Der Bestandskatalog der Sammlung Ehrig - mit einem Interview mit Marianne Ehrig

Mehr durch Zufall traf ich auf die Ankündigung, dass Marianne Ehrig einen Bestandskatalog über phantastische Literatur herausgeben will. Das war vor ziemlich genau einem Jahr. Inzwischen ist im August 2008 bereits der achte Band mit CD herausgekommen. Der unermüdliche Einsatz von Marianne Ehrig ist es, der mich dazu trieb, diesen Bücherbrief herauszugeben. Die Arbeit am Katalog mit all den Titelbildern auf CD lässt das Herz eines jeden Sammlers höher schlagen. Aber auch interessierte Leser, Artikelschreiber und Journalisten der Phantastik sind damit gut beraten. Ich habe die bisher acht erschienenen Kataloge gekauft und bin verblüfft, dass es immer noch - und vor allem so viele - Titel gibt, die ich nicht kannte.

Der Hintergrund:

Heinz-Jürgen Ehrig wurde am 12. Februar 1942 in Berlin geboren. Seit seinem zwölften Lebensjahr sammelte er phantastische Literatur. Wobei er sich nicht auf ein spezielles Thema oder nur eine Serie konzentrierte, sondern er sammelte alles, was ihm in die Finger fiel. Im Laufe der Jahre wurde das eine sehr große Sammlung, die dafür sorgte, dass seine Wohnung aus allen Nähten platzte. In seiner Eigenschaft als Sammler hat er wahrscheinlich die größte Sammlung phantastischer Literatur in Europa zusammengetragen. Sicher ist, es ist die größte Sammlung von phantastischer deutschsprachiger Literatur im Privatbesitz.
Als aktiver SF-Fan arbeitete er an zahlreichen Fanzines mit, gab eigene Fan-Magazine heraus, war Mitglied und zeitweise Vorsitzender im SFCD e.V., war Initiator, Organisator und Mit-Organisator mehrerer Cons und hielt Vorträge über die utopisch-phantastische Literatur in der Zeit vor 1945 und war auch sonst ein sehr aktiver Fan.
Marianne Ehrig wurde am 24. Juli 1944 in Altdöbern, Kreis Calau, geboren. Mit 22 veröffentlichte sie ihre ersten SF-Romane, schrieb unter dem Pseudonym Garry McDunn für UTOPIA und Zauberkreis-SF, verfasste unter ihrem damaligen Ehe-Namen Marianne Sydow Romane und Exposés für die Serie ATLAN, war lange Jahre Mitglied im Perry-Rhodan-Team, schrieb 146 Romane und 35 Kurzgeschichten. Sie selbst schreibt über sich, dass sie eine leidenschaftliche Fotografin ist, sich für die Erde, das Universum und den ganzen Rest interessiert. Über die Beschäftigung mit der Chaos-Theorie und der fraktalen Geometrie gelangte sie zur Computer-Graphik.

Das Ehepaar Ehrig wohnte bis 1999 in einem kleinen Haus in Berlin, bis die Sammlung dort nicht mehr untergebracht werden konnte. In dem kleinen, beschaulichen Ort Buckau bei Ziesar kauften sie eine ehemalige Gaststätte. Dort gab es zum ersten Mal genügend Platz, um die 130.000 Sammlerstücke unterzubringen. Heinz-Jürgen Ehrig erfüllte sich den Traum einer eigenen Bibliothek. Nur die phantastische Bibliothek in Wetzlar besitzt mehr Bücher, da hier auf mehr Sammler und Spender zurückgegriffen wird.

