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Die Regenfrau

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Serie: ~
Titel: Die Regenfrau (2001)
Originaltitel: Searoad. Chronicles of Klatsand (1991)
Autor: Ursula K. LeGuin
Übersetzung: Hilde Linnert
Titelbild: Mark Harrison
Buch / Verlagsdaten: Heyne Verlag 06/9132 (2001), 272 Seiten, ISBN 3-453-18271-5

Eine Besprechung / Rezension von Rainer Skupsch

In den achtziger Jahren gab es eine Phase, in der Ursula LeGuin der SF überdrüssig wurde, weil diese ihrer Meinung nach die Fortschritte und Möglichkeiten zu vergessen drohte, die sie sich als Genre in den Sechzigern und Siebzigern erstritten hatte:

"What was happening in the '80s was a sense that this 'remasculinization' of science fiction was beginning. ... A good many science fiction books being written now strike me as boys' books. And I don't say men's books, I do say boys' books, because they're kind of like the old science fiction. These books don't have very much to interest a grown woman, to be brutally frank about it." [Anm.: Aus einem Interview in "scifi.com".]

LeGuin versuchte in dieser Zeit neue Wege einzuschlagen, und ein Produkt ihrer Bemühungen war 1991 der Erzählungsband Die Regenfrau, den der Heyne-Verlag 2001 in Deutschland als Fantasy vermarktete, der aber mit Phantastischer Literatur fast nichts zu tun hat. In dem Buch finden sich zwei Farbkleckse 'Magischer Realismus', einmal, wenn Rosemary Tucket glaubt, die Gedanken ihres Mieters im Nebenraum verstehen zu können, zum anderen, als einer Serviererin die tote Mutter ihrer Kollegin erscheint. LeGuin selbst nennt Die Regenfrau (in "scifi.com") realistische Literatur und vermutet, dass der Aufkleber 'Fantasy' den Auflagenzahlen des Buches weltweit eher geschadet hat. Im Übrigen sieht sie in Die Regenfrau nicht einfach einen Erzählungsband, sondern benutzt lieber den Ausdruck "story suite":

"I have finally come up with a name for books like (...) Searoad -- stories that are genuinely connected by place and/or theme and/or characters. Such a book is a story suite, on the analogy of Bach's cello suites. The story suite is a common enough form, particularly in science fiction, that I wish (dream on!) could be recognised as such -- not labelled and dismissed as a collection, certainly not as a 'fix-up', but seen as a genuine fictional form in its own right, conceived as such not patched together, and with its own intriguing and complex aesthetic." [Anm.: Diese wie die weiter unten zitierte Textpassage entstammen einem Interview in "InfinityPlus".]

Alle im Buch enthaltenen Storys spielen ganz oder teilweise in dem kleinen Küstendorf Klatsand (Einwohnerzahl ohne Touristen: etwa 250) im nördlichen Oregon. Die Erzählungen haben unterschiedliche Protagonisten, wobei diese Charaktere oftmals noch einmal an anderer Stelle kleine (austauschbare) Auftritte bekommen. Was die Themen anbetrifft, so geht es immer um die letztlich unüberbrückbare Einsamkeit der Menschen (eine Aussage, die praktisch auf jede ernsthafte Literatur zutrifft, sodass man sich beinahe nicht traut, sie zu treffen). Außerdem stehen im Mittelpunkt der meisten Erzählungen Frauen, das für die Autorin offenbar 'starke Geschlecht', die "Knoten des Netzes" (S. 30), aus dem unsere Gesellschaft besteht, die weiterackern, wo Männer aufgeben, und die dafür meist doch zu wenig Anerkennung finden und wirtschaftlich ausgegrenzt werden.

In LeGuins 'story suite' findet Handlung fast nur in der Vergangenheitsform statt oder in Abwesenheit der Erzähler(innen). Vorherrschende Erzähltechnik ist der innere Monolog - häufig mit perspektivischem Wechsel, wenn die Erzählung zwischen den Charakteren hin und her springt.

