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BETA

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BETA

Reihe: Band 1
Titel: BETA
Autor: Rachel Cohn
Genre: Dystopie / Science Fiction / Jugendbuch
Originaltitel: ANANDA Series 1: Beta
Originalverlag: Hyperion
Übersetzer: Bernadette Ott
Buch- / Verlagsdaten: cbt (Februar 2012), gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 17,99 EUR,  ISBN: 978-3-570-16164-7

Eine Besprechung / Rezension von Judith Gor (Weitere Rezensionen von Judith Gor findet ihr hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Website www.literatopia.de)

Elysia arbeitet in einer Boutique, als eine reiche Kundin sie entdeckt und ihre Chefin nach dem Preis fragt – denn Elysia ist ein Teenager-Klon, zwar eine Beta-Version, aber gerade deshalb so faszinierend für Mrs. Bratton. Damit ist sie die erste auf der paradiesischen Insel Demesne, die einen Teen-Klon besitzt und eine Trendsetterin. Mrs. Bratton weist Elysia an, sie „Mutter“ zu nennen und führt sie beinahe liebevoll in ihre Familie ein. Dennoch lässt sie keinen Zweifel daran, dass Elysia kein echter Mensch ist, sondern nur dazu da, die Kinder zu bespaßen und der gelangweilten Hausfrau Zerstreuung zu bieten. Elysia ist wie die anderen Klone ein Sklave, ein als gefühlslos abgestempeltes Wesen, das auf der Trauminsel arbeitet, während die Menschen sich entspannen und keinen Finger krumm machen. Doch Elysia ist anders als andere Klone: sie kann schmecken und entwickelt Emotionen – hat sie eine Fehlfunktion? Oder sind Klone doch mehr als emotionslose Hüllen?

Rachel Cohn inszeniert ihre Dystopie in einem paradiesischen Setting, was sich frisch und originell liest: Die Welt wurde von den sogenannten Water Wars tief erschüttert, doch die Menschen bauen ihre Städte wieder auf und schaffen mitten in der Wüste ganz neue, biomimetische Städte. Demesne hingegen ist dünn besiedelt, nur die reichsten Menschen können es sich leisten, hier zu leben: eine Trauminsel mit violettblauem Wasser, sauerstoffangereicherter Luft und betörenden Blumen. Eine zauberhafte Kulisse zum Entspannen, gekrönt von absoluter Sorglosigkeit und Trägheit. Während auf dem Festland über Rechte für Klone debattiert wird, werden sie auf Demesne als Arbeitskräfte eingesetzt und nachts in kleinen Hütten gelagert. Wer es als Klon weit bringt, wird eine Gesellschafterin oder gar Glamouresse, die dem leiblichen Wohl ihrer Menschen dient.

Bereits zu Beginn, als Elysia gekauft wird, durchziehen Risse die paradiesische Fassade. Dabei hat Elysia Glück, schließlich lebt sie in einer wunderschönen Villa, kann ihre Tage im Pool verbringen und wird für einen Klon nett behandelt. Sie selbst ist überzeugt davon, es gut getroffen zu haben, aber ihr Geschmackssinn und aufkommende Emotionen machen ihr Angst. Sie will nicht defekt sein und ausrangiert werden, also verheimlicht sie ihre „abnormalen“ Eigenschaften. Als frisch geschaffener Klon ist sie schrecklich naiv und tut alles, um ihren Menschen zu gefallen. Doch nach und nach erkennt sie, dass sie wie ein Gegenstand behandelt wird und beginnt innerlich, später auch äußerlich, gegen die Demütigungen zu rebellieren. Die Brattons sind dabei eine Familie, wie man sich reiche Amerikaner vorstellt: Der Mann arbeitet viel und vergnügt sich mit Geliebten, in diesem Fall Glamouressen, die Frau weiß vor lauter Reichtum nichts mit sich anzufangen und die Kinder leiden unter dem Erfolgsdruck, den ihre Eltern ausüben. Der Ältere lenkt sich mit Drogenexperimenten ab, so wie alle der wenigen Jugendlichen auf der Insel. Sowohl das Familienleben der Brattons als auch die Insel Demesne sind nichts als schöne Fassade, durch die sich mit jedem Kapitel mehr Sprünge zieht.

Die erste Hälfte von „BETA“ liest sich ruhig: verschiedene Alltagsszenarien von Elysia werden beschrieben, die das Leben auf der Trauminsel darstellen und immer wieder durchblicken lassen, wie herablassend die Menschen Klone behandeln. Die jugendliche Zielgruppe könnte sich bei den vielen Belanglosigkeiten langweilen, denn der Roman erfordert eine gewisse Sensibilität, um hinter die paradiesische Kulisse zu blicken und den subtilen Horror dieser perfekten Welt zu verstehen. Der Roman wird aus Elysias Sicht erzählt und gestaltete sich anfangs entsprechend emotionslos. Als Elysia nach und nach Gefühle entwickelt, wird der Stil etwas lebendiger, fängt aber die Wandlung der Protagonisten nicht richtig ein – sie bleibt bis zum Ende schwer greifbar und einige ihrer Aktionen sind schwer nachzuvollziehen. Nach dem subtilen Gefühl der Bedrohung in der ersten Hälfte, überschlagen sich in der zweiten Hälfte die Ereignisse, wobei der Roman für ein Jugendbuch zu grausam wird – insbesondere da einige der brutalen Szenen für die Story nicht essentiell sind. Während der Drogenmissbrauch der Jugendlichen auf Demesne zentrales und wichtiges Storyelement ist, wirken die sexuelle Gewalt und blutige Szenen in der zweiten Hälfte des Romans unangebracht.

Mit zunehmender Seitenzahl wird die Geschichte unglaubwürdig. Angefangen damit, dass ein Jugendlicher seine Drogen selbst herstellt bis hin zu Ereignissen, die den Weg für die Fortsetzung bereiten. Man hat das Gefühl, die Autorin hätte ihren Roman schnell zu Ende bringen und dabei möglichst viel Zündstoff für eine weitere Geschichte liefern wollen. Nach der Lektüre bleibt das schale Gefühl, dass „BETA“ als Einzelroman mit einem richtigen Ende besser funktioniert hätte. Der starke Anfang wird von haarsträubenden Entwicklungen überschattet und so bleibt nur die leise Hoffnung, dass Rachel Cohn mit ihrer durchaus spannende Welt im Folgeroman wieder ebenso überzeugen kann, wie in den ersten Kapiteln. Die Altersempfehlung ab 13 Jahren ist bedenklich, hier sollten Eltern überlegen, wie viel man ihrem Kind zumuten kann. Dystopien sind naturgemäß düster, aber hier werden für ein Jugendbuch die Grenzen zu sinnloser Gewalt überschritten.

Fazit

„BETA“ fasziniert mit einem für eine Dystopie ungewöhnlichen paradiesischen Setting und spielt mit dem subtilen Horror einer scheinbar perfekten Welt. Die ersten Kapitel sind atmosphärisch dicht und authentisch geschrieben, doch nach und nach wird die Geschichte von haarsträubenden Entwicklungen überschattet. Diverse Grausamkeiten dienen als reine Schockmomente, wodurch ein schaler Nachgeschmack bleibt. Der starke Anfang lässt dennoch auf eine spannende Fortsetzung hoffen. 3,5 von 5 Punkten.

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