25.8.2008 - Wie alles begann

Sisyphus oder ich armes Schwein
von Marianne Ehrig

Haben Sie sich schon einmal wie Sisyphus gefühlt? Sie wissen schon, dieser arme Kerl, der einen Felsbrocken bergauf rollen muss, der ihm immer wieder herunter kullert, bevor er oben ist? So ungefähr komme ich mir angesichts der Sammlung utopisch-phantastischer Materialien vor, die mein Mann im Laufe seines Lebens angehäuft hat. Das alles zu katalogisieren - oh je, da habe ich mir etwas vorgenommen!
Warum ich mir das trotzdem antue?
Na ja, 1. bin ich selbst eine Leseratte, ich liebe die SF und diese Sammlung steckt voller Überraschungen. Vor allem die Bilder machen mir großen Spaß - wow, was für eine Inspiration!
2. Mein Mann bezeichnete sich als "Atheist der dritten Generation" und war stolz darauf. Seinem eigenen Bekunden nach glaubte er nicht an die Unsterblichkeit der Seele. So ganz glücklich war er damit aber offenbar nicht, denn nach einem kleinen Stückchen Unsterblichkeit strebte er schon. Die Sammlung war für ihn - wie er in Anlehnung an ein Lied von Reinhard May zu sagen pflegte - sein Achtel-Lorbeerblatt, von dem er hoffte, dass es ihn in der einen oder anderen Form überdauern würde.
Warum nicht in Form eines Katalogs?
Womit wir wieder bei Sisyphus sind: Der erste Band des Kataloges (von dem bislang acht erschienen sind), enthält den Inhalt von rund zwei Regalen der erzählenden Literatur. Ich schaue mit gelindem Grausen auf die weiteren 110 Regale, die mich bis Jo Zybell erwarten. Wenn ich an den Rest der Sammlung denke, der das ganze Haus füllt (immerhin 327 qm), wird mir ziemlich beklommen zumute, und bei dem Gedanken an die Berge von Zeitungsausschnitten, Filmprogrammen, Fanzines und Antiquariats-Katalogen fühle ich mich dem armen Sisyphus sehr nahe.
Immerhin: Schon allein der Katalog der erzählenden Literatur dürfte ein kleines Stück vom Achtel-Lorbeerblatt wert sein. Vielleicht bleibt ja sogar noch ein Eckchen für mich übrig. Muss ja nicht groß sein, gerade ausreichend, dass ich mich dort hinsetzen und in aller Ruhe ein tolles Buch lesen kann.

Erik Schreiber:
Vielen Dank, Marianne, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir ein wenig Rede und Antwort stehst. Bevor ich jedoch zur Sammlung und Deiner Arbeit als Archivarin komme, sei mir die Frage gestattet. Wie kam es zum Namen Villa Galactica?

Marianne Ehrig:
Nun, das ganze Haus ist mit Büchern, Heften, Filmen, Bildern usw. utopisch-phantastischen Inhalts angefüllt (zuzüglich einer umfangreichen Sachbibliothek), es wird (wurde) bewohnt von einem besessenen Sammler dieses Genres und einer SF-Autorin, und wir wollten dem Haus einen Namen geben - "Villa Kunterbunt" war schon vergeben, und so verfielen wir eben auf "Villa Galactica".
Eigentlich wollten wir auch noch für die entsprechende Dekoration sorgen, z. B. ein lebensgroßes Frankenstein-Monster im Flur aufstellen und das endlos lange, schmale Gästeklo mit Hilfe entsprechender Bemalung sowie automatischer Beschallung plus Lichteffekten beim Türöffnen in einen Zeittunnel verwandeln - mit einem Fries aus Bildern von der heutigen Fauna über die Saurier bis zum Urmeer an den Wänden und dem Klo am Anfang der Entwicklungskette. Die Küche sollte zu "10 Vorne" werden und das Arbeitszimmer meines Mannes zum "Captain’s Room". Aber dann starb mein Mann, und jetzt habe ich leider zu wenig Zeit und Geld für solche Spielereien.

Erik Schreiber:
Du führst die Arbeit weiter, die Dein Mann begonnen hat. Die Sammlung weiterführen, den Katalog herausgeben und was noch?

Marianne Ehrig:
Ich führe eigentlich nichts von dem im eigentlichen Sinne weiter, was mein Mann begonnen hat. Mein Beitrag zur Sammlung beschränkte sich im Wesentlichen auf die detektivische Teilnahme an zahllosen Antiquariats-Expeditionen und (seit dem 9.5.1979 - da trug mein Mann den ersten Videorekorder über unsere Türschwelle) den Aufbau und die Archivierung der umfangreichen Sammlung von Video-Mitschnitten. Für den Rest blieb mir seit Einführung des Kabel-Fernsehens gar keine Zeit mehr. Als mein Mann starb, habe ich die Sammlung (schon aus rein finanziellen Gründen) für abgeschlossen erklärt und mich dann daran gemacht, die restlichen Kartons auszupacken und erst mal alles zu sichten und zu sortieren, aufzustellen und zu katalogisieren: Bevor ich mich an den eigentlichen Katalog machen konnte, habe ich zunächst eine komplette Bestandsliste erstellt, die ich jetzt mit den entsprechenden Details und den Scans auffülle. Das hat alles zusammen rund vier Jahre gedauert.
Mein Mann hat zwar immer von einer allerschütternden Bibliographie geträumt, aber er hatte diesen Traum nach etlichen vergeblichen Anläufen aufgegeben. Die logische Konsequenz war für ihn damals ein Bestandskatalog, aber zuerst wollte er die noch bestehenden Lücken füllen. Solange die Sammlung noch in Arbeit war und fast täglich etwas hinzukam, war an einen Katalog nicht zu denken. So gesehen könnte man sagen: Ich führe die Arbeit meines Mannes zu Ende - ich setze genau da an, wo er aufhören musste.

