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Der König auf Camelot

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Titel: Der König auf Camelot
Originaltitel: The Once and Future King (1938, 1939, 1949, 1958)
Autor: T. H. White
Übersetzer: Rudolf Rocholl und H.C. Artmann (Verse)
Buch/Verlagsdaten: (Stuttgart: Klett-Cotta Verlag, 2004), 636 Seiten, 25 Euro, ISBN: 3-608-93713-7

Eine Besprechung / Rezension von Ulrich Karger
Weitere Rezensionen von Ulrich Karger finden sie auf seiner Homepage

Die Nachdichtungen und Nachbearbeitungen der Artus-Sage sind Legion. Zu den gängigsten zählen derzeit wohl jene von Mary Stewart, Persia Wooley und Marion Zimmer-Bradley, die jeweils eine andere der Hauptpersonen als Erzählperspektive nutzen: Merlin, Ginevra und Morgaine. Und Artus? Spielt hierin meist eine eher schwache, unschlüssig widersprüchliche Rolle, von der sich die anderen Protagonisten abheben.
Terence Hanbury White begann an dem vierteiligen "Der König auf Camelot" nahezu zur selben Zeit und ebenso lange zu arbeiten wie J.R.R. Tolkien an "Der Herr der Ringe". Die ersten drei Bücher entstanden unter dem Eindruck des (beginnenden) II. Weltkriegs 1938, 1939 und 1940, das letzte als Teil einer Gesamtveröffentlichung 1958.
In Deutschland wurden sie erstmals 1976, zuletzt 1984 in zwei Bänden veröffentlicht - und jetzt legt der Verlag endlich wieder eine Neuausgabe vor, noch dazu innerhalb eines Bandes.
Kritiker werfen T.H. White eine große Inhomogenität zwischen und innerhalb der vier Teile vor - stimmt! Aber 'vorwerfen' können ihm das nur höchst konservative Erstleser der Sage, die die reinen, möglichst noch im hehren Ton vorgetragenen Skelett-Fragmente einer 'ursprünglichen' Sage für das 'Original' halten, ohne zu bedenken, dass ihnen hierfür u.a. das (Er-)Leben im sozialen Kontext der Ersthörer fehlt. Wer sich aber bereits mehrere Artus-Fassungen zu Eigen gemacht und die Lust auf den Blick über den Tellerrand bewahrt hat, wird T.H. Whites Bearbeitung als ein den Sinn für satirisch zugespitzten Witz befriedigendes und zugleich ein sehr geistreiches, auch heute nach wie vor überzeugendes Leseabenteuer genießen.

Der erste Teil Das Schwert im Stein führt Artus bzw. Arthur als Ziehsohn Sir Ectors ein, der von allen "Wart" (Warze) genannt wird und nur eine untergeordnete Rolle neben Sir Ectors leiblichem Sohn Kay spielt. Immerhin darf er dieselbe Bildung wie Kay genießen und hat in Merlin einen so magischen wie zerstreuten Lehrer. Merlin, der "rückwärts" in die Zukunft lebt, fördert ihn wegen seiner Kenntnisse um das Kommende sogar besonders und lässt ihn, verwandelt in verschiedene Tiere, hautnah verschiedene Lebensansichten kennen lernen. Allein das Nahebringen bis dato ritterlicher Gepflogenheiten, wie stundenlanges Auf-Ritterrüstungen-Eindreschen, sind hier von derart lapidarer Komik, dass einem immer wieder Stoßgelächter entfahren.
Nicht von ungefähr diente dieser erste Teil deshalb auch als Grundlage für die Disney-Trickfilmadaption "Die Hexe und der Zauberer".
Aber neben aller Komik haben Merlins Lehren vor allem den Sinn, Arthur auf die Gefahren unkontrollierter Macht aufmerksam zu machen.
In Die Königin von Luft und Dunkelheit erweitert sich das Tableau: Aus Wart ist mittlerweile König Arthur geworden, der die Tafelrunde einführt. Sie soll die gedankenlose Gewaltbereitschaft der Barone wie jener von den Orkneys für gute Zwecke kanalisieren. Doch weder die Tafelrunde noch der alsbald in sein eigenes Schicksal entschwindende Merlin können die ahnungslos inzestuöse Beziehung zu Morgause von Orkney verhindern, aus der Arthurs gnadenlosester Widersacher erwachsen wird.
In Der missratene Ritter kommt Lanzelot als bester Ritter der Tafelrunde und heimlicher Geliebter von Königin Ginevra ins Spiel. Obwohl Lanzelot wie Ginevra Arthur von Herzen lieben und schätzen, können sie trotz wiederholter Trennungen nicht voneinander lassen.
Im letzten Teil Die Kerze im Wind erweist sich Mordred als von Hass getriebener Gegenspieler seines Vaters und Onkels König Arthur. Arthur, der den besten Freund und seine Ehefrau nicht verlieren wollte, duldete bislang deren Beziehung stillschweigend, doch jetzt nutzt Mordred Lancelots und Ginevras Affäre, um Arthur den Anspruch auf den Thron streitig zu machen.

Während T.H. White sich im ersten und zweiten Teil noch relativ eng der ursprünglichen Sage verpflichtet sieht und nur hin und wieder satirische Kommentierungen einfließen lässt, kehrt sich das in den beiden letzten Teilen nahezu vollständig um - die ausgewählten Sagenelemente werden zu Stichwortgebern philosophischer Erörterungen und Betrachtungen über Macht und Machtmissbrauch, die jenseits aller Parodie auf die Würde und die möglichen Antriebe der sagenhaften Helden eingehen - insbesondere auf König Arthur, der hier alles andere als schwach vorgestellt wird. Die Montage dieser oft sogar anachronistischen Überlegungen sind derart geschickt in das umgebende Geschehen eingebaut und vom schon eingangs erwähnten lapidaren Grundton getragen, dass daraus ein überzeugender Erzählstrom wird, der die angeblichen Brüche mühelos überspült und so den Mythos wirksam neu bespielt und neu belebt. Hierfür ist nicht zuletzt auch dem Übersetzer Rudolf Rocholl zu danken sowie dem begnadeten Original H.C. Artmann, der für die Übertragung der im Text zitierten Liedverse verantwortlich zeichnete.

 

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