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Crash / Die Betoninsel / Der Block

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Titel: Crash / Die Betoninsel / Der Block
Autor: James Graham Ballard
Originaltitel: Crash (1973)
Übersetzt: Joachim Körber
Originaltitel: Concrete Island (1973)
Übersetzt: Walter Brumm
Originaltitel: High-Rise (1975)
Übersetzt: Walter Brumm
Buch/Verlagsdaten: Area Verlag 794 Seiten

Eine Besprechung / Rezension von Erik Schreiber
(weitere Rezensionen von Erik Schreiber auf fictionfantasy findet man hier)

Crash
In Crash geht es um den Fernsehmoderator Vaughan. Er erliegt einem vierrädrigen Zerstörungstrieb, der ihn gleichzeitig zu höchster Stimulation führt. Mit seiner Frau Catherine kann er seine ausschweifenden erotischen Phantasien voll ausleben. Doch bleibt es nicht nur bei diesen. Auch mit Helen und Gabrielle kann er sich in ein, im doppelten Sinn des Wortes, Verkehrschaos stürzen.
Die Liebe des Menschen zu seinem Automobil, dem berauschenden Gefühl der Beschleunigung, dem Geruch nach Chrom und Leder eines neuen Autos, all dies zeigt uns Ballard sehr eindringlich und findet in Vaughan seine Personifizierung. Catherine und James Vaughan stehen auf dem Balkon eines Hochhauses und geilen sich an den erotischen Phantasien des anderen auf.
Dann kommt der Moment, der all seine Wünsche wirklich werden lässt. Nach einem Verkehrsunall, bei dem der Fahrer des entgegenkommenden Wagens getötet wird, trifft er auf Helen Remington. Er trifft sie nicht nur hier, sondern auch an anderen Plätzen wieder und hat mit ihr einen heftigen Liebesakt. Sie ist es auch, die ihn in eine Gruppe von Menschen einführt, die sich an Autounfällen ergötzen. Zuerst wird er nur Zeuge, dann jedoch aktives Mitglied, deren Neigung zu Autounfällen wie Aufputschmittel und Sexlockstoff zugleich wirken. Auch seine Frau Catherine schliesst sich dieser seltsamen Gruppe an.

Die Betoninsel
Architekt Robert Maitland erleidet einen Verkehrsunfall, weil sein Jaguar einen geplatzten Reifen sein eigen nennt. Der Wagen rast die Böschung herunter und dient in keinster Weise mehr der Fortbewegung. Er kann sich zwar aus dem Auto befreien und zurück zum Strassenrand gelangen, um einiges tiefer als der eigentliche Strassenrand, wird dort aber von jedem vorbeifahrenden Autorfahrer nicht beachtet.
Der dichte Verkehr scheint ihn innerhalb dieses Niemandslandes gefangen zu halten. Damit ist er nicht in der Lage, die von Autobahnen eingeschlossene Insel eines Autobahndreiecks, zu verlassen, die Autobahn als solche nicht zu überqueren. Robert Maitland hat zudem sein Leben so eingerichtet, dass ihn niemand vermisst. Weder Ehefrau noch Geliebte werden sich einige zeitlang um ihn sorgen. Bei seinem ersten Versuch, die Autobahn zu überqueren wird er schwer verletzt. Mit Fieber, Hunger und Durst ist er nun völlig auf sich allein gestellt. Gerade als er sich der Hoffnungslosigkeit hingibt, nie wieder aus diesem offenen Vollzug aubrechen zu können, trifft er auf zwei weitere Leidensgenossen.
Da sind der Zirkusartist und die Aussteigerin, die beide erst einmal von Robert Maitland angewiedert sind. Nach anfänglichem Misstrauen nehmen sie ihn jedoch in ihrer kleinen Gemeinschaft auf. Und als sich später Robert Maitland, trotz aller Verletzungen, körperlicher wie seelischer Natur, die Möglichkeit bietet, die Insel zu verlassen, entschliesst er sich gegen alle Vernunft, zu bleiben. Er ist plötzlich zufrieden mit seinem Zustand einer gewissen Hoffnungslosigkeit und entwickelt sich so zu einem modernen Robinson Crusoe, wie ihn Daniel Dafoe nicht besser beschreiben könnte.