Erik Schreiber:
Was ist Dir an dieser Sammlung so wichtig?

Marianne Ehrig:
Sie ist einzigartig - und sie ist sehr umfangreich. Und um ein Missverständnis aufzuklären: Sie umfasst nicht nur Bücher und schon gar nicht nur Romane und Stories. Mein Mann war ein Komplettsammler - er sammelte das gesamte Genre, alles, was sich unter den Begriffen Utopie und Phantastik einordnen läßt. Also z. B. auch futuristische, phantastische und surrealistische Graphik, "kosmische" Musik, Hörspiele, Figuren, Comics, Sticker und natürlich Filme und die begleitenden Materialien, also Zeitschriften, Filmprogramme, Aushangbilder, Pressemappen, dann spekulative Literatur und als Ergänzung Bücher über Raumfahrt.
Denn das war der eigentliche Auslöser für seine Sammel-Leidenschaft: die Sehnsucht nach den fernen, fremden Welten, die da draußen auf uns warten.
Er hatte keine sehr schöne Kindheit - sein Vater war im Krieg geblieben, seinen Stiefvater hasste er, und auch mit seiner Mutter hatte er Probleme. Aber wenn er sich in der alten Kreuzberger Wohnung auf den Hängeboden verkroch und ein Utopia-Heft aufschlug, fiel all das von ihm ab. Beim Lesen verließ er regelrecht die reale Welt - dann war er wirklich im Weltraum unterwegs.
Eigentlich ging es ihm bei der ganzen Sammelei also primär gar nicht um die Bücher und Hefte als solche. Er war bereits ein besessener Leser, als er seine ersten SF-Romane las - er hätte sich auch für Krimis oder reine Abenteuer-Literatur entscheiden können. Aber die SF hatte einen ungeheuer starken Einfluss auf ihn. In der Schule schrieb er mal in einem Aufsatz: "An der Science Fiction Wesen wird die Welt genesen", was ihm sein Lehrer irgendwie übelnahm. Aber er war damals wirklich davon überzeugt, dass die Autoren auf dem Umweg über die SF die Gesellschaft beeinflussen konnten.
Natürlich sah er die Sache im Laufe der Zeit etwas nüchterner, aber er bewahrte sich Zeit seines Lebens diese Sehnsucht nach einer wunderbaren Zukunft, in der es Raumschiffe gibt und die Menschen Expeditionen zu fremden Sternen unternehmen. Sein größter Wunsch war es, einmal auf einem fremden Planeten zu stehen oder wenigstens noch mitzuerleben, dass die ersten echten Sternenschiffe starten, die ersten Berichte über Leben außerhalb unseres Sonnensystems uns erreichen. Und während er darauf hoffte und wartete, dass die Menschheit diesen Sprung schaffte, versuchte er, sich die Zukunft durch seine Sammlung sozusagen ins Haus zu holen.
Wir Menschen projizieren unsere Wünsche und Träume nun mal gerne in die Zukunft und bannen sie dann auf Papier, auf Leinwand, auf Film oder auf Videobänder. Darum ist diese Sammlung weit mehr als ein Haufen staubiger Bücher - sie zeigt in unglaublich vielen Variationen auf, wie die Menschen in verschiedenen Zeiten sich ihre Zukunft vorstellten. Sie ist wie ein riesiger, in allen möglichen Medien eingefangener Traum. Und weil mein Mann von diesem Thema so besessen war, sah er das Utopisch-Phantastische auch in Dingen des Alltags, auf Werbezetteln, in Zeitschriften und Spielzeugen, die von anderen Sammlern gar nicht beachtet wurden. Auf diese Weise trug er aus der jeweiligen Zeit heraus Materialien zusammen, die damals so billig und alltäglich waren, dass wohl kaum jemand sie aufbewahrte - und genau das sind die Dinge, die man heute auch für Geld und gute Worte nicht mehr beschaffen kann. All das undokumentiert dem Strom der Zeit zu überantworten, wäre in meinen Augen ein Akt der Barbarei. Ich will es festhalten und abbilden, so gut das eben möglich ist.
Die eigentliche Bibliothek ist übrigens - von der bloßen Masse des Materials her gesehen - nur ungefähr ein Drittel dessen, was diese Sammlung ausmacht.

