Zukunft und meine Vergangenheit verändern. Und genau das will ich nicht, denn zur Zeit genieße ich das Leben in vollen Zügen. Du wirst es auch erleben! Stehe nur erst einmal die kommende Woche durch."
Mein zweites Ich begann zu verblassen.
"Oh, die Zeit erholt sich gerade" erklärte ich mir selbst. "Ich kann deinen träumenden Verstand mit dem Bewusstseinstransformator nicht mehr beeinflussen. Es war wirklich eine originelle Idee von mir, mich selbst in der Vergangenheit zu besuchen. Träum schön deinen Traum zu Ende...."
Ich begriff gar nichts mehr. Was war hier eigentlich los? Hatte ich die Halle nur geträumt, oder hatte ich nur mein bisheriges Leben geträumt, oder träumet ich immer noch?
Ich griff mir an den Kopf, um die wirren Gedanken zu vertreiben. Diffuses grünliches Licht umgab mich. Ich lag auf dem Rücken. Mühsam richtete ich mich auf.
Ich befand mich in der riesigen leeren Halle. Vor mir stand nach wie vor das niedrige Pult.
Was sagte eben mein zweites Ich zu mir?
"..... Dies ist nicht das Ende der Geschichte, es ist der Anfang..........!"
Ende
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