Der Block

Der Handlungsplatz in dieser Erzählung ist ein Hochhauskomplex. Hier finden sich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten in einem streng abgeschlossenen Gebilde. Diese Zusammenkunft bildet das Ergebnis der unterschiedlichsten und vielfältigsten Verhaltensmuster des Menschen. So beginnt die Erzählung damit, dass ein Mann berichtet, wie es dazu kommt, dass eine explodierende Sektflasche zu solchem Verhalten der Anlass ist, in dem sich der Mensch gegenseitig an die Gurgel geht.
Der Block ist ein vierzigstöckiger Hochhauskomplex und bildet für sich eine eigene Kleinstadt. Abgeschottet von den anderen Komplexen und Stadtteilen. Die Ordnung in dieser zu Beginn heilen Welt zerbricht an Nebensächlichkeiten. Die Unstimmigkeiten führen dazu, den Urzustand des Chaos wieder herzustellen. Als Doktor Robert Laing nach der Scheidung von seiner Frau in das teure Luxusapartement zieht, glaubt er, das zu Besitzen, was er sich immer schon vorstellte. Der Wohnkomfort ist gegeben, das Haus steht in einem kleinen, abgeschlossenene Park. Der Lärm und die Abgase der eigentlichen Grossstadt werden herausgefiltert und schirmen das Gebäude ab. Überall wohnen gut verdienende und wohlerzogene Menschen. Sie alle schätzen die eigene Zurückgezogenheit, sowie den gepflegten, zivilisierten Umgang miteinander.
Mit Laings Einzug in die letzte freie Wohnung macht sich unter den Bewohnern eine seltsame Gereitztheit breit, die sich auf den ganzen Block ausdehnt. Angefangen mit kleinen Sachbeschädigungen, hitzigen Wortwechseln und ähnlichem mehr, fällt der Mantel der Zivilisation zu Boden. Es entwickeln sich so etrwas wie Stammesfehden zwischen den Etagen, der Fall in die Barbarei ist die Folge. Und alle Beteiligten verspüren eine gewisse Lust am Niedergang.

James Graham Ballard stellt für mich als Leser eine Herausforderung dar. Er zählt für mich zu den Schriftstellern, die eigentlich alles schreiben können. Seine als Science Fiction erklärten Romane sind, wie seine als Horror bezeichneten Romane, keine leicht zu lesende Literatur. Seine erdachten Welten beziehen sich jedoch sehr eindringlich auf die bestehende Gegenwart, so dass ich ihn lieber als einen Autor sehe, der Spannungsromane schreibt.
Bei ihm werden nie Raumschiffe oder Zeitreisen, Monster oder monströse Wesen eingesetzt, die Probleme der Handlungsträger sind hausgemacht. Ballards Stärke ist die Beschreibung seiner Handlungsträger. Für ihn ist es immer wichtig, die seelische Belastbarkeit auszutesten, die Handlungsweisen in ungewöhnlichen Begebenheiten und Unglücken zu erfahren und aufzuzeigen.
Der Schwerpunkt seiner Erzählungen in diesem Band liegt bei der einzelnen Person des Handlungsträgers. Wie handelt er, was sind seine Motivation, was fesselnd ihn. Warum beschäftigt sich der Fernsehmacher Vaughan in Crash nur mit Autounfällen? Was steckt hinter dieser sexuell gesteigerten Erregung? Warum wird der Liebesakt an sich auf das Niveau einer intensiven Autofahrt heruntergefahren, oder umgekehrt emporgehoben? Der Mensch an sich erfindet Maschinen, damit er den Grenzen des eigenen Körpers neue Weite geben kann. Stahl wird zu Muskeln, Chrome und Leder werden die neue Haut, der Steuerknüppel zur wahr gewordenen Potenzschleuder. Ballard beschreibt den Wagen an sich als Körper einer Geliebten und umgekehrt. Sex wird zum Treibstoff der Begierde, Angst vor dem Versagen wird zum Bremsklotz der Lust. Vor acht Jahren, 1996, wurde der Roman von David Cronenberg verfilmt und gewann in Canne den Prix Audace, den Preis für künstlerische Innovation und Waghalsigkeit. Erkannt als einer der wichtigsten Romane der Gegenwart, wird er bereits jetzt als ein Schlüsselroman bezeichnet. Lesenswert ist vor allem aber J. G. Ballards eigene Anmerkungen zu Crash.