Erik Schreiber:
Es ist eine riesige Sammlung, die Dir zur Verfügung steht. Was hattet ihr, Du und Dein Mann Heinz-Jürgen, damit vor? Nur eine eigene Bibliothek oder auch literatur-wissenschaftliche Forschung?

Marianne Ehrig:
Um die Literatur als Wissenschaft ist es uns nie gegangen - keinem von uns. Das ist bei diesem Genre auch ein grundsätzlich falscher Ansatz. Für einen guten SF-Roman braucht es mehr als einen fein gedrechselten Text - da geht's um wissenschaftliche Plausibilität. Und es geht um Themen und um die Art und Weise, ob und wie ein Autor das alles in einen Bezug zu unserer heutigen Realität bringt, denn sonst hängt so eine Geschichte als bedeutungslose Wort-Wolke in der Luft herum. SF-Autoren brauchen eine gute Allgemeinbildung, vor allem in Sachen Naturwissenschaft. Und für SF-Leser gilt das auch, denn sonst könnten sie viele gute Romane und Stories gar nicht verstehen. Darum tut sich die Literaturkritik mit der Science Fiction so schwer. Ein Literaturkritiker schaut auf Dinge wie Wortschatz und Satzbau und die Feinheiten des Textes. Und wenn er bestimmte Dinge nicht weiß, kann's ihm passieren, daß er eine begeisterte Kritik zu einem Roman schreibt, den ein SF-Leser verächtlich in die Ecke schmeißt, weil das Ding von vorne bis hinten einfach nicht stimmt.
Was mich betrifft, so bin ich mit Leib und Seele Autorin - ich habe nicht mal genug Zeit, meine eigenen Geschichten zu schreiben. Da werde ich mich nicht auch noch hinsetzen und anderer Leute Texte aus literarischer Sicht analysieren.

Erik Schreiber:
Wenn wissenschaftliche Forschung, wo sollte der Schwerpunkt liegen?

Marianne Ehrig:
Meinen Mann interessierten die Zusammenhänge zwischen dem, was die Autoren in ihrer Phantasie erfanden, dem, was die Gesellschaft lebte, und dem, was die Politiker taten. Es war vor allem die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, mit der er sich intensiv beschäftigte. Er hat mehrere Vorträge zu diesem Thema gehalten und geschrieben. Er wollte sie als BÄRZIN-Sonderdrucke herausbringen. Vielleicht finde ich irgendwann mal die Zeit, das nachzuholen.

Erik Schreiber:
Hast Du Dir schon Gedanken gemacht, was nach dem Katalog kommt? Irgendwann wirst Du fertig sein und dann?

Marianne Ehrig:
Ach du Schreck: Wenn's doch bloß schon so weit wäre! Jenseits der Sammlung gibt es eine ganze Welt voller Wunder - für die hätte ich gerne sehr viel mehr Zeit.

Erik Schreiber:
Du bist selbst Autorin. Schreibst Du noch? Im Bereich der Phantastik?

Marianne Ehrig:
Phantastik ist nicht meine Schiene - ich bin eine reine SF-Autorin. Ja, ich schreibe. Auf meiner Website veröffentliche ich in Fortsetzungen meinen Roman "Ogawas Perlen", und in meinem Hirn schwirren mehr Geschichten herum, als ich jemals werde schreiben können - ich habe einfach zu viel Zeit verloren. Erst hatte ich für meine Familie zu sorgen, acht Jahre lang meine schwerkranke Schwiegermutter zu pflegen, dann meinem Mann über die Folgen eines sehr schweren Herzinfarkts hinwegzuhelfen, und dann kauften wir dieses riesige Haus, in dem es unendlich viel zu tun gab (und immer noch gibt) - es blieb nie genug Zeit. Und das wird sich auch erst mal kaum ändern, fürchte ich.

Erik Schreiber:
Demnach werden Deine eigenen Werke ebenfalls im Katalog aufgenommen. Wie fühlst Du Dich, wenn Du daran denkst?

Marianne Ehrig:
Das ist nichts Besonderes. In der Sammlung behandele ich meine Romane wie alle anderen auch.

Erik Schreiber:
Über einhundert Regalmeter geschriebene Phantastik. Findest Du darin Bücher, die Du nicht erwartet hast? Ich bin sicher, mal abgesehen von einem Umzug, hast Du nicht jedes Buch in der Hand gehabt.

