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Der Tunnel

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Serie/Zyklus:
Titel / Originaltitel: Der Tunnel
Autor: Bernhard Kellermann
Titelbild: Eddie Jones / Gerhard C. Schulz
Verlag/Buchdaten: Wilhelm Heyne Verlag 3111 (1981) 304 Seiten / Fischer Verlag 16 (9/1952) 256 Seiten

Eine Besprechung / Rezension von Erik Schreiber
(weitere Rezensionen von Erik Schreiber auf fictionfantasy findet man hier)

Ein aussergewöhnliches Projekt steht für Ingenieur Mac Allan an. Ein Tunnel soll gebaut werden. Aber nicht irgendein Tunnel, und auch nicht der von Napoleon angedachte unter dem Ärmelkanal, sondern ein Kontinente verbindender Tunnel. Europa, das Mutterland der sogenannten ‚Neuen Welt’ soll mit Amerika durch einen Eisenbahntunnel verbunden werden. In der vorliegenden Erzählung sind die Verkehrsmittel weit fortgeschritten, der Ärmelkanaltunnel wurde erfolgreich eröffnet. Der Ingenieur Mac Allen schafft es, einer Gruppe finanzkräftiger Unternehmer die Idee eines transatlantischen Tunnels schmackhaft zu machen. Diese Männer lassen sich überzeugen und so entstehen an den beiden Tunnelenden gigantische Städte, die für nichts anderes da sind, als tausende Arbeiter aufzunehmen und die Infrastruktur für den Tunnelbau zur Verfügung zu stellen. Geplant ist eine Bauzeit von fünfzehn Jahren, die aber nicht eingehalten werden kann. Eine gewaltige Explosion, bei der tausende Menschen sterben, Streiks und kneifende Geldgeber verhindern eine zügige und pünktliche Fertigstellung.
Sechsundzwanzig Jahre nach Baubeginn ist der Tunnel endlich fertig gestellt. Mehr als 9000 Menschen starben bei den verschiedenen Unglücken. Auch Mac Allens erste Frau und sein Kind starben, als der wütende Mob nach dem ersten Unglück seine Familie umbrachte. Sein Glück ist daher nicht vollkommen. Vor allem, wenn er daran denkt, dass die Technik des Tunnels mit den Jahren veraltete. Ein Ziel hat er jedoch noch, dass er unbedingt erreichen will. Er will mit einem Zug den Tunnel durchqueren, und zwar in den angegebenen vierundzwanzig Stunden. Mac Allen schafft das grossartige Unterfangen schliesslich mit nur zwölf Minuten Verspätung, die selbst die Bundesbahn auf der Strecke Hamburg - München oft locker überschreitet.
Bernhard Kellermann hat zu seiner Zeit bereits die Zwiespältigkeit von technischen Grossprojekten aufgezeigt. Es werden Bauprojekte in Angriff genommen, die später nur aus Selbstzweck weiter geführt werden und nicht, weil ein Ende erwünscht wird. Der Handlungsträger, Ingenieur Mac Allen, sieht zwar eine Zukunft für den Tunnel. Allerdings überholt ihn die Technik. Nicht nur der Tunnelbau veraltet während der Bauzeit, sondern Flugzeuge und Schiffe werden letztlich im Einsatz lohnender als der Tunnel. Was geschieht letztlich mit den Arbeitern und ihren Familien, wenn der Tunnel fertig gestellt ist. Ganze Städte werden arbeitslos. Ganze Wirtschaftszweige werden am Boden liegen. Herr Kellermann nimmt einen Teil der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise vorweg, als er sein Buch 1913, kurz vor dem ersten Weltkrieg, beendet. Der einzelne Mensch überschaut schon gar nicht mehr, was alles am Tunnelbau volkswirtschaftlich beteiligt ist. Es beginnt mit der Euphorie, die dem eigentlichen Baubeginn voraus ging. Aus der Hochstimmung eines gigantischen, zukunftsweisenden Bauwerkes wird Ernüchterung. Man stellt fest, eigentlich hat man sich übernommen. Die ersten Geldgeber bekommen kalte Füsse, stehen nicht mehr hinter dem Grossprojekt. Nach den ersten Spatenstichen beginnt das logistische Problem, dann die Sicherheit. Auf die ersten kleineren Unglücke folgt die Katastrophe, bei der gleich tausende von Arbeitern ihr Leben verlieren. Es kommt eine lange Durststrecke. Der Fertigstellungstermin wurde längst überschritten. Das Bauprojekt läuft nur noch seiner selbst Willen. Längst ist es nicht mehr Ziel, den Tunnel fertig zu stellen, sondern die Massen zu beschäftigen. Der ganze Plan ist nur noch von psychologischen Elementen abhängig.
Hier setzt die Kellermann’sche Gesellschaftskritik ein. Wozu sind die vielen Arbeiter noch gut, wenn das Projekt beendet ist. Was geschieht mit dem Tunnel, der bei Fertigstellung Renovierungsbedürftig ist? Was wird mit Fabriken, Transportunternehmen und anderem, wenn die Tunnelbauer nichts mehr benötigen? Bernhard Kellermann hat einen Roman geschrieben, dessen Personen für die heutige Zeit ein wenig flach gezeichnet sind, der aber eine ganz eigene Geschwindigkeit in der Abfolge der Ereignisse aufzeigt. Vieles könnte ausführlicher beschrieben werden, doch für die damalige Zeit war es ein Bestseller, wie man heute neudeutsch sagen würde. Kurz nach erscheinen des Buches, es hatte bis Ende des Jahres weit über 100.000 Exemplare verkauft, wurde eine Gesellschaft gegründet, um das Buch zu verfilmen.

Der Tunnel - Rezension von Ulrich Blode

 

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