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Blutmusik

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Serie / Zyklus: Meisterwerke der Science Ficiton
Titel: Blutmusik
Originaltitel: Blood Music
Autor: Greg Bear
Übersetzer: Ursula Kiausch
Verlag: Heyne, 428 Seiten, ISBN 978-3453523654

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor
(weitere Rezensionen von Judith Gor auf fictionfantasy findet man hier oder auf ihrer Webseite www.literatopia.de)

"Der Biochemiker Vergil Ulam ist ein Genie seines Fachs. Sein Ziel ist die Erzeugung „intelligenter“ Lebensformen aus Bakterien. Doch als ihm die Firmenleitung seine Experimente verbietet, fasst er einen fatalen Entschluss: Er testet die Zellkulturen an sich selbst. Und ändert damit den Lauf der menschlichen Evolution "
(Klappentext)

„Blutmusik“ beginnt mit einem modernen Schreckensszenario: Ein genetisches Experiment wird unauthorisiert durchgeführt und gerät außer Kontrolle. Eine Seuche rafft die Bevölkerung des nordamerikanischen Kontinents dahin. Vergil I. Ulam tauft seine „intelligenten“ Zellen liebevoll „Noozyten“ (griech., nous = Geist) - Zellen, die nicht nur Informationen verarbeiten, sondern sie auch bewerten können. Denken können. Zu Handlungen fähig sind, die man durchaus als „intelligent“ bezeichnen kann. Und sie entwickeln sich rasend schnell: Bald schon haben sie die Menschheit in gewisser Weise überholt und es scheint unmöglich, die inneren Wesen aufhalten zu können. Was als Katastrophenszenario beginnt, mündet in eine phantastische Reise durch eine Welt, die im Wandel begriffen ist.

Bear beschreibt die Veränderungen durch die Noozyten gleichermaßen erschreckend wie auch faszinierend. Was sich da entwickelt, erscheint zunächst ekelerregend - und dennoch zeigt sich eine gewisse Ästhetik. Die Bilder in "Blutmusik" sind geradezu grausig schön. Und kreativ. Es macht richtig Freude, Bears Beschreibungen zu lesen, die stilistisch perfekt zum Inhalt passen. Vordergründig wirkt der Stil eher nüchtern, doch mit zunehmender Seitenzahl liest man mehr und mehr die unterschwellig vorhandenen Anspielungen heraus.
Wo die ersten Seiten noch nach einem schaurigen Bericht über einen fatalen Laborunfall anmuten, klingen die letzten eher nach einem unglaublichen Gedankenexperiment, in dem Bear versucht, mit Hilfe moderner Physik eine phantastische Zukunftsvision zu kreieren - und das gelingt ihm tatsächlich „meisterhaft“! Lediglich die Charaktere wirken am Anfang etwas zu „cool“, gerade zu den Nebencharakteren findet man etwas schwer Zugang. Dies wandelt sich jedoch mit fortschreitender Seitenzahl und die Reaktionen auf die Veränderungen in der Welt wirken sehr authentisch.

Trotz winzig kleiner Ungenauigkeiten bei den wissenschaftlichen Hintergründen, die eventuell auch an der Übersetzung liegen können, entwirft Greg Bear ein durchweg glaubwürdiges Bild des modernen Laboralltags eines Biologen. Die beschriebenen Methoden finden in der Wissenschaft tatsächlich Anwendung - und der Autor beschreibt nicht nur den aktuellen Kenntnisstand, sondern entwirft eigene Ideen. Beispielsweise sieht er in den Introns, die damals allgemein als „Genschrott“ galten, weil sie für nichts codieren, ein riesiges Repertoire an Erinnerungen, die auf zellulärer Ebene gespeichert wurden. Erinnerungen von Menschen, die vor tausenden Jahren gelebt haben, verschüttet in den eigenen Genen.
Und das ist nicht die einzige kreative Idee, mit der Greg Bear aufwartet. In „Blutmusik“ findet man eine Fülle von Gedanken zu modernen Theorien aus der Biologie und der Physik. Der Roman beginnt mit der Biologie und entwickelt sich über ethische und schließlich philosophische Fragen hin zu einem quantenphysikalischen Spektakel. Über „was ist möglich“ mag man sich dabei streiten - fest steht jedoch, dass Greg Bear mit „Blutmusik“ einen einmaligen Science-Fiction Roman geschrieben hat. Wenn man sich Zeit nimmt, seinen Gedanken zu folgen, wird man seine Freude an einem wunderbar recherchierten, ideenreichen Buch haben!

Für „Blutmusik“ erhielt Greg Bear 1984 den Nebula und den Hugo Award - 2008 ist das Buch in der Reihe „Meisterwerke der Science-Fiction“ im Heyne-Verlag neu erschienen und wartet mit einer sehr schönen Aufmachung auf. Das Cover passt perfekt und sieht dazu klasse aus. Dazu gibt es eine hübsche Farbseite im Buch und einen ausführlichen Glossar mit den wichtigsten Begriffen - diesen sollte man sich gründlich anschauen, wenn man mit Naturwissenschaften nicht allzu viel am Hut hat. Ohne diese Basics wird das Verständnis auf der Strecke bleiben!

Fazit:
„Blutmusik“ ist erschreckend schön. Gleichermaßen bizarr wie ästhetisch, ein Feuerwerk an unfassbaren Ideen. Greg Bear nimmt uns mit auf eine phantastische Reise durch Makro- und Mikrokosmos, durch Informationen und Gedanken - durch das Ich - und schafft damit einen zukunftsnahen Roman, dem die Zeit nicht viel anhaben konnte. „Blutmusik“ passt nach wie vor in unsere Zeit, vielleicht sogar besser als 1984. Ein Buch, das man gelesen haben MUSS!

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