Marianne Ehrig:
Genauer gesagt: Es sind rund 570 Regalmeter allein für die Bücher und Hefte im großen Saal. Aber dann gibt es da ja auch noch die Nebenräume mit den Jahrbüchern, Monatsbänden, Magazinen und Zeitschriften, von den Comics ganz zu schweigen, sowie die Video-Cassetten, die Filmprogramme, die Fanzines und so weiter. Und ich habe noch ein paar Regale mit Büchern, die noch gar nicht darauf abgeklopft sind, ob sie einschlägig sind oder nicht - ja, man könnte durchaus sagen, dass da noch ein paar Überraschungen drinstecken. Beim Scannen der Titelbilder und insbesondere der Rückseiten entdecke ich oft Bücher, die ich sehr gerne mal lesen würde. Leider kann ich mir das aber nicht erlauben - keine Zeit. Meine Mutter sagte mal, ich sei der einzige ihr bekannte Mensch, der einen ganzen Eimer Kirschen entsteinen kann, ohne auch nur eine einzige davon zu essen: Ich konzentriere mich vollständig auf die Arbeit, die ich gerade vor mir habe. Anders könnte ich den Katalog nicht erstellen. Ich kann die Bücher nur entweder aufnehmen oder lesen - beides zusammen geht eben nicht.

Erik Schreiber:
Gibt es Sammlungsschwerpunkte? Wenn ja welche?

Marianne Ehrig:
Ein Schwerpunkt war für meinen Mann die Vorkriegsliteratur - siehe geplante wissenschaftliche Arbeiten. Ein zweiter Schwerpunkt war die Sammlung von Videomitschnitten - wir wohnten in Berlin, und ich habe seit dem bewussten 9.5.1979 nach Möglichkeit jede einschlägige Sendung aufgezeichnet. Anfangs hatten wir 5 Sender: ARD, ZDF, Nord III, DDR und DDR II. Ab 1984 nahmen wir an einem Kabel-Pilot-Projekt teil, da wurde das Video-Sammeln zum 24-Stunden-Job. Aus heutiger Sicht sind natürlich in erster Linie die Fernsehproduktionen interessant und dort erstens alles, was ich über die DDR-Sender bekam, und zweitens die Dokumentationen, Interviews und sonstigen Berichte. Die von den DDR-Sendern aufgenommenen Beiträge bereiten mir ganz besondere Magenschmerzen, denn sie wurden alle im Ost-SECAM-Format ausgestrahlt. Ich habe im Moment noch keine Möglichkeit gefunden, sie zu konvertieren.

Erik Schreiber:
Auf den acht CDs sind 14.909 Titelbilder mit knapp 4 GB Speicherkapazität. Das sind sehr viele Bilder. Welche Endzahl erwartest Du? Wirst Du dann einen Bilderdienst gründen und mit dem Verkauf der Nutzungsrechte ähnlich wie Getty Images und andere arbeiten?

Marianne Ehrig:
Die Rechte der Bilder liegen selbstverständlich alle bei den Verlagen, den Agenturen und den Künstlern, je nachdem, wer da der aktuelle Inhaber der Rechte ist. Es sind Bildzitate, die innerhalb einer wissenschaftlichen Dokumentation (und das
ist der Bestandskatalog) erlaubt sind. Jede weitere Nutzung ist schon aus rein rechtlichen Gründen ausgeschlossen.
Ich werde am Ende (allein für die große Bibliothek) auf 80.000 bis 100.000 Abbildungen kommen.

30.6.2008:

Aus und vorbei? Der Tod eines ehrgeizigen Projektes?

