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das Ich

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Titel: das Ich
Originaltitel: ~
Autoren: Anne Delseit, Markus Heitz, Bruno Kramm, Rebecca Jeltsch
Übersetzung: ~
Zeichnungen: Rebecca Jeltsch
Buch/Verlagsdaten: Droemer Knaur (Mai 2010), Taschenbuch, 144 Seiten, 6.95 EUR, ISBN: 978-3-426-53001-6

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor
(weitere Rezensionen von Judith Gor auf fictionfantasy findet man hier oder auf ihrer Webseite www.literatopia.de)

Klappentext:
In den Kurzgeschichten »Koma « und »Erwachen « verlieren sich die Protagonisten Christan und Soscha immer mehr in den surrealen Welten ihrer eigenen Persönlichkeit. Und an jedem Abgrund wohnen drei rätselhafte Gestalten den Ereignissen bei. Mit ästhetischen Bildern von Manga-Künstlerin Rebecca Jeltsch.

„Koma“ von Rebecca Jeltsch und Anne Delseit beginnt in einem verwahrlosten Zimmer. Der Protagonist Christian quält sich aus dem Bett und muss erschreckt feststellen, dass ihm der Stoff ausgegangen ist. Übel gelaunt bricht er zur Arbeit auf, schirmt sich mit seinem MP3-Player von der Außenwelt ab und realisiert zunächst nicht, dass dunkle Schatten nach ihm greifen. Mit jedem weiteren Schritt zerfällt seine Realität und Christian gerät in einen Alptraum, in dem er nicht mehr weiß, was wirklich passiert und was sein verwirrtes Gehirn ihm vorgaukelt Die erste Geschichte in „das Ich“ kommt mit erstaunlich wenig Text aus. Hier und da finden sich Gedankenfetzen oder auch mürrische Bemerkungen in vereinzelten Sprechblasen. Man sollte sich jedoch Zeit nehmen, die Bilder zu betrachten, sonst könnte einem so manches Detail entgehen. Die Bilder sind mangatypisch weitgehend schwarzweiß gehalten und überzeugen mit vielen Schattierungen und einem guten Stil. Man sieht einen deutlichen Unterschied zu japanischen Mangas, was aber überhaupt nicht negativ auffällt. Im Gegenteil: Es macht ohnehin viel mehr Sinn, etwas Eigenes zu kreieren, und das ist hier auf jeden Fall gelungen.

Die Kurzgeschichte „Erwachen“ stammt aus der Feder von Markus Heitz und wurde mit Bildern von Rebecca Jeltsch illustriert. Die Protagonistin Soscha findet sich in ihrer alten Schule wieder und wird mit bösen Erinnerungen konfrontiert. Was anfangs nur merkwürdig wirkt, entpuppt sich bald als blankes Horrorszenario, in dem Soscha unmenschliche Qualen erleidet und unter den Augen von drei unheimlichen Ärzten viele Tode stirbt. Als sie endlich aufwacht, hört der Alptraum jedoch nicht auf. Sie erkennt die Ärzte wieder und begreift, dass sie fliehen muss. Doch die Welt draußen ist ebenso irreal wie ihr Traum
Anfangs arbeitet „Erwachen“ mit gängigen Klischees. Da wäre einmal die alte Schule mit ihren schlechten Kindheitserinnerungen - und auch Krankenhäuser begegnen dem Leser in vielen Geschichten dieser Art. Man meint sogar, den Verlauf der Story recht schnell durchschaut zu haben. Doch dann gelingt Markus Heitz eine unerwartete und überaus interessante Auflösung. Geschickt verknüpft er die Traumerlebnisse mit der Realität und zeigt dem Leser Soscha aus einem ganz neuen Blickwinkel.