"Many of my works since the 80s have used multiple narrative voices in various ways. I often find this multiplicity an essential tool to story-telling at this point. Also, it can lead, paradoxically, to brevity; and I'm very fond of the novella length. (...) Have had enough of novels where one voice yatters on and on... "

Romane bestehen oft zu vielleicht neunzig Prozent aus 'Füllmasse', dem Text, der die einzelnen Höhepunkte der Handlung zusammenkittet. Diese Füllmasse lässt LeGuin gerade in der letzten und längsten Geschichte des Bandes, "Hernes", einfach weg und schafft so eine komprimierte Familiensaga als Aneinanderreihung von Monologen. Hier wie in einigen anderen Geschichten gelingt es LeGuin, allein durch die vielen verschiedenen Blickwinkel auf ein und dieselbe Situation mein Interesse als Leser zu erwecken. Gleichzeitig liegt in der Kürze aber auch ein Problem: LeGuins Schreibstil war schon immer eher distanziert und ruhig als brilliant und mitreißend, und ihre wichtigsten SF-Romane beeindruckten mich stets langsam, in einer Art 'akkumulativem' Prozess. Diese Zeit haben die Protagonisten in der Regenfrau nicht, und LeGuins Schreibstil ist seit den siebziger Jahren (wohl bewusst) eher knapper und karger geworden. So wirken manche Erzählungen eher wie Charakterstudien aus einem Fachbuch. Bei allem sprachlichen wie intellektuellen Niveau sieht man dem Band zu oft die Arbeit an, die die Autorin in die Texte investiert hat.

Die Erzählungen im Überblick

Seite 7: Schaumfrauen, Regenfrauen
12 Zeilen über unstete Schaumfrauen - Schaumablagerungen am Meeresstrand, die der Wind zerreißt, bis sie verschwunden sind, als wären sie nie da gewesen.
10 Zeilen über Regenfrauen - "gewaltige Erscheinungen aus Wasser und Licht", die dem Wind trotzen und die Welt erfüllen.

Seite 8-23: Das Schiff Ahoi
Rosemary Tucket, Anfang 60, und ihr kränkelnder Ehemann Bob haben das heruntergekommene Motel Schiff Ahoi gekauft. Während Bob sich hängenlässt, versucht Rosemary ohne Aussicht auf Erfolg, bei der Renovierung ihrer Bungalows Fortschritte zu machen. Einziger Lichtblick im einsamen Alltag ist ihr imaginärer Freund, ein Energiewesen von einer fernen Welt, aus einer Stadt mit gläsernen Türmen.

Seite 24-56: Hand, Tasse, Muschel
Ein Urlaubstag im Leben der Inman-Rilows, einer Familie von starken Frauen und entweder kindlichen oder verstorbenen Männern. Da ist die 18-jährige Greta, angehende Geologiestudentin, die bald aus der Familie ausbrechen wird, um ihren Platz in der Welt zu finden. Ihre Mutter Mag ist mit den Jahren immer beherrschter und beherrschender geworden. Sie verdient das Familieneinkommen als Collegedozentin. Ihr Gatte hat vor Jahren sein Studium geschmissen und steigt anderen Frauen nach. Großmutter Rita erhält gegen Mittag Besuch von der Studentin Sue Shepard, die ein Interview mir ihr führen soll über Ritas verstorbenen Mann, den berühmten Pädagogen. Schnell legt Sue die unsinnigen Fragen, die ihr ihr Professor mitgegeben hat, beiseite und unterhält sich mit Rita über deren Jugend, als sie in der Depressionszeit ihre Großfamilie mit ihrem Buchhalterjob über die Runden brachte. Ritas Bruder und Vater verzweifelten damals an der eigenen Hilflosigkeit und starben früh. "Die Männer zerbrachen so leicht," sinniert Rita.

Seite 57-69: Wunderliche Käuze
Der geschiedene 52-jährige Warren (Manager? Politiker?) will übers Wochenende in Klatsand ausspannen. Überall im Ort halten ihn die Leute für das Mitglied einer Rentner-Reisegruppe, bis er schließlich aufhört zu widersprechen.