Eines möchte ich ohne jede Eitelkeit feststellen: Dieser Katalog ist ein phantastisches und einzigartiges Projekt - ich habe nirgends im Netz etwas Vergleichbares gefunden. Und darum dachte ich in meiner Naivität, dass er sich auch gut verkaufen würde. Als ich das Ganze plante, habe ich mir eine Liste der potentiellen Abnehmer zusammengestellt und kam auf ca. 100. Ich zog ein paar Seilschaften ab, von denen mir klar war, dass man es dort nicht so genau nehmen würde, und dachte an 75-80 Abonnenten. Vorsichtshalber rechnete ich mit 50. Gekriegt habe ich 21. (Unter denen von meinen eigentlichen heißen Kandidaten nur ganz wenige zu finden sind.)
Schon seit einiger Zeit fiel mir auf, dass kurz vor Erscheinen eines Bandes alle möglichen Leute auf die Startseite des Katalogs gingen, um nachzusehen, ob nicht endlich der nächste Band im Anrollen war. Band 7 ließ ungewöhnlich lange auf sich warten - die Ungeduld stieg, und mit ihr stiegen die Besucherzahlen. An dem Tag, an dem ich ihn endlich im Netz ankündigen konnte, waren es 120, die mal nachguckten. Bei nur 21 Abonnenten. Merkwürdig, nicht wahr? Nun hat meine Statistik noch ein paar andere kleine Hilfsmittel zu bieten: eine geographische Übersicht z. B. Und siehe da: In diesen letzten Tagen vor Erscheinen des Bandes zeigten sich gewisse Hot-Spots. Die verglich ich mal spaßeshalber mit meiner niedlichen kleinen Kundenkartei, und plötzlich ergab das ganze verdammte Puzzle einen Sinn. Diese vielen kleinen Ungereimtheiten. Leute, die ich überhaupt nicht kannte, stellten mir Fragen und gaben mir Antworten, die sich auf den Katalog bezogen, fragten gezielt und detailliert nach Büchern und Heften, von denen sie gar nicht wissen konnten, dass ich sie habe usw. Kurz und schlecht: Mir wurde klar, dass mir längst eine wirklich beeindruckende Schwarzbetrüger-Gemeinde an den Hacken klebte.
Jeder wird sagen: "Ich habe nichts getan - nichts kopiert, nichts gescannt, nichts weitergegeben." Stimmt leider nur bei einigen - das steht fest. Wie das im Einzelnen abläuft, ist mir auch völlig wurscht. Oft geht es sicher nur um eine Gefälligkeitskopie. Aber: Sowas machte man früher per Fotokopierer - da wurden die Kopien von den Kopien von Generation zu Generation schlechter und schließlich unleserlich. Heute scannt man das Heft und brennt es samt den Bildern auf eine CD. Die lässt sich dann beliebig oft und ohne jeden Qualitätsverlust vervielfältigen. Die lässt sich dann beliebig oft und ohne jeden Qualitätsverlust vervielfältigen. Mancher hat es wahrscheinlich selbst gar nicht mitgekriegt, hat den Katalog an einen guten Kumpel verborgt, der auch sammelt, oder an einen Bibliographen, der bloß ein paar ganz bestimmte Daten braucht. Der schmeißt den Katalog zu Hause auf seinen Scanner, und beim nächsten Arbeitstreffen bringt er seinen Freunden was Schönes mit.
Hier liegt die Gefahr: Jede einzelne Kopie ist der Beginn einer Kette, von der sich weder vorhersagen noch nachvollziehen lässt, wohin sie führt, wie oft sie sich verzweigt, wieviele Kopien wo und bei wem landen: Es ist unkontrollierbar.
Nur eines ist zu 100% sicher: Keiner, der den Katalog auf diese Weise umsonst bekommt, wird hingehen und ihn bei mir bestellen!
Das bedeutet: Wenn nicht jeder Einzelne mitdenkt und den Mumm hat, auch zu einem noch so guten Freund, zu einem noch so wichtigen Professor und anderen netten, lieben, wichtigen Leuten mal "nein" zu sagen, ist es unkontrollierbar.
Nach Meinung mancher Leute sind bibliographische Arbeiten grundsätzlich umsonst und nur um der Ehre willen zu leisten. Damit bin ich auch grundsätzlich einverstanden, wenn man es als Freizeitbeschäftigung betreibt, als Hobby, das in erster Linie Spaß macht - mal ein Stündchen vor dem Schlafengehen und ab und zu ein Wochenende. Mache ich mit meiner Homepage: Steckt auch viel Arbeit drin, aber das ist mein Privatvergnügen. Mit dem Katalog ist es etwas ganz anderes: An dem arbeite ich täglich 10-16 Stunden, Pfingsten, Weihnachten und eigener Geburtstag inbegriffen. Ich komme praktisch zu nichts anderem mehr. Warum ich mir das antue? Ganz einfach: Ich hatte gehofft, mit den Einnahmen den Erhalt der Sammlung sichern zu können. Dieses ganze Zeug beansprucht nämlich eine Menge umbauten Raum, und schon der allein kostet Geld in Form von ziemlich hohen Grundsteuern. Die Fenster im großen Saal sind alt und morsch, für den Winter brauche ich Öl, und über das Dach und einige andere Gefahrenpunkte darf ich gar nicht erst nachdenken!
Und darum: Auch wenn es in diesen erlauchten Kreisen verpönt ist - reden wir mal vom Geld. 21 Abonnenten x 7 Heftnummern x 20 Euro, das sind 2940 Euro (brutto, ohne Materialkosten usw.) für ziemlich genau ein Jahr harter Arbeit. Macht 245 Euro im Monat - toll!!! Dabei sind die viereinhalb Jahre Vorarbeit noch gar nicht berücksichtigt (da wäre ich dann bei knapp 45 Euro pro Monat). Bei Band 7 habe ich Aufzeichnungen geführt: zwei Monate Arbeit zu knapp 60 Cent die Stunde (würde ich da die viereinhalb Jahre Vorarbeit reinrechnen, käme ich auf Geld in homöpathischen Dosen).
Anfangs lebte ich ja noch mit der Hoffnung, dass das Ganze sich erst etablieren und herumsprechen muss und es (noch) an wirksamer Werbung fehlt. Aber diese 120 Leute, die meine Webseite besuchen, legen den Schluss nahe, dass mein Katalog die ursprünglich von mir angepeilte Auflagenhöhe längst nicht nur erreicht, sondern sogar überschritten hat - wahrscheinlich noch viel weiter, als diese Zahl suggeriert, denn nicht alle schauen (noch dazu am selben Tag) ins Internet. Die Dunkelziffer ist nahezu beliebig. Hätten diese 120 meinen Katalog bestellt und bezahlt - wenn ich daran denke, könnte ich die Wände hochgehen! Einen ganzen Winter lang habe ich mangels Geld für Heizöl mit drei Pullovern und zwei Jacken übereinander bei Frostbremse gelebt, ein ganzes Jahr meines Lebens an Spaß, Freude und Freizeit verloren, weil für nichts Geld und Zeit da war. Und das alles für eine Rotte von Schmarotzern, die meinen Katalog ohne Rücksicht auf Verluste kopieren, scannen und brennen! Nein, meine Herren: o nicht - nicht mehr und nicht wieder!
Ich stelle den Katalog ein. Es gibt noch einen Band, Band 8 - danach ist Schluss.

