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Die Kathedrale der verlorenen Dinge

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Titel: Die Kathedrale der verlorenen Dinge
Originaltitel: The Children of the Lost
Autor: David Whitley
Übersetzer: Peter Beyer
Buch/Verlagsdaten: Goldmann Verlag, Oktober 2011, 448 Seiten, ISBN-13: 978-3442474677

Eine Rezension von Judith Gor (Weitere Rezensionen von Judith Gor findet ihr hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Website www.literatopia.de)

Lily und Mark schlagen sich durch die dunklen Wälder, die Agora weitläufig umgeben, und suchen nach einem Zeichen menschlicher Zivilisation. Tagelang begegnet ihnen keine Menschenseele und außer Pilzen finden sie nicht viel zu essen. Als Lily von einem Wolf schwer verletzt wird, kommen den jungen Exilanten ein Priester und ein Schäfer zu Hilfe, die die beiden mit in ihr Dorf nehmen. Dort wird Lily gesund gepflegt und niemand will eine Gegenleistung für Unterkunft, Nahrung und Pflege. Für Lily ist dieses Dorf das Paradies, ein Ort, an dem jeder gleich ist und alle alles miteinander teilen. Nur Mark blickt skeptisch auf die Dorfbewohner, die mehrmals am Tag beten und von einem schweigenden Priester und einer herrischen Sprecherin angeführt werden. Die paradiesische Fassade bekommt bald Risse und Mark wird von Alpträumen geplagt, die seine tiefsten Ängste spiegeln. Auch Lily wird vom sogenannten Alptraum eingeholt, der in den Wäldern sein Unwesen treibt – doch noch ahnen die beiden nicht, dass das ärmliche Land Giseth stark mit dem Schicksal Agoras verbunden ist …

Im Gegensatz zum Vorgänger „Die Stadt der verkauften Träume“ spielt „Die Kathedrale der verlorenen Dinge“ hauptsächlich in einem ländlichen Dorf und in den Wäldern. Ab und an wird die Geschichte um Lily und Mark von Szenen aus Agora unterbrochen, wo Lilys Freunde sich bemühen, das Almosenhaus weiterzuführen. Darüber hinaus erhält der Leser Einblick in politische Intrigen und einen zunehmend gewaltsamer werdenden Widerstand, der die Stadt in ein Pulverfass verwandelt. Dabei trifft man alte Charaktere wieder, für die David Whitley jedoch im Laufe des Romans den Blick verliert. Überhaupt werden im zweiten Band seiner Trilogie viele Themen nur angerissen und dann zwischen den Ereignissen vergessen – wobei eigentlich gar nicht so viel passiert. Große Teile des Romans gestalten sich langatmig, wodurch man geneigt ist, das Buch immer wieder aus der Hand zu legen. Zwar freut man sich anfangs darüber, dass sich der Autor mit der Natur für ein gänzlich anderes Setting entschieden hat, doch in den Wäldern gibt es außer dem Alptraum nicht viel zu entdecken. Geheimnisse gibt es zwar genug, doch die wenigen kryptischen Antworten frustrieren den Leser von Seite zu Seite mehr. Einzig die Szenen, die in der Welt des Alptraums spielen, lesen sich durchweg toll und spannend – und vor allem originell. Davon hätte man gerne noch mehr gelesen.

Mark ist anfangs unheimlich trotzig und wütend auf Lily. Er will um jeden Preis zurück nach Agora, wo er gerade erst seinen Vater wieder gefunden hat. Außerdem will er mit seinem ominösen Schicksal als Protagonist des Mitternachts-Statuts, das zu einer Erneuerung von Agora führen soll, nichts zu tun haben. Im Laufe der Geschichte setzt allerdings eine spürbare Reifung ein, die Mark zunehmend sympathischer macht. Er entwickelt nach und nach mehr Verständnis für Lily und andere Mitmenschen und ist nicht mehr der egoistische Junge, der er noch in „Die Stadt der verkauften Träume“ war. Lily hingegen verliert in Giseth ihre Neugier und wird im dörflichen Alltag stetig bequemer. Erst als die Fassade des Dorfes splittert, kehrt ihr Kampfeswille zurück. Sie möchte um jeden Preis Antworten auf die vielen Geheimnisse der Stadt Agora und den Ländereien, die sie umgeben. Vor allem aber möchte sie ihre Eltern finden und diese Suche führt sie schließlich zu der mysteriösen Kathedrale, die dem Buch den deutschen Titel gab. Lily wirkt dabei allerdings keineswegs so engagiert wie beim Almosenhaus in Agora, ihre Suche hat eher etwas Verzweifeltes und Verbissenes.

Die Geschichte rund um das Mitternachts-Status und die geheimnisumwobene Stadt Agora, in der alles käuflich ist, seien es Gegenstände, Gefühle oder sogar Menschen, ist extrem interessant und konnte im ersten Band begeistern. In „Die Kathedrale der verlorenen Dinge“ werden zwar Antworten geliefert, allerdings zu wenige und der Autor lässt sich viel zu viel Zeit. Stellenweise hat man das Gefühl, die Story drehe sich im Kreis. Und in der Tat ist man am Ende des Buches kaum schlauer als vorher – zudem endet es mit einem bösen Cliffhanger, der diesen Roman ohne den bald erscheinenden dritten Band „Das Land des letzten Orakels“ (Juni 2012) richtig schlecht dastehen lässt. Denn nur eine gelungene Auflösung im Abschluss der Trilogie könnte den Leser noch zufrieden stellen. Für alle, die „Die Stadt der verkauften Träume“ geliebt haben, ist der zweite Band nämlich einfach nur enttäuschend. Da hilft auch das traumhafte Cover und die schöne Gestaltung nichts – wobei leider an keiner Stelle im Buch erwähnt wird, dass es sich bei „Die Kathedrale der verlorenen Dinge“ um den zweiten Band einer Trilogie handelt.


Fazit

„Die Kathedrale der verlorenen Dinge“ bietet zwar ein vollkommen neues Setting mit viel Natur, kann aber seinem Vorgänger in kaum einer Beziehung das Wasser reichen. Lediglich Mark entwickelt sich positiv und zeigt einen beachtlichen Reifeprozess. Darüber hinaus ist die Story verwirrend und langatmig, was zu einem recht frustrierenden Leseerlebnis führt. Die stimmungsvollen Szenen des Alptraums entschädigen etwas, doch insgesamt ist dieser zweite Band enttäuschend. 3 von 5 Punkten.

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