Seite 70-85: Herein und hinaus
Jilly hat ihren Beruf in Portland aufgegeben, um ganztags für ihre kranke Mutter zu sorgen. Eine Stunde am Tag befasst sie sich mit Töpferei, weil man da - im Gegensatz zum Leben - alles beliebig oft ausprobieren kann. Trotzdem akzeptiert sie ihre Rolle.
Kaye hat ihre Tochter verloren. Während ihr Mann aus deren Zimmer einen Schrein machen will, entschließt sie sich zur Renovierung. Wann immer sie kann, passt sie auf Jillys Mutter auf, damit Jilly (auf die sie ihre Muttergefühle projiziert?) Zeit zum Durchatmen bekommt.

Seite 86-104: Bill Weisler
Für den Autisten Bill Weisler ist der Umgang mit seinen Mitmenschen ein nur schwer überwindbares Hindernis. Als der Abnehmer seiner Tonkeramiken in Portland auch seine fehlerhaften Waren zum vollen Preis weiterverkaufen will, findet Bill das nicht richtig. Er überwindet sich und will Jilly um Rat fragen, doch die erschöpfte Frau wimmelt ihn an der Tür ab.

Seite 105-126: Wahre Liebe
Frances' 'wahre Liebe' ist die Literatur. Frances ist auch ohne Lebenspartner glücklich und vergleicht die Lektüre guter Bücher ironisch mit orgiastischem Sex. Als der Antiquar Antal der frisch verwitweten Rosemary Tucket gegen zwei Rüpel 'ritterlich' zur Seite steht, beginnt Frances eine Affäre mit ihm. Bald jedoch stutzt ihn der Alltag wieder auf Normalmaß (Birkenstocksandalen!), und Frances überlässt ihn der glücklichen Rosemary.

Seite 127-140: Schlafwandler
Ava Evans arbeitet als Putzfrau im Motel Hannahs Versteck. Auf verschiedene Personen macht sie einen völlig unterschiedlichen Eindruck. Nur Katharine McAn weiß, dass Ava in Utah ihren Mann, den Mörder ihrer Tochter, erschossen hat und mit ihrer Arbeit sich und ihren 10-jährigen Sohn über Wasser hält.

Seite 141-156: Quoits
Shirleys innig geliebte Lebensgefährtin Barbara ist tot. Nach der Beerdigung versucht Shirley, mit Barbaras Tochter, der einzigen Person, die dieser Todesfall ähnlich getroffen hat wie sie, eine gemeinsame Gesprächsebene zu finden, von ihren Gefühlen zu sprechen.

Seite 157-168: Kreuzworträtsel
Die namenlose Erzählerin wurde als Kind lange Zeit von ihrem Vater missbraucht. Später scheiterten zwei Ehen, sie war zeitweise Alkoholikerin und verlor den Kontakt zu ihrer Tochter. Immer wieder hat sie sich gefragt, wieviel ihre mittlerweile verstorbene Mutter wusste. Nachdem die tote Mutter mehrere Male ihrer Kollegin erschienen ist, versöhnt sich die Erzählerin mit ihrer Vergangenheit und ihrer Tochter.

Seite 169-172: Texte
Johanna flieht vor der Welt in die winterliche Einsamkeit Klatsands. In allem, was sie sieht - seien es Schaumflocken am Strand oder das Strickmuster eines Kleidungsstücks - versucht sie geschriebene Botschaften zu sehen, die ihr ihr Leben erklären. Entziffern kann sie letztlich nichts.

Seite 173-272: Hernes
100 Jahre und vier Frauenschicksale: Fanny zieht im 19. Jahrhundert gen Westen und verliert zwei Ehemänner an die Entbehrungen des Pionierlebens. Ihre schöne Tochter Jane führt die Liebe nach San Franzisko. Nach dem Scheitern der Ehe wird sie Stadträtin in Klatsand. Janes Tochter Lily wird als Teenager von ihrem Freund vergewaltigt. Ohne die Kraft ihrer Mutter, flüchtet sie sich ihr Leben lang gern in Traumwelten. Auch die Ehe von Lilys Tochter Virginia scheitert. Dafür hat Virginia wachsenden Erfolg als Lyrikerin und gewinnt 1983 den Pulitzer-Preis.
Die Erzählung springt von Frau zu Frau und - ohne Rücksicht auf die chronologische Abfolge - hin und her durch die Zeiten. Dank tabellarischer Lebensläufe am Ende verliert der Leser trotzdem nicht den Überblick.

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