Ob sich noch etwas ändern ließe? Klar! Würden jetzt Dutzende von Bestellungen eintreffen, würde ich weitermachen! Übertriebenen Stolz kann ich mir aus finanziellen Gründen nicht erlauben. Ansonsten mache ich hier die Schotten dicht und mutiere zum Antiquariat - zur Hölle mit der Sammlung, wenn sie mir doch nichts weiter einbringt als Ärger, Sorgen und eine eiskalte Bude!

Jetzt seid ihr dran. Wenn nichts passiert, heißt es hiermit:
Aus und vorbei.

Schade drum - es hätte etwas Großes daraus werden können!

Erik Schreiber:
Seit dem einleitenden Text, der vom 25.08.2007 stammt, und dem Bücherbrief ist genau ein Jahr vergangen. Die Entwicklung ist nicht so verlaufen, wie Du es Dir erhofftest. Den Grund konnten wir auch lesen. Ist es nun das AUS für ein ehrgeiziges Projekt?

Marianne Ehrig:
Das bleibt abzuwarten.

Erik Schreiber:
Für eine Weiterführung wolltest Du einhundert Abonnenten. Auf verschiedenen Internetseiten und Publikationen wurde auf das Projekt hingewiesen. Ich nehme an, die Einhundert kamen nicht zusammen?

