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Cocoon - Die Lichtfängerin

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cocoon lichtfaengerin

Reihe: Band 1
Titel: Cocoon - Die Lichtfängerin
Originaltitel: Crewel
Autor: Gennifer Albin
Übersetzer: Jakob Schmidt
Buch-/Verlagsdaten: Egmont INK (Oktober 2012), Hardcover mit Schutzumschlag, 356 Seiten, 17,99 EUR, ISBN: 978-3863960285

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor (Weitere Rezensionen von Judith Gor findet ihr hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Website www.literatopia.de)

Adelice kann das Gewebe der Welt sehen, die schimmernden Fäden, die alles miteinander verbinden. Die Materie, aus der alles in Arras besteht. Doch sie darf niemanden davon erzählen und sich schon gar nicht dabei erwischen lassen, wie sie das Gewebe manipuliert. Dann würde die Gilde kommen und sie zu einer Webjungfer machen. Sie würde ihre Familie nie wiedersehen. Bei den Prüfungen, die die Jugendlichen auf die Talente einer Webjungfer testen sollen, versucht Adelice absichtlich durchzufallen. Doch sie macht einen Fehler und verrät sich. Nach einem Fluchtversuch wird sie ihrer Familie gewaltsam entrissen, unter Drogen gesetzt und vor die Kameras der Stream-Teams gestellt. Alle sollen die neue Webjungfer bestaunen, die von nun an ein Leben mit Privilegien und im Reichtum führen wird – doch sie wird eine Gefangene sein und der Gilde ist jedes Mittel Recht, um Adelice‘ Widerstand zu brechen …

Arras ist eine friedliche Welt, in der jeder seinen zugewiesenen Platz hat und in der Mädchen und Jungen getrennt aufwachsen. Wer Kinder bekommen will, muss einen Antrag stellen. Essen wird rationiert und wessen Verhalten abweicht, wird „gesäubert“. Die Gilde der Zwölf kontrolliert mit Hilfe der Webjungfern alles: Das Wetter, Berufe, Gedanken. Wer als Webjungfer in Frage kommt, wird von der Gilde mitgenommen und muss in Reinheit leben, ohne Familie, ohne Ehemann, ohne die Chance auf Kinder. Doch die meisten erachten dieses Leben als Privileg, die Webjungfern bekommen wunderschöne Kleider und gelten geradezu als heilig. Doch sie werden Tag und Nacht kontrolliert, mit Geschenken und notfalls mit Gewalt gefügig gemacht. Wer flüchten will, wird getötet. Der Faden einfach entfernt. Adelice wehrt sich besonders stark, wird mehrmals in eine Zelle eingesperrt, gefoltert. Doch sie töten sie nicht, weil sie sie brauchen.

Gennifer Albin hat mit Arras eine unheimlich spannende Welt geschaffen, in der Fantasy- und Science Fiction-Elemente zu einer originellen Einheit verschmelzen. Das Talent der Webjungfern wirkt geradezu magisch, die Anlage des Konvents und verschiedene Sektoren beinahe altertümlich. Doch es gibt moderne Kommunikationstechniken, den Stream, der Nachrichten in alle Welt trägt und für die Wohlhabenden Komplants und Digiakten. Die Webstühle, an denen das Gewebe von Arras bearbeitet wird, sind groteske Maschinen, die an Steampunk erinnern. Die Welt von „Cocoon“ ist eigen und phantastisch – doch auch düster. Eine grausame Dystopie, in der Menschen einfach überschrieben werden können oder auch einfach aus dem Gefüge der Welt herausgerissen. Die Erinnerungen der Hinterbliebenen werden manipuliert, abweichendes Verhalten „repariert“ und ganze Sektoren umgestaltet.

Adelice ist eine starke Protagonistin, die sich mit ihrem Sarkasmus oft in Schwierigkeiten bringt, aber den Leser damit bestens unterhält. Sie muss diverse Schicksalsschläge ertragen, wird von der Gilde gedemütigt und benutzt, doch es gelingt ihr, den Kopf oben zu halten. Nicht aufzugeben und unentwegt nach einem Ausweg zu suchen. Ihr besonders Talent kommt ihr dabei zu Gute und innerhalb der Gilde findet sie schließlich Verbündete – und zwei junge Männer in verschiedenen Positionen, die ihr wohlgesonnen sind und um ihre Gunst werben. Für eine stürmische und kitschige Liebesgeschichte ist kein Platz in dieser Welt, doch nach und nach entwickelt Adelice Gefühle für beide Jungen, was Gennifer Albin einfühlsam und glaubwürdig schildert. Für junge Leser, die mehr Wert auf eine Liebesgeschichte als auf den dystopischen Hintergrund legen, könnte „Cocoon“ allerdings enttäuschend sein.

Je mehr man über Arras erfährt, umso unfassbarer erscheint einem diese Welt. Gennifer Albins Weltentwurf ist unheimlich komplex und zwischenzeitlich kommt man bei den phantastischen Erklärungen ins Straucheln. Die Idee mit den Fäden, die manipuliert werden können und dem Gewebe der Welt, das bearbeitet werden kann, ist dabei so originell, dass man über manch schwammige Erklärung hinwegsieht. „Cocoon“ bringt frischen Wind in den dystopischen Trend und wartet mit hellen Farben und reichlich Spannung auf. Die Story beginnt rasant, flacht in der Mitte aufgrund des hohen Erklärungsbedarfs etwas ab und wird am Ende wieder hochdramatisch. Es ist nicht leicht, sich diese eigenartige Welt Arras vorzustellen, doch gerade diese Komplexität macht „Cocoon“ auch für erwachsene Leser geeignet.

Das Hardcover von Egmont INK ist unter dem Umschlag farbig bedruckt und insgesamt einfach schön gestaltet. Das Cover mit seinen Lichtfarben passt wunderbar zur Geschichte, sieht aber auch etwas seltsam aus und gibt „Cocoon“ nicht wirklich als Dystopie zu erkennen. Auch der Klappentext klingt stark nach Fantasy und obwohl er die Geschichte treffend umreißt, fängt er nicht die allgegenwärtige Gefahr ein, die diesen Roman so bitter macht.


Fazit

„Cocoon - Die Lichtfängerin“ ist eine lichtfarbene Dystopie, die mit originellen Ideen und einer starken Protagonistin überrascht. Adelice überzeugt mit viel Herz und derbem Humor, während die allgegenwärtige Bedrohung reichlich Spannung garantiert. Ein wahrer Pageturner, kreativ und hochatmosphärisch! 4,5 von 5 Punkten.

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