In Die Betoninsel erfahren wir wieder die Strasse als Ort der Begegnung, gleichzeitig aber auch als einen sehr einsamen Platz. Was ich in einem Bilderwitz vor Jahrzehnten auf eine DIN A 4 Seite plaziert fand, treffe ich hier als ausgewachsene Erzählung wieder. In sehr eindringlicher Weise beschreibt der Schriftsteller die Entfremdung des Stadtmenschen Robert Maitland zum Naturmenschen Robert Maitland. Die Entfremdung von der Stadt geht einher mit der Entfremdung zur wartenden Familie. Die Familie wird zu einem Bild, einem Traum, dessen Eindrücke immer mehr verwischen. Ballard hinterlässt uns das erschreckende Bild eines einsamen Menschen, der zurückgeworfen wurde auf die Bedürfnisse eines naturverbundenen Mannes. Die einsame Insel im Ozean, auf der sich ein Gestrandeter retten konnte, wird hier zu einer Insel inmitten der Zivilisation, doch ohne Anschluss.

In Der Block zerfällt eine eingehaltene Ordnung durch plötzlich auftretende Unstimmigkeiten. Die mühsam aufrecht erhaltene "Zivilisation" wird zu einem Überlebenskampf, ähnlich hart wie in der freien Natur. Rudelverhalten und Einzelgängertum zerstören innerhalb kürzester Zeit das, was man als Zivilisation über Generationen hinweg aufbaute. Die scheinbar geordnete Welt in diesem Wohnblock zerfällt. Mühsam erarbeitete Regeln eines geordneten Miteinanders zerbrechen und werfen den Menschen zurück in die Barbarei der Frühgeschichte. Wieder bleibt ein nackter Mensch, bar jeder Zivilisation und Verhaltensregeln zurück. Selbst auferlegte Fesseln und einengende Regeln werden gebrochen. Die Tünche Zivilisation bröcket zugunsten eines rohen, wilden Menschenschlages, dessen wichtigstes Merkmal eines ist: ICH. Und wer gewisse Parallelen ziehen möchte sei auf Fernsehsendungen wie Big Brother hingewiesen.

James Graham Ballard gibt in keinem der drei Romane eine Lösung an den Leser weiter. Zurück bleibt ein bedrückter, nachdenklicher Leser. Ballard sticht mit dem Finger in die Wunde Zivilisation und statt einen Verband aufzulegen, dreht er den Finger schmerzhaft hin und her. Das wahrlich Erschreckende an seinen Romanen ist die Wirklichkeit, die gleich hinter der nächsten Seite auftaucht. Es ist keine Vorrausschau auf eventuell kommende Generationen und ihr auftretendes Verhaltensmuster. Nein, es ist der Spiegel der Gegenwart, der uns beklagenswerten Lesern und Leserinnen ungeschminkt vorgehalten wird.
Der Schriftsteller, der uns hier vorgestellt wird, zeigt uns aber auch, wie einfühlsam und beobachtend er ist. Messerscharf beobachtend beschreibt er was andere nicht sehen oder wahrhaben wollen. Ballard ist ein Kritiker, der seine Zukunftsgeschichten heute schreibt und die in Wahrheit keine sind. Und wenn schon als Science Fiction Autor abstempeln, dann als Vertreter einer "Inner Space". Viele seiner Novellen stellen Anti-Utopien und Weltuntergangsszenarien dar. Die Ursachen dafür sind dabei meist unwichtig und werden oft nicht näher genannt. Ballard konzentriert sich stattdessen auf die verfallene Gesellschaft im Zeichen des Untergangs. Ein wiederkehrender Leitgedanke ist die Auseinandersetzung zwischen den Möglichkeiten einer rücksichtslosen Einzigartigkeit und der Resttreue gegenüber den verbliebenen gesellschaftlichen Normen.

 

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