Marianne Ehrig - diese Antwort stammt vom 1.10.08:
Das Projekt mit den 100 Abonnenten ist noch längst nicht beendet. Da haben sich eine ganze Reihe von Leuten in wunderbarer Weise engagiert, und wir werden gemeinsam weiterwerben. Wir sind jetzt aktuell bei 58 Abos - es fehlen noch 42. Es geht nicht mehr so schnell voran wie am Beginn, aber das war zu erwarten. Dank Frank Böhmert, Kevin Heinen und Michael Haitel stehen zwei schöne Flyer zur Verfügung - dank der Aktivitäten vieler engagierter Leute sind wir damit auch weiterhin sowohl im Internet als auch auf vielen der noch ausstehenden Cons präsent. Es werden sicher noch einige Abos hinzukommen.
Aber inzwischen habe ich fast drei Monate lang praktisch rund um die Uhr an dem 100-Abonnenten-Projekt gearbeitet und werde nun ein wenig müde - das ergibt sich so, wenn man lange genug Kopf voran gegen Wände rennt. Ich habe zeitweise zehn bis zwanzig Mails pro Nacht rausgejagt und oft nicht einmal eine Antwort bekommen. Am zurückhaltendsten sind Bibliographen und andere, durchaus prominente Leute, die den Katalog eigentlich schon aus beruflichen Gründen durchaus brauchen könnten. Aber sie meinen eben, darauf verzichten zu können und/oder durch die horrenden Kosten von zehn Euro pro Monat (bei einem zweimonatlichen Abo) in finanzelle Schwierigkeiten zu geraten. Gut, ich respektiere das.
Andererseits kommt trotz all der Arbeit im Moment kaum Geld herein, und dabei steht der Winter vor der Tür, haufenweise finanziell bedingte Probleme im Gepäck. Darum habe ich beschlossen, diese wilde Werbephase zu beenden.
Ich beginne mit der Arbeit an Band 9 und beschäftige mich wieder mit einigen anderen Projekten, die auf Eis lagen, seit ich mit dem Katalog begonnen habe. Und vor allem: Ich nehme mir endlich wieder Zeit zum Schreiben! Das bedeutet natürlich, dass es mit dem Katalog nicht so schnell vorangeht, wie es am Anfang der Fall war, aber: Es geht weiter. Es sei denn, meine Abonauten verkrümeln sich einer nach dem anderen.

Erik Schreiber:
Steht Deine "Drohung", alles zu verkaufen und zu einem Antiquariat zu werden, immer noch im Raum? Dann würdest Du am Katalog weiterarbeiten, nur diesmal mit der Vorgabe, einen Verkaufskatalog herauszugeben. Der einzige Unterschied ist, dass dann überall der Zustand dabei stehen würde plus Verkaufspreis.

Marianne Ehrig:
(lacht laut und herzhaft) Wer auf so etwas hofft und sich denkt, dass er sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, wenn er den Katalog boykottiert, der irrt sich aber mächtig gewaltig! Natürlich werde ich einiges verkaufen müssen, um die Sammlung trotz der geringen Zahl an Abonnenten über die Runden zu bringen. Aber ich würde doch niemals alles verkaufen! Ich werde z. B. darüber nachdenken, ob ich von dem einen oder anderen berühmten Roman wirklich alle fünfzehn Ausgaben brauche, und manch superteures Buch muss ich nicht unbedingt als Original herumstehen haben, wenn es auch einen Nachdruck oder eine Taschenbuch-Ausgabe davon gibt. Ich habe z. B. schon ganz am Anfang die schönen teuren Bücher aus der Reihe "Bibliothek des Hauses Usher" vom Insel-Verlag verkauft - ich hab die Texte alle nur noch als Suhrkamp-Taschenbücher.
Auf jeden Fall werde ich auch weiterhin alles dokumentieren und aufnehmen. Unersetzliche Texte, also Bücher und Hefte, die nicht oder nur zu horrenden Preisen zu kriegen sind, von denen es auch keine Nachdrucke gibt oder denen im Zuge zeitgemäßer Bearbeitung allzuviel abhanden kam, werden nicht verlorengehen. Ich werde sie einscannen, und wenn sie raus sind aus dem Urheberschutz, werden diese für den normalen SF-Fan nahezu unerreichbaren Bücher dann in Form preiswerter CDs zur Verfügung stehen. Ich denke, das ist ein sehr guter Weg, speziell solch seltenen Texten zurück in die Welt zu helfen.

Erik Schreiber:
Möchtest Du noch ein paar Anmerkungen, Danksagungen oder Ähnliches loswerden?

Marianne Ehrig:
Ich möchte allen danken, die mir bei meinem Projekt helfen, die für mich werben und mir den Rücken stärken. Das betrifft mittlerweile so viele Leute, dass der Versuch, alle Namen zu nennen, unweigerlich dazu führen würde, dass ich jemanden vergesse und ihm damit Unrecht zufüge. Es sind einfach so viele - ich hätte nie mit einem solchen Echo gerechnet. Ich bin überwältigt, glücklich und stolz. Ich danke euch allen von ganzem Herzen!

Netzwerk:
www.villa-galactica.de
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Anmerkung der Redaktion:
Mittlerweile wird der Katalog von Frau Ehrig weitergeführt - mit der Hoffnung, das alle Zusagen an Bestellungen und Abonnements so umgesetzt werden wie angekündigt. Das bedeutet, das ihr auch weiterhin aufgerufen seid, dieses einzigartige Projekt zu unterstützen. fictionfantasy.de wird seinen Teil hierzu beitragen!

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