„das Ich“ ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Die erste Geschichte schafft es, beinahe nur von ihren Bildern zu leben, während die zweite mit einer auffälligen Mischung aus Text und Zeichnungen den Leser in ihren Bann zieht. „Erwachen“ liest sich ziemlich intensiv - nicht nur durch die Bilder, die Markus Heitz mit seinen Worten heraufbeschwört, sondern auch durch Rebecca Jeltschs Zeichnungen, die den Text wunderbar unterstützen ohne zu viel von der Phantasie des Lesers wegzunehmen. Beide Geschichten spielen mit Traum und Realität, mit Wahn und gesundem Menschenverstand. Vor allem Soschas Handlungen sind im Rahmen des alptraumhaften Szenarios stellenweise sehr gut nachvollziehbar. Und dann passieren Dinge, denen der Leser jedweden Wahrheitsgehalt abspricht. Es gelingt den Autoren, den Leser zu verwirren und ihn wie die Protagonisten in einer Welt zwischen Illusion und Wirklichkeit straucheln zu lassen - „Erwachen“ ist allerdings deutlich besser als „Koma“. Die erste Geschichte lebt zu sehr von den Zeichnungen und vernachlässigt dabei die Finesse in der Handlung.

Die Charaktere bieten relativ wenig Identifikationsmöglichkeiten mit der Leserschaft, dafür aber ein interessantes, psychologisches Profil. Christians Horrortrip wird im Kopf des Lesers lebendig - wirklich innovativ ist die Geschichte allerdings nicht. Der Protagonist wirkt wie der typische Junkie, der den Bezug zur Realität verloren hat. Diese Rolle spielt er gut, wird aber von Soscha eindeutig ausgestochen. Die Abgründe, die sich während „Erwachen“ in der Psyche der Protagonistin auftun, sind gleichermaßen erschreckend und faszinierend. Markus Heitz versteht es wunderbar, die Gedanken der verzweifelten und nicht ungefährlichen Frau darzulegen. Ihre Verwirrung wird für den Leser regelrecht greifbar, und wo man während der Geschichte noch mitfühlt, bleibt am Ende ein fader Beigeschmack zurück. Am Ende des Buches hat man zwei Innenwelten bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen dürften.

Die einzige Konstante und gleichzeitig die Verknüpfung beider Geschichten ist Das Ich. Die Bandmitglieder tauchen immer wieder auf und ängstigen die Protagonisten. Manchmal erscheinen sie wie ein Anker zur Realität, manchmal scheinen sie gerade diejenigen zu sein, die den Alptraum heraufbeschworen haben. Das Einbringen von Personen einer real existierenden Band erweist sich als tolle Idee, die in „das Ich“ wunderbar umgesetzt wurde. Thematisch harmoniert das Buch zudem hervorragend mit der Musik der Band und dürfte daher deren Fans sehr gut gefallen. Aber auch jene, die Das Ich noch nicht kennen sollten, können durchaus ihre Freude an diesem Buch haben - und werden sich wohl für die Musik interessieren, wenn ihnen „das Ich“ gefallen hat. Der düsteren Atmosphäre der Musik von Das Ich wird dieses Buch gerecht, rein sprachlich sind die Texte der Band jedoch plastischer und vielschichtiger.

Knaur präsentiert „das Ich“ im passenden Mangaformat - einziger Unterschied: Das Taschenbuch wird nicht von hinten nach vorne gelesen, sondern auf gewohnt westliche Art. Das Cover mit dem düsteren Gesicht fällt sofort ins Auge und dürfte so manchen zum Kauf verführen, wobei man preislich nicht meckern kann. Andere Mangas sind auch nicht günstiger. Und der Inhalt macht die relativ wenigen Seiten mehr als wett. Zusätzlich gibt es schön gestaltete Infoseiten zu den vier Autoren und Das Ich.

Fazit:
„das Ich“ bietet eine außergewöhnliche Mischung aus Manga und Kurzgeschichte und fasziniert vor allem durch das horrorartige Spiel mit Traum und Wirklichkeit. In erschreckenden Bildern wird die Psyche der Protagonisten offengelegt und der Leser in ihren Wahn